Boxen trotz Handicap: Tobias Gerwig ist durch das Training selbstbewusster geworden und baut Berührungsängste zwischen Behinder
(Foto: Christina Schaffelke)
Christina Schaffelke

Im Ring fühlt sich Tobias Gerwig frei. Sein größter Wunsch ist es, vor allen Leuten zu boxen. Wäre da nur nicht dieses zusätzliche Chromosom in jeder seiner Körperzellen.

Nur ein Augenblick: gleißendes Licht im Ring, zwei Boxer. Ein Augenblick, eingefroren und eingerahmt in einem Bild: Der eine schlägt zu, der andere duckt sich. Ein Augenblick, den Tobias Gerwig selbst erleben möchte. Es ist der Abschiedskampf seines Boxtrainers Jürgen Hauser vor zwölf Jahren. „Mein Traum ist es, so in den Ring zu steigen und vor allen Leuten zu boxen.“ Ein letztes Mal spiegelt sich das Bild in seinen Augen, lässt ihn wieder nur zum Zuschauer dieses einen Augenblicks werden: „Das wäre mein größter Wunsch.“ Tobias Gerwig schnappt sich seine blauen Boxhandschuhe und geht in den Trainingsraum.

Buuumm, buuumm, buuumm – dieses Geräusch dröhnt durch die Champ Sportakademie in Ravensburg. Donnernd, wie kleine Gewitterschläge. So hämmern die Boxhandschuhe auf die Sandsäcke ein. Nur an einem der Boxsäcke klingt es langsamer, irgendwie niedlicher: Bam, Stille, Bam, kurze Pause, Bam. „Puhhh“, Tobias Gerwig schnauft durch, wischt sich mit seinem Arm über die feuchte Stirn. Dann schnellt seine Faust wieder nach vorne. Der 33-Jährige mit Down-Syndrom boxt seit elf Jahren. Schon immer trainiert er zusammen mit Nicht-Behinderten, schon immer bei Boxtrainer Jürgen Hauser.

Keine Berührungsängste

„Das Training tut mir gut, ich kann meine Aggressionen raus lassen“, sagt er. Denn Tobias Gerwig ist zwar geistig behindert, aber er reagiert genauso emotional wie Nicht-Behinderte und ärgert sich. Mal bei der Arbeit, Tobias Gerwig verpackt Pilze in den oberschwäbischen Werkstätten für Behinderte. Mal im Umfeld, er lebt in einer Wohngemeinschaft in Ravensburg, verbringt viel Zeit in der Behinderteneinrichtung die „Arche“. Beim Boxen trainiert er selbstständig: ohne Sonderbehandlung, ohne Berührungsängste.

„Ob behindert oder nicht behindert, mir geht es um den Menschen. Würde Tobias ausfällig werden, würde ich ihn genauso in seine Schranken weisen, wie jeden anderen“, sagt Trainer Hauser. Nur in der Anfangszeit müssten Behinderte stärker betreut werden und bräuchten klare Anweisungen. Aber Hauser kennt auch die Grenzen seines integrativen Trainings: „Es funktioniert, solange man Menschen mit Handicaps hat, die nicht so schwerwiegend sind. Bei einem Autisten etwa bräuchte ich ein sonderpädagogisches Wissen.“

Unter den 40 Teilnehmern des Fitnessboxens sind derzeit drei Behinderte. Alle trainieren ohne Vollkontakt, das heißt ohne Schläge auf den Kopf oder unterhalb der Gürtellinie. Doch gesellschaftliche Vorbehalte gegen das Boxen bleiben. „Man verbindet damit immer noch zwei Kämpfer, die sich gegenseitig auf die Schnauze hauen“, sagt Hauser. Dabei sei Boxen abseits des Kampfes vor allem intensives Ganzkörpertraining: sich im Ring bewegen, tänzeln, ausweichen, wegducken.

Die beiden Fäuste in den blauen Boxhandschuhen schweben vor Tobias Gerwigs Gesicht. Schiebt er eine nach vorne, trifft ihn sofort ein schwarzer Handschuh. Bei jedem Schlag zuckt Tobias Gerwig leicht zusammen. Seine Trainingspartnerin Sabine Zinke schlägt erst zaghaft, dann härter zu. Er fixiert sie durch die kleine Lücke zwischen seinen Fäusten und lächelt. „Es ist völlig normal, mit Tobias zu trainieren. Man begegnet sich im Sport auf einer anderen Ebene.“ Hemmungen gebe es keine.

Sabine Zinke weiß, dass die Übungen sie mehr fordern würden, wenn sie mit einem nicht-behinderten Partner trainiert. Doch sie tut es gern. Die Teilnehmer entscheiden selbst darüber, mit wem sie üben möchten.

„Es wollen natürlich nicht alle mit einem Behinderten trainieren“, sagt Hauser, aber es fänden sich immer welche. Und die profitierten, meint der 49-Jährige: „Wann treffen Nicht-Behinderte schon mal auf Behinderte? Man sieht sie in der Stadt, aber hat nicht wirklich was mit ihnen zu tun. Das macht unsicher, wie man mit Behinderten umgehen soll. Je mehr es sich durchmischt, desto eher begegnet man sich wie selbstverständlich.“

Gerade Einzelsportarten würden sich für Inklusion eignen, denn man habe keinen Druck, „in der Mannschaft funktionieren zu müssen“. Doch der Wettkampf selbst bleibe weiter nur den Profis und den Amateuren vorbehalten. Denn Leichtkontaktboxen, die Disziplin, die sich etwa für Behinderte oder Ältere eignen würde, wird vom Deutschen Boxsportverband nicht anerkannt. In Skandinavien, Frankreich und der Schweiz ist diese Sparte des Boxens längst etabliert. „Ich arbeite schon 15 Jahre an dem Thema, dass sich Boxen als Breitensport eignet. Diese Öffnung des Verbands ist dringend nötig“, sagt Hauser. Er gehört zu den einzigen drei Trainern in Deutschland, die Leichtkontaktboxen überhaupt lizenziert lehren dürfen. Tobias Gerwig kennt diesen Reiz, einen Kampf zu machen, sein Können öffentlich zu zeigen, ganz auf sich allein gestellt zu sein. Noch tritt er nur im Training in den Ring.

Alle gehören dazu

Linker Seitwärtshaken, rechter Aufwärtshaken, zwei Geraden: Tobias Gerwig schlägt in die Pratzen seines Trainers. Seine sonst so großen Augen hat er grimmig zusammengekniffen. Immer wieder rammt er seine Schuhe in den Boden, wenn er nach vorne antritt. „Hopp, hopp, Tobi“, sein Trainer feuert ihn an. Die Stoppuhr piepst. Ende der Einheit. Tobias Gerwig fächert sich mit seinem T-Shirt Luft zu. Auf dem Stoff prangt ein weißer Tiger – das Logo der Boxschule. „Am Anfang war Boxen für mich schwer, aber jetzt bin ich mittendrin. Beim Box Champ gehöre ich jetzt mit dazu. Und das macht mich sehr stolz.“ Sein Trainer klopft ihm auf die Schulter: „Gut gemacht.“ Tobias Gerwig wuschelt sich mit den Handschuhen über den Kopf. Beide sind sich nah. Er ist nicht mehr nur der Zuschauer bei einem Kampf seines Trainers.

Auf das Bild seines Vorbilds, das am Eingang an der Wand hängt, schaut Tobias Gerwig nicht mehr. „Boxen ist ein Bild des Lebens“, steht darauf, ein Zitat der amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates: Man müsse für seine Ziele kämpfen und dabei nicht nur austeilen, sondern auch einstecken können. Tobias Gerwig lernt das gerade.

Der Sieg des unterschenkelamputierten Weitspringers Markus Rehm bei den deutschen Meisterschaften der Nicht-Behinderten sorgte für Aufsehen. Dabei gehört die Inklusion in einer Reihe von Sportarten zum Alltag. Ob im Bogenschießen, Handball, bei den Sportschützen, im Schwimmen, Volleyball oder Tischtennis: Behinderte kämpfen von der Kreis- bis zur Bundesliga gegen nicht-behinderte Athleten. Doch dabei handelt es sich vorwiegend um körperbehinderte Sportler. Geistig behinderte Athleten bleiben meistens außen vor. Für sie gibt es die Special Olympics als weltweit größte Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung. Die internationale Organisation veranstaltete 1968 erstmals in Chicago Weltspiele für geistig Behinderte. Nationale Wettkämpfe in Deutschland gibt es seit 1998. Durch den Sport und die Veranstaltungen soll die Akzeptanz von Menschen mit geistiger Behinderung in der Gesellschaft verbessert werden. Auch die Wissenschaft geht davon aus, dass Sport für geistig Behinderte noch wichtiger ist als für Gesunde. Denn gerade geistig Behinderte könnten sich oft über den Körper am besten ausdrücken und seien über den Körper erreichbar und ansprechbar.

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