Burschentag auf der Wartburg in Eisenach am 1. Juni 2012: Schon damals knirschte es im Gebälk der deutschen Burschenschaft. (Foto: dapd)
Michael Lehner

Der Richtungskampf unter den deutschen Burschenschaften erreicht einen neuen Höhepunkt. Am letzten Wochenende verließen zwei große Verbindungen unter Protest gegen rechtsradikale Tendenzen den Dachverband Deutsche Burschenschaft: Neben der Stuttgarter „Ghibellinia“ die Münchner „Franco Bavaria“, zu deren prominenten Mitgliedern der CSU-Politiker Peter Ramsauer gehört.

Ramsauer hatte seinerseits gedroht, seine Verbindung zu verlassen, falls der Austritt aus dem Dachverband scheitern sollte. Diese Drohung war wohl nicht nötig: Von 200 anwesenden Mitgliedern stimmten nur 17 gegen den Austritt aus der Deutschen Burschenschaft, welcher der Bundesverkehrsminister „immer dreister werdende rechtslastige Provokationen“ vorwirft.

Er sei es leid, erläutert Ramsauer seine Empörung, in den Mitteilungsblättern völkisch geprägter Verbindungen neben dem Emblem der NPD und neben sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten abgebildet zu werden. Deshalb habe er schon seinen Rednerauftritt beim Burschentag in Eisenach abgesagt: „Es ist mir guten Gewissens nicht mehr möglich, mich zur Deutschen Burschenschaft zu bekennen oder gar mich für diese zu engagieren.“ „Unsägliche Verunglimpfung“

Was für Ramsauer und viele andere Verbindungsmitglieder dem Fass den Boden ausschlug, war eine „unsägliche Verunglimpfung“ des Theologen und Nazi-Mordopfers Dietrich Bonhoeffer. Norbert Weidner, damals Chefredakteur der Postille „Burschenschaftliche Blätter“ und ehemals Funktionär der verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei, hatte den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer einen Landesverräter genannt und dessen Hinrichtung als „juristisch gerechtfertigt“ bezeichnet.

Im vergangenen Frühjahr scheiterten Versuche, Weidner auf dem Burschentag in Eisenach seiner Ämter zu entheben, am Widerstand des rechten Flügels. Daraufhin gründete sich eine Initiative „Burschenschafter gegen Neonazis“, die Spaltung nahm ihren Lauf: Mittlerweile sind mindestens 21 von ehemals 102 Burschenschaften aus dem Dachverband ausgetreten.

Zulauf hat hingegen die im März 2012 gegründete „Initiative Burschenschaftliche Zukunft“, der bereits 27 Gruppen angehören – unter anderen die „Frankonia“ aus Münster und Ramsauers „Franco Bavaria“, die vermutlich mitgliederstärkste schlagende Studentenverbindung in Deutschland – schon immer stolz darauf, dass dort auch Jungsozialisten und Freidenker wohlgelitten sind.

Klar ist: Für Mitglieder solcher liberal-konservativer Verbindungen war es wegen der rechtsradikalen Umtriebe in einigen Mitgliedsbünden in letzter Zeit zunehmend schwierig geworden, nach dem Studium einen Arbeitsplatz zu finden – zumal im öffentlichen Dienst.

Einige Universitäten rieten öffentlich von einer Mitgliedschaft ab. Verbandstreffen wurden für die Teilnehmer oft zum Spießrutenlaufen – bis hin zum Pflastersteinhagel, mit dem Demonstranten im vergangenen November einen außerordentlichen Verbandstag in der Sängerhalle in Stuttgart Untertürkheim empfingen. Genau jenes Treffen, auf dem „Schriftleiter“ Weidner abgewählt wurde – auch unter dem Eindruck von Videoaufnahmen, die ihn am Rande der mörderischen Ausländer-Hatz von Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 zeigen. „Völkische Abstammung“

Zur Wahrheit gehört, dass der Rechtsruck im Verband der Burschenschaften mit der Aufnahme österreichischer Gruppen im Jahr 1971 drastisch an Fahrt gewonnen hatte. Berüchtigt vor allem die Wiener „Teutonia“ als einer von 14 österreichischen Bünden, die das „völkische Abstammungsprinzip“ zur Voraussetzung für die Mitgliedschaft in Verbindungen durchsetzen wollen.

Auf dem Krisentreffen in der Sängerhalle erinnerten Liberale auch daran, dass man „im freiesten Deutschland“ aller Zeiten lebe. Die Antwort, erinnert sich ein Teilnehmer aus München, „war das Hohngelächter fast aller Österreicher – saalfüllend.“ Rechtsaußen Weidner wurde dennoch abgewählt. Vorher beteuerte er auf offener Bühne, „nicht schwul“ zu sein und quittierte seinen Abgang mit den Worten: „Ich habe verloren, bin jetzt aber frei“ und „Heil deutsche Burschenschaft“.

Das berühmteste aller Kneipen-Lieder singen sie nun auf getrennten Wegen: „O alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du entschwunden, Nie kehrst du wieder gold'ne Zeit, so froh und ungebunden!“

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