Diese Mine aus dem Zweiten Weltkrieg wurde 2008 vom Kampfmittelräumdienst aus dem Bodensee nahe der Insel Mainau gehoben.
Diese Mine aus dem Zweiten Weltkrieg wurde 2008 vom Kampfmittelräumdienst aus dem Bodensee nahe der Insel Mainau gehoben. (Foto: Db Kampfmittelräumdienst)
Schwäbische Zeitung

Der Zweite Weltkrieg ist schon lange Geschichte, aber selbst für die jüngere Generation bleibt er ein Thema – auch jenseits des Geschichtsunterrichts. Der Grund: Jeden Tag wird irgendwo in Deutschland mindestens ein Sprengkörper unschädlich gemacht, werden laufend überall im Bundesgebiet Bomben gefunden. Oft geschieht die Entschärfung unter Ausschluss einer größeren Öffentlichkeit auf lokaler Ebene, manchmal aber auch unter spektakulären Umständen. Allein in den vergangenen neun Monaten gab es drei große Evakuierungen, zuletzt gar die größte der deutschen Nachkriegsgeschichte im Frankfurter Westend. Wegen einer gewaltigen britischen Fliegerbombe mit 1300 bis 1400 Kilogramm Sprengstoff mussten 60 000 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Tags zuvor waren in Koblenz 20 000 Menschen evakuiert worden, und an Weihnachten hatten 54 000 Augsburger nach einem Bombenfund um ihre Häuser und Wohnungen gebangt.

Entschärfung ist Ländersache

Schwerpunktmäßig sind Großstädte betroffen wie die genannten, aber „auch draußen auf dem Acker“ hat der Kampfmittelräumdienst immer wieder zu tun, wie Ralf Vendel erzählt. Der 51-Jährige ist Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Baden-Württemberg (KMBD). Das Bombenräumen ist Sache der einzelnen Länder, nicht des Bundes – so regelt es das „Gefahrenabwehrrecht“.

„Immer noch“, berichtet Vendel, „haben wir zwischen 850 und 950 Munitionsfundmeldungen pro Jahr, zwischen 60 und 100 Tonnen Munition jährlich bergen wir.“ Es gebe auch „Ausreißerjahre“: 2012 waren es Vendel zufolge fast 200 Tonnen. Das explosive Erbe des Zweiten Weltkriegs ist gewaltig – und gefährlich: Seit Kriegsende haben allein in Baden-Württemberg 13 Mitarbeiter der Kampfmittelbeseitigung mit ihrem Leben bezahlt – der letzte allerdings schon 1955.

Moderne Technik macht die gefährliche Arbeit sicherer, aber nicht sicher: 2010 kamen in Göttingen drei Kollegen ums Leben, als eine Bombe hochging, noch bevor sie sie berührt hatten.

Vendel und sein 32-köpfiges Team, das dem Regierungspräsidium Stuttgart unterstellt ist, haben des öfteren auch am Bodensee zu tun. Vor allem rund um Friedrichshafen, denn die Stadt war ein Zentrum der Rüstungsindustrie und damit eines der Hauptziele der alliierten Flieger, die mehrere Millionen Tonnen an Sprengkörpern über Deutschland abgeworfen hatten. Regelmäßig werden in der 60 000-Einwohner-Stadt am nördlichen Bodenseeufer Sprengkörper entdeckt. Erst im Juli wurde im Stadtteil Allmansweiler eine Phosphorbombe geborgen, und im März gab es in Seemoos einen spektakulären Torpedofund.

Daran war auch Christoph Rottner beteiligt, einer der Taucher des KMBD. Rottner rechnet mit weiteren Einsätzen im Bodensee. „Da dürfte schon einiges drin liegen, bisher haben wir noch nicht viel gefunden.“ Auch gebe es Hinweise auf Flugzeugwracks im Wasser.

Handgranate im Strandbad Lindau

Zuletzt waren allerdings die Kollegen aus Bayern im Einsatz: Erst im August hatten drei Mädchen beim Baden in Lindau eine Weltkriegshandgranate entdeckt. Das Bodensee-Strandbad in Lindau wurde daraufhin gesperrt, der Kampfmittel- räumdienst aus München konnte die Granate bergen und abtransportieren.

Dass allerdings größere Mengen Munition im Wasser lagern und vor sich hinrosten, wie das in Nord- und Ostsee der Fall ist, glauben die zuständigen Behörden nicht. Im Mai berichtete die „Schwäbische Zeitung“ von einer Fachkonferenz in Rostock, die sich mit den Folgen der verrottenden Kampfmittel auf dem Meeresboden beschäftigte. Nach den Weltkriegen wurden in der Nord- und Ostsee Schätzungen zufolge etwa 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220 000 Tonnen chemische Kampfmittel versenkt. Forscher hatten festgestellt, dass die rostenden Kampfstoffe TNT freisetzten, das sie für eine erhöhte Rate an Lebertumoren von Fischen verantwortlich machten.

Derlei Auswirkungen sind im Bodensee offenbar nicht zu erwarten. Experten und Behörden sind sich weitgehend einig, dass eine größere Verklappung von Kampfmitteln dort nicht stattgefunden hat. „Meines Wissens ist das nicht in größerem Stil geschehen“, sagt Vendel. „Mir ist jedenfalls nichts bekannt.“ Auch dem Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Stuttgart nicht. Frank Lorho von der Pressestelle mailte der „Schwäbischen Zeitung“ diese Stellungnahme: „Uns liegen keine Informationen/Schätzungen darüber vor, wonach die Mengen der in den See gelangten konventionellen und chemischen Kampfmittel mit denen in Ost- und Nordsee vergleichbar sein könnten. Auffälligkeiten bei Fischen mit Bezug auf Kampfmittel sind uns nicht bekannt.“

Das deckt sich mit den Erkenntnissen von Martin Wessels. Der Stellvertretende Leiter des Langenargener Instituts für Seenforschung, das ebenso wie die Schweizer Armee und die Wasserschutzpolizei mit dem KMBD zusammenarbeitet, hat „gesicherte Erkenntnisse, dass es keine großen Verklappungsmanöver ge geben hat.“ Er wolle aber nicht ausschließen, dass noch mehr Kampfmittel im See liegen. Auch gebe es Flugzeuge, die in den See gestürzt sind. Wie der Taucher Rottner hat auch Wessels von Gerüchten gehört, wonach im Untersee bei Radolfzell größere Mengen Munition versenkt worden sein sollen. Auch Uwe Wichert, ein ehemaliger Berufssoldat und nun freier Berater für verschiedene Arbeitskreise und -gruppen in Bezug auf historische Daten zu Munitionsaltlasten, hält eine Entsorgung von liegen gebliebener Munition angesichts des Vormarschs der Alliierten für wahrscheinlich. Spekulationen.

Ein Ende ist nicht in Sicht

Sicher ist nur, dass der Bodensee wegen der Anlagen der Rüstungsindustrie „was abbekommen hat“. Das sei „klar“, sagt Ralf Vendel. Deswegen wird der KMBD auch weiterhin aufgekauftes Kartenmaterial aus Großbritannien und den USA auswerten. „In den nächsten Jahren stehen mehrere Sucharbeiten an – so weit wir dazu kommen.“ Ein Ende der Räumungsarbeiten ist nicht in Sicht. Experten vermuten noch Zehntausende, vielleicht hunderttausend Bomben in bundesdeutschem Boden. Und im Wasser. Ein Kollege Vendels aus Brandenburg, einem Hauptschauplatz des Krieges, hat der „Süddeutschen Zeitung“ gegenüber kürzlich angekündigt: „Wir werden noch 25 Jahre gut zu tun haben.“

Das ist auch in Baden-Württemberg nicht anders, Vendel macht sich keine Sorgen, dass ihm die Arbeit ausgeht. „Ich brauche um meine Rente keine Angst zu haben.“ Für die Allgemeinheit ist das keine gute Nachricht.

Karte: entschärfte Bomben in Baden-Württemberg

Bombenentschärfungen in Baden-Württemberg

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