Coronavirus legt öffentliches Leben in großen Teilen lahm

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Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen)
Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen). (Foto: Sebastian Gollnow / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Bars, Kinos und Museen dicht, Veranstaltungen verboten und abgesagt: Die Coronavirus-Pandemie legt große Teile des öffentlichen Lebens im Südwesten lahm. Noch bevor in der kommenden Woche auch noch alle Schulen und Kitas geschlossen werden und Eltern damit vor einem weiteren Problem stehen, zeigten sich schon am Wochenende die Auswirkungen der drastischen Maßnahmen, mit denen die Regierung die Ausbreitung des neuartigen Virus eindämmen will.

Händler berichten von sinkenden Umsätzen und verunsicherten Kunden. Der Ministerpräsident und seine Wirtschaftsministerin riefen Unternehmen und Beschäftigte dazu auf, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen. Innenminister Thomas Strobl (CDU) bat den Bund erneut darum, die Grenze zu Frankreich stärker zu kontrollieren.

In Stuttgart müssen auf Anordnung der Stadt sämtliche Clubs, Bars, Museen, Kinos oder Bäder geschlossen bleiben. Auch Städte wie Karlsruhe, Mannheim und Heilbronn sprachen umfassende Verbote aus. Größere Veranstaltungen in geschlossenen Räumen sind ohnehin landesweit untersagt. Busse und Bahnen fahren weiter, auch der Einzelhandel und Restaurants dürfen öffnen. Besuche in Alten- und Pflegeheimen sowie Krankenhäusern sind dagegen landesweit weitgehend verboten. Die Spielbanken in Baden-Baden, Konstanz und Stuttgart sind dicht. Die Staatsoper Stuttgart spielt nur noch digital, das Staatstheater in Karlsruhe gar nicht mehr.

Die Landes-SPD sagte am Wochenende sämtliche Veranstaltungen bis Ende April ab. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg empfahl ihren Gemeinden, vorerst auf Gottesdienste zu verzichten.

Auf dem Feldberg, dem größten und bedeutendsten Wintersportgebiet in Baden-Württemberg, sind die Skipisten immerhin noch bis Sonntag geöffnet, dann ist auch dort Schluss. Von Montag an ist zudem die Wasserwelt „Rulantica“ im Europa-Park Rust geschlossen. Die Stuttgarter Wilhelma und auch der Karlsruher Zoo hingegen bleiben offen.

Strobl wandte sich am Samstag in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und bat sie „dringend“ um die Wiedereinführung von Grenzkontrollen zu Frankreich. „Mir ist bewusst, dass eine solche Maßnahme in einem vereinten Europa eine schwierige Entscheidung ist“, schrieb er. Gerade Baden-Württemberg habe enge Verbindungen zu seinem Nachbarn. „Die weitere Ausbreitung des Corona-Virus macht es aber notwendig, dass wir diese Verbindung zumindest vorübergehend stärker kontrollieren, um so das Risiko weiterer Ansteckungen für die Menschen im Grenzraum zu reduzieren.“ Die französische Region Grand-Est, die an Baden-Württemberg grenzt, ist vom Robert Koch-Institut als Risikogebiet eingestuft worden.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte am Freitag an die Bürger appelliert, soziale Kontakte auf das unbedingt Notwendige zu beschränken. „Das ist jetzt erste Bürgerpflicht“, sagte der Regierungschef. „Jeder Kontakt, auf den Sie verzichten, hilft uns.“

Die Tische vor Cafés in der Stuttgarter Innenstadt waren bei Sonnenschein und Temperaturen von um die zehn Grad am Samstag trotzdem gut besetzt. Die Königstraße, die zentrale Einkaufsmeile, wirkte allerdings weniger belebt als sonst. Auch in der U-Bahn und am Hauptbahnhof waren dem ersten Anschein nach weniger Menschen unterwegs als sonst am Wochenende. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte bereits Anfang der Woche Menschen dazu ermuntert, öfter zu Fuß zu gehen oder Rad zu fahren, statt den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen.

Deutlich sichtbar war die besondere Situation am Samstag in vielen Supermärkten, wo sich lange Schlangen an den Kassen bildeten und Produkte wie Toilettenpapier oder haltbare Lebensmittel dem Anschein nach wieder stark gefragt waren. Die Bundesregierung betonte erneut ausdrücklich, dass es keinen Anlass für Hamsterkäufe gebe. Auch mehrere große Supermarktketten machten angesichts einer erhöhten Nachfrage klar, dass der Nachschub gesichert sei.

Der Handel insgesamt fürchtet angesichts der drastischen Einschränkungen um die Existenz vieler Geschäfte. Die Händler im Südwesten stünden im Moment vor den größten organisatorischen und logistischen Herausforderungen aller Zeiten, sagte ihr Verbandspräsident Hermann Hutter am Samstag und forderte umfassende Unterstützung von Seiten der Politik. „Viele Händler im Land brauchen die Hilfen schnellstmöglich, sonst werden Betriebe vor dem Aus stehen“, warnte er. Dass die Fixkosten weiter liefen, die Umsätze aber zurückgingen, bringe viele der 40 000 Betriebe im Land in Existenznöte.

Laut einer Umfrage des Verbandes klage bereits die Mehrheit der Händler über Umsatzeinbrüche um bis zu 50 Prozent. Die Zahl der Kunden in den Geschäften gehe zurück, und die Kunden, die noch kämen, seien stark verunsichert. Fast alle befragten Händler fürchteten zudem noch eine weitere Verschärfung der Situation, hieß es. „Wir hoffen nun vor allem darauf, dass die Politik die Nerven behält und die Geschäfte offen bleiben dürfen“, sagte Hutter.

Dass nun ab Dienstag auch noch die Schule ausfällt, bereitet den Händlern, die ja auch Arbeitgeber sind, zusätzliche Sorgen - aber nicht nur ihnen. Die Landesregierung appellierte am Samstag an die Kompromissbereitschaft und die Flexibilität von Arbeitgebern und Beschäftigten. „Uns ist bewusst, dass die Schließung der Schulen und Kitas insbesondere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Kindern sowie deren Arbeitgeber vor große Herausforderungen stellt“, betonten Kretschmann und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU).

„Wir appellieren daher eindringlich an die Unternehmen, bei der Ausgestaltung der Arbeitszeiten und der Genehmigung von Home Office alle Spielräume zu nutzen und größtmögliche Flexibilität zu bieten“, schrieben sie weiter. „Außerdem setzen und hoffen wir auf die gegenseitige Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme innerhalb der Belegschaft.“ Von den Schul- und Kita-Schließungen könnten bis zu 1,6 Millionen Familien und Alleinerziehende mit Kindern betroffen sein.

Bis zum Samstag waren in Baden-Württemberg bei den dortigen Behörden 827 Infektionen bestätigt. Es seien vom Landesgesundheitsamt 258 weitere bestätigte Fälle gemeldet worden, teilte das Sozialministerium am Samstagabend in Stuttgart mit. Nach Angaben des Robert Koch-Institutes vom Samstagabend waren in Baden-Württemberg 569 Menschen infiziert - die Zahlen differieren häufiger. Drei Menschen sind bisher nachweislich an den Folgen einer Infektion gestorben.

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