„Das nächstgelegene Krankenhaus ist nicht immer auch das richtige“

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Die Hilfsfristen in Baden-Württemberg besagen, dass sowohl Rettungswagen als auch Notarzt spätestens 15 Minuten nach der Alarmie
Die Hilfsfristen in Baden-Württemberg besagen, dass sowohl Rettungswagen als auch Notarzt spätestens 15 Minuten nach der Alarmierung beim Patienten sein müssen. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Kommt der Rettungswagen rechtzeitig? Um diese Frage gibt es in Baden-Württemberg immer wieder Debatten. Was sich ändern muss und warum längere Wege ins Krankenhaus nicht immer schlecht sind, erläutert Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Barmer-Krankenkasse, im Gespräch mit Katja Korf.

Herr Plötze, der ehemalige Staatssekretär Martin Jäger hat über den Rettungsdienst im Land gesagt: „Wenn ich verunglücken sollte, dann hoffentlich in Baden-Württemberg“. Haben Sie ein ähnlich großes Vertrauen?

Wir können grundsätzlich zufrieden sein mit dem Rettungsdienst. Fest steht aber, dass wir einiges verbessern müssen. Schon die Leitstelle sollte nicht direkt einen Rettungswagen losschicken, sondern einschätzen, ob ein Patient besser in einer Notfallpraxis oder in einer Facharztpraxis aufgehoben ist. Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass Patienten die richtige Notrufnummer wählen.

Was heißt das?

Von 100 Versicherten kennen höchstens 20 die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, die 116 117. Dort kann ich anrufen, wenn es mir nicht gut geht, ich aber noch kein medizinischer Notfall bin. Die 112 wird zu oft angerufen. Das führt zu unnötigen Rettungsfahrten. Darüber hinaus gehen viele Patienten direkt in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Rund 30 Prozent der Patienten dort sind aber keine klassischen Notfälle.

Wie kann man da Abhilfe schaffen?

Diese Telefonnummer 116 117 gibt es seit 2012. Die Kassenärztliche Vereinigung muss viel mehr Werbung dafür machen. Und jeder Bürger muss sich fragen, ob er das Notfallsystem missbraucht und gleich die 112 wählt, obwohl kein Notfall vorliegt.

Hilfsfristen in Baden-Württemberg geben Folgendes vor: Rettungswagen und Arzt müssen in 15 Minuten beim Patienten sein. Diese Limits werden nur in sieben der 34 Rettungsdienstbereiche eingehalten. Besorgt Sie das?

Wer nur auf diese Hilfsfristen schaut, springt zu kurz. Ebenso entscheidend sind weitere Fragen: Wie schnell kommt der Patient in einem Krankenhaus an, wie rasch erfährt er dort die richtige Behandlung, wie weit ist der Weg in einen Operationssaal und arbeitet ein Ärzteteam in einer zentralen Notaufnahme zusammen? Die Hilfsfrist ist ein wichtiger Baustein im Rettungswesen, aber eben nur einer unter vielen.

So schnell können Notärzte vor Ort sein

Diese doppelte Hilfsfrist, bei der sowohl Rettungswagen als auch Notarzt in 15 Minuten vor Ort sein müssen, gibt es nur in Baden-Württemberg. Macht das Sinn?

Die gesetzlichen Krankenkassen stecken 110 Millionen Euro in die neue Ausbildung zum Notfallsanitäter. Diese werden ein Jahr länger und damit noch besser qualifiziert als die bisherigen Rettungsassistenten. Deshalb müssen wir die doppelte Hilfsfrist auf den Prüfstand stellen. Der Notfallsanitäter kann künftig viel mehr selbst machen als bisher. Das entlastet die Notärzte.

Innenminister Thomas Strobl (CDU) hat Pläne für eine Reform des Rettungswesens vorgestellt. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich ist das Land auf dem richtigen Weg. Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen hat zuletzt seine Ideen vorgestellt, wie ein dreistufiges Notfallkonzept aussehen könnte. Daran sollten wir uns orientieren.

Was würde das in der Praxis bedeuten?

Notfall ist nicht gleich Notfall. Das reicht von leichteren Verletzungen bis zu schwersten Traumata. Krankenhäuser sollten sich je nach Größe und Ausstattung auf eine der drei Stufen spezialisieren. Der Notarzt vor Ort entscheidet, welche Art der Versorgung der Patient benötigt: Basis-, erweiterte oder Traumaversorgung. Dementsprechend würde er eine geeignete Klinik ansteuern. In Baden-Württemberg kamen 2015 nur 71 Prozent der Traumapatienten in ein darauf spezialisiertes Krankenhaus. Da kann ich nur hoffen, dass ich im Notfall nicht zu den übrigen 29 Prozent gehöre. Nicht immer ist das nächste erreichbare Krankenhaus auch das richtige.

Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) forciert den Trend hin zu größeren Klinikzentren. Das führt auch zu Schließungen sehr kleiner Häuser. Damit werden Wege zur nächsten Klinik weiter. Was heißt das für die Notfallversorgung?

Der Minister ist auf dem richtigen Weg. Ohne Konzentration und Spezialisierung können Krankenhäuser keine gute Medizin bieten. Für den Rettungsdienst heißt das, dass auch Rettungswagen technisch so hochwertig wie möglich ausgestattet sein müssen. Damit steigt die Behandlungsqualität.

Aber die Wege werden dennoch weiter ...

Ja. Aber nehmen Sie folgendes Beispiel: In Deutschland sterben Patienten doppelt so oft wie in anderen europäischen Ländern an einem Herzinfarkt, da liegen wir im Vergleich nur auf Platz 25 von 32 Staaten. Dabei haben wir die höchste Dichte an Krankenhäusern. Viele Kliniken zu betreiben, gewährleistet nicht unbedingt eine bessere Versorgung. Es geht vielmehr darum, den Rettungsprozess insgesamt zu optimieren. Die Qualität wird trotz weiterer Wege sogar steigen, auch im ländlichen Raum. Deswegen dürfen wir eben nicht mehr in jedem Krankenhaus jede Art der Notfallversorgung zulassen.

Sie kritisieren die Art und Weise, wie Leitstellen Einsätze managen. Wo liegen nach Ihrer Meinung die Probleme?

Wie haben 34 Rettungsdienstbereiche in Baden-Württemberg. An den Landkreisgrenzen kann es schon mal passieren, dass zwei unterschiedliche Anbieter für ein Gebiet zuständig sind und dann auch losgeschickt werden. Oder man muss erst abstimmen, wer ausrückt. Das ist ineffizient. Man muss prüfen, ob man bestimmte Bereiche nicht zusammenlegen kann.

Wie viele Leitstellen wären aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Derzeit werden in der Debatte Zahlen wie sieben oder zwölf genannt. Da will ich mich nicht festlegen, die Größenordnung aber ist die richtige. Es ist absolut notwendig, hier standardisierte Verfahren für ganz Baden-Württemberg zu schaffen. Das sehen ja auch die Pläne des Innenministeriums für eine Reform des Rettungsdienstes vor. Das begrüßen wir.

Was muss sich in den Leitstellen noch ändern?

Disponenten müssen künftig medizinisch so gut ausgebildet sein, dass sie am Telefon einschätzen können, ob ein Rettungseinsatz notwendig ist, ob man den Patienten an eine Ambulanz oder einen Facharzt verweisen kann. Dazu benötigen die Leitstellen die entsprechende Technik. In der Schweiz werden 60 Prozent der Notfälle schon am Telefon optimal eingestuft. So setzte man Notärzte und Sanitäter wirklich nur da ein, wo ein echter Notfall vorliegt.

So bewerten Patienten Krankenhäuser in der Region

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