Thomas Hagmann und seine Mutter Gertrud auf dem Hof Lichtenfeld: Aus Erzählungen wissen sie, dass Thomas Hagmanns Großvater Karl 1914 an die Front musste, der Hof aber weiterbetrieben wurde. (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Miriam Augustin

Auf der Koppel toben sich die Pferde aus. Es ist kühl, doch die ersten Sonnenstrahlen scheinen die Tiere an diesem Morgen übermütig zu machen. „Sicherlich war es für meinen Großvater schwer, als er damals seine Pferde für den Krieg abgeben musste“, sagt Thomas Hagmann. Der 50-Jährige leitet das Hofgut Lichtenfeld in Ebersbach-Musbach bei Bad Saulgau – wie schon sein Vater und sein Großvater vor ihm. Pferdezucht gehörte für die Familie Hagmann, die den Hof 1912 als Pächter vom Haus Württemberg übernahm, schon immer mit dazu.

Thomas Hagmann und seine Mutter Gertrud können viel über den traditionsreichen Hof berichten, der bereits im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde. Hektar für Hektar atmet der Boden Geschichte. Das Hauptgebäude, die große Scheune und das Gartenhaus stammen aus dem 17. Jahrhundert. In der Wohnstube schauen sich Mutter und Sohn bei einer Tasse Kaffee alte Fotografien an. Darunter ist auch ein Bild vom Großvater: Karl Hagmann, geboren 1886, stützt sich auf einen Gehstock. 1914, gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde er eingezogen – zwei Jahre, nachdem er den Hof als Pächter übernommen hatte. Das lange Liegen im Schützengraben habe bei ihm Muskelschwund verursacht, unter dem er Zeit seines Lebens gelitten habe, berichtet Gertrud Hagmann, selbst Jahrgang 1935, über den Schwiegervater.

Während der Bauer und viele Angestellte des Hofes im Krieg waren, musste die Arbeit zu Hause auf den Feldern weitergehen. Der Staat forderte kriegswichtige Abgaben – neben den Feldfrüchten auch die Pferde, die der ganze Stolz des Bauern waren.

Im Fall des Hofguts Lichtenfeld übernahm ein Verwalter die Geschäfte. Ihr Schwiegervater habe nie große Worte über Vergangenes gemacht, sagt Gertrud Hagmann. Sie weiß aber aus Erzählungen zu berichten, dass die Versorgungslage auf dem Hof gut war, und dass niemand hungern musste.

Die Männer fehlten

Das können auch Fachleute bestätigen. „Auf dem Land ist, im Gegensatz zu den Städten, niemand verhungert“, sagt Stefan Zimmermann, der Leiter des Wolfegger Bauernhausmuseums. Hier hat gerade eine Ausstellung über den Ersten Weltkrieg eröffnet. Das Besondere: Die Macher werfen einen Blick auf die ländlichen Regionen Oberschwaben und Allgäu. „Der Krieg hat vom ersten Tag an den Alltag auf dem Land bestimmt“, erklärt Kuratorin Andrea Schreck. Die offensichtlichste Folge des Krieges für die Bauernhöfe: Väter, Söhne und Brüder wurden eingezogen und fehlten als Arbeitskräfte.

„Schon allein der Ausbruch des Krieges im August kam wegen der bevorstehenden Erntezeit – salopp formuliert – äußerst ungelegen“, ergänzt Museumsleiter Zimmermann beim Rundgang durch die Ausstellung.

In den ersten beiden Kriegsjahren habe man ab und an Rücksicht genommen, wenn Soldaten aus Bauernfamilien für die Erntezeit Fronturlaub beantragten. Doch spätestens ab 1916 war der Einsatz im Schützengraben wichtiger als die Feldarbeit.

In der Heimat übernahmen derweil Frauen, Jugendliche und ältere Männer die Arbeit. Belegt ist, dass sich Schulverwaltungen beschwerten, weil junge Leute den Unterricht schleifen ließen, um im Familienbetrieb mit anzupacken.

Der Staat richtete zentrale Lager, etwa für Getreide, ein und legte Preise für die Abgaben der Bauern fest. Propagandaplakate sollten die Menschen an der sogenannten Heimatfront von der Bedeutung ihrer Aufgabe überzeugen: „Ein deutsches Mädchen sorgt für Brot“, steht zum Beispiel auf einem Plakat geschrieben, das in der Wolfegger Ausstellung zu finden ist. Ob die Frauen allerdings aus Nationalstolz zu Pflug und Dreschflegel griffen, darf bezweifelt werden. „Was über den Eigenbedarf hinausging, musste abgegeben werden. Wenn die Väter, Ehemänner oder Brüder an der Front waren, leistete man das, damit die Soldaten keinen Hunger leiden mussten“, erklärt der Historiker Professor Jochen Oltmer von der Uni Osnabrück.

Was die Begeisterung der Landbevölkerung für den Ersten Weltkrieg anging, sind auch die Ausstellungsmacher in Wolfegg skeptisch. „Es gibt dazu kaum Quellen, doch in Oberschwaben oder im Allgäu war man auch gedanklich weit entfernt vom preußischen Zentralstaat“, erklärt Museumsleiter Zimmermann. Er empfindet zudem die Kriegspropaganda der damaligen Zeit als unbeholfen und deutet auf ein Plakat. Darauf steht zu lesen: „Baut mehr Kartoffeln an! Die deutsche Kartoffel muss England besiegen.“

Doch die deutsche Kartoffel konnte die in Kriegszeiten fehlenden Importe aus dem Ausland nicht ersetzen. Bald mangelte es den Bauern an Dünger, dementsprechend sank der Ertrag: Wurden im Jahr 1914 im Deutschen Reich noch 27 Millionen Tonnen Getreide geerntet, waren es 1918 nur noch 17 Millionen Tonnen. Bei Kartoffeln ging der Ertrag von 52Millionen Tonnen auf 29 Millionen zurück.

Dabei war der Bedarf an Nahrungsmitteln nicht zuletzt durch die zahlreichen Kriegsgefangenen sogar gestiegen. „Das Deutsche Reich hatte zweieinhalb Millionen Kriegsgefangene, die natürlich ernährt werden mussten“, erklärt der Historiker Oltmer. Schon ab 1915 wurden Russen, Polen oder Briten zum Arbeiten in die Fabriken oder in die Landwirtschaft geschickt. Der Bedarf an Arbeitskräften war riesengroß und jede helfende Hand willkommen. 900000 Kriegsgefangene wurden in der Landwirtschaft eingesetzt.

Zahlreiche Kriegsgefangene

In der Ausstellung im Wolfegger Bauernhausmuseum ist eine Fotografie zu sehen, die eine Bauernfamilie mit zwei Kriegsgefangenen zeigt. Die Szene hat nichts Bedrohliches. Es gab zwar durchaus Fluchtversuche, doch es ist anzunehmen, dass die Gefangenen die Arbeit auf dem Bauernhof einem überfüllten Gefangenenlager mit schlechter Verpflegung vorzogen. Zudem gab es auf vielen Höfen zivile Arbeitskräfte, etwa aus Polen, die schon vor dem Krieg auf deutschem Boden gearbeitet hatten, nach dem Kriegsausbruch aber nicht mehr ausreisen durften. Sie kehrten erst 1918 in ihre Heimat zurück.

Wer den Krieg überlebte, war häufig an Körper und Seele verwundet. „Die Kriegsversehrten waren auch in den Dörfern präsent. Die Männer, denen ein Arm oder ein Bein fehlte, konnten auf ihren Höfen nicht mehr mit anpacken“, erklärt Kuratorin Andrea Schreck. Das sei häufig ein schwerer Schlag für die Familien gewesen.

Trotz seiner Verwundung übernahm Karl Hagmann das Hofgut Lichtenfeld nach Kriegsende wieder. Das fiel ihm auch leicht, weil die härtesten Arbeiten von gut 20 Mitarbeitern übernommen wurden. Dass er aber ein Vierteljahrhundert später noch einmal in den Krieg würde ziehen müssen, konnte sich Karl Hagmann 1918 wohl nicht ausmalen. Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er in den sogenannten Volkssturm gerufen. Er hatte Glück: Nach diesem Einsatz konnte Hagmann ein zweites Mal auf seinen Hof zurückkehren.

Die Ausstellung im Wolfegger Bauernhausmuseum (Vogter Straße 4) hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Mehr unter: www.bauernhausmuseum-wolfegg.de.

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