In den meisten Evangelischen Landeskirchen sind Trauungen oder Segnungen homosexueller Paare möglich. In Württemberg würden die
In den meisten Evangelischen Landeskirchen sind Trauungen oder Segnungen homosexueller Paare möglich. In Württemberg würden dies die meisten Dekane auch gern tun – doch im Kirchenparlament kam die notwendige Zweidrittelmehrheit nicht zustande. (Foto: dpa)
Landes-Korrespondentin

Viele Pfarrer der Evangelischen Landeskirche Württemberg wollen endlich homosexuelle Paare öffentlich segnen. Doch das Kirchenparlament, die Synode, verbietet das. 80 Prozent der Dekane in Württemberg fordern Landesbischof Frank Otfried July nun zum Handeln auf. Er soll Schluss machen mit dem „unhaltbaren, unwürdigen Zustand für die Pfarrer“, wie es Co-Dekan Gottfried Claß aus Friedrichshafen formuliert.

Antrag auf eigene Entscheidung der Gemeinden knapp abgelehnt

In der Landeskirche Baden können sich gleichgeschlechtliche Paare trauen lassen. So weit geht nicht jede der 20 Landeskirchen in Deutschland, doch fast alle bieten Homosexuellen eine öffentliche Segnung. Nicht so die württembergische: Der Oberkirchenrat hatte zur Herbsttagung der Synode Ende November einen mehrfach überarbeiteten Kompromiss vorgelegt. Er sollte eine Brücke schlagen zwischen den Pietisten in der Landeskirche, die eine Segnung nur der Verbindung von Mann und Frau vorbehalten wollen, und den progressiveren Kräften, die unterschiedlichen Behandlungen von getrennt- und gleichgeschlechtlichen Paaren abschaffen wollen. Jede Kirchengemeinde sollte künftig mit Dreiviertelmehrheit beschließen können, dass ihr Pfarrer auch Homosexuelle in einem öffentlichen Gottesdienst segnen darf.

Dem Antrag fehlten zwei Stimmen für die erforderliche Zweidrittelmehrheit in der Synode. Zu groß war letztlich der Widerstand der Pietisten der Lebendigen Gemeinde, die die größte Gruppe innerhalb des Kirchenparlaments stellt. Ralf Albrecht, Vereinsvorsitzender der Lebendigen Gemeinde und Dekan für den Kirchenbezirk Nagold, wollte sich zum Thema auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ nicht äußern.

„Schallende Ohrfeige“

„Für viele in der Kirche engagierte gleichgeschlechtlich lebende Menschen war das eine schallende Ohrfeige“, sagt Co-Dekan Claß aus Friedrichshafen. Der Pietismus gehöre zur Landeskirche, deshalb sei man den Vertretern dieses konservativen Lagers weit entgegengekommen. „Dass das nicht als Brückenschlag verstanden wurde, fand ich bedauerlich“, so Claß.

Also hat er eine Initiative gestartet. Mit den anderen Dekanen und der Prälatin des Sprengels Ulm hat Claß einen öffentlichen „Einwurf“ an den Landesbischof verfasst. Die Unterzeichner fordern Bischof July darin auf, eine kirchliche Amtshandlung zur Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren zu entwickeln. Denn: „Ohne eine öffnende Regelung werden wir auf absehbare Zeit mit einer Fülle von schwerwiegenden Gewissenskonflikten in dieser Sache konfrontiert werden.“ Dem Aufruf der Dekane aus der Prälatur Ulm haben sich mittlerweile 40 der insgesamt 50 Dekane der Landeskirche angeschlossen.

Etliche Pfarrer verstoßen bewusst gegen Kirchenrecht

In grenznahen Gebieten, etwa am Bodensee, lassen sich Homosexuelle in der angrenzenden Badischen Landeskirche trauen. Etliche Pfarrer segnen gleichgeschlechtliche Paare aber auch in Württemberg öffentlich und verstoßen damit wissentlich gegen das Kirchenrecht, weiß der Biberacher Dekan Hellger Koepff. „Eine im Verborgenen stattfindende Lösung finde ich nicht gut“, sagt er und bringt den Konflikt innerhalb der Landeskirche so auf den Punkt: „Meine Gewissensentscheidung, homosexuelle Menschen in einem öffentlichen Gottesdienst zu segnen, wird weniger geachtet als die Gewissensentscheidung derer, die sagen: Das geht gar nicht.“ Segnungen hinter verschlossenen Türen empfänden viele Paare als Segen zweiter Klasse.

Eine Frage des Gewissens

Manfred Metzger, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Unterkochen-Ebnat im Ostalbkreis, sieht das ähnlich. „Man hat uns die Gewissensfreiheit nicht zugestanden, während die anderen das immer für sich rausnehmen. Das ist der fade Beigeschmack.“ Mit seiner Gemeinde ist er vor Kurzem der Initiative Regenbogen beigetreten, die sich für die Segnung Homosexueller einsetzt und auch dafür, dass Geistliche in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften im Pfarrhaus leben dürfen. Die Initiative versteht sich als „sichtbares Gegengewicht“ zu den konservativen Kräften in der Landeskirche.

Vor knapp zwei Jahren hat Pfarrerin Gisela Dehlinger mit Gleichgesinnten die Initiative gegründet, der mittlerweile 30 Kirchengemeinden angehören. Sie beklagt die „Kompromissunfähgigkeit“, die im Beschluss der Synode sichtbar wird.

Sie hofft, dass der öffentliche Widerstand dagegen von Dauer ist. „Es ist das Bohren dicker Bretter, bis es eine neue Regelung gibt“, sagt Dehlinger. „Wir bohren an diesem Brett schon seit 20Jahren. Aber für die, die nicht unmittelbar betroffen sind, kommt möglicherweise wieder Alltag.“ Dann rücke das Thema in den Hintergrund – bis zur Kirchenwahl Ende 2019, wenn die Synodalen neu gewählt werden, glaubt Dehlinger. „Das wird ein Wahlkampfthema.“

Gespräche über Kompromiss

So lange soll eine Einigung nicht auf sich warten lassen, sagt ein Sprecher von Bischof July. Dieser habe bereits in der Adventszeit Gespräche geführt, um einen Kompromiss zwischen den Lagern zu erreichen. „Hätten wir einen Plan B, der ohne Synode leicht umsetzbar wäre, hätten wir den schon aus der Tasche gezogen“, so der Bischofssprecher.

So werde derzeit auch juristisch geprüft, ob der Oberkirchenrat eine Regelung ohne die Synode treffen könne. „Die meisten Beteiligten wünschen sich eine gute und schnelle Lösung“, weiß der Sprecher – und die soll noch vor den Kirchenwahlen kommen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen