Bleiben oder Gehen – eine Roma-Familie bangt um ihre Zukunft

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Schwäbische Zeitung

Ein Leben in Angst und Ungewissheit ist das, was Familie Krasnici jeden Tag leben muss. Ein Leben, das sie selbst aber nicht ändern kann. Familie Krasnici ist eine Roma-Familie, der die Abschiebung nach Ex-Jugoslawien droht. Tragik, Trennung und Liebe – eine Geschichte des Hoffens.

Von unserem Redaktionsmitglied Philipp Richter

Ihren Vater lassen die drei Söhne Enis, Samir und Samuel nicht alleine vor die Haustür. „Er kann nicht einmal mehr alleine zum Laden um die Ecke gehen, dann spielen die Kinder verrückt und zerren an seinen Armen“, erzählt Bajramshah Krasnici. Langsam kullert eine Träne über ihre rote Wange. „Sie haben fürchterliche Angst, dass sie ihren Papa nicht wiedersehen.“ Es strengt die 32-jährige Mutter an, über das zu sprechen, was mittlerweile Alltag bei den Krasnicis ist. Zwar sind sie in Burgstetten bei Backnang (Rems-Murr-Kreis) heimisch geworden, doch jeder Tag beginnt mit der Angst und endet am Abend mit der Ungewissheit, ob ein Polizist vor der Tür steht.

Seit mehr als 18 Jahren leben die Krasnicis schon in Deutschland. 1992 kam Valjdet Krasnici in die Bundesrepublik, wo er vom Bundesamt für Migration in Karlsruhe als Asylbewerber anerkannt wurde. Haus und Habe ließ er in einer kalten Nacht im Kosovo zurück. Der Schlepper, der sie im Laster über die Grenze brachte, zog ihn über den Tisch. „Doch mir war das egal. Hauptsache wir waren weg vom Krieg.“ Nur Valjdet Krasnici spricht Serbokroatisch, seine Frau und die Kinder nur Deutsch und ein wenig Romanes (die Sprache der Sinti und Roma). Weit entfernt vom Krieg auf dem Balkan, fanden sie in Deutschland Ruhe. Jetzt muss die Familie jedoch befürchten, abgeschoben zu werden.

Warum der Staat abschiebt, erklärt Manfred Garhöfer von der zuständigen Abschiebebehörde, dem Regierungspräsidium Karlsruhe. Laut Garhöfer darf der Staat abschieben, wenn für den Asylbewerber keine Gefahr mehr im Herkunftsland besteht, also für den Artikel 16a des Grundgesetzes nicht mehr relevant ist. Nach diesem genießen politisch Verfolgte Asyl in der Bundesrepublik. „Nur weil es woanders nicht so schön wie hier ist, ist das kein Grund für eine Aufenthaltserlaubnis“, so Garhöfer. Mit dem Fall der Krasnicis, einer gut integrierten Familie, müsse sich die Härtefallkommission befassen, die sich in Grenzfällen für ein Bleiberecht aussprechen kann. „Diese kann aber die Befassung ablehnen, wenn eine Straftat vorliegt“, erklärt Garhöfer. Doch eine solche liegt nicht vor. Trotzdem hat die Härtfallkommission abgelehnt.

Für die Kinder der Familie Krasnici, Enis (9), Samir (6) und Samuel (5), ist das sehr belastend. Alle drei Söhne sind in Waiblingen geboren. Alles, was die Kinder kennen ist Burgstetten. Vor allem Enis leidt: Er kann sich noch daran erinnern, wie sein Vater vor sechs Jahren zum ersten Mal nach Belgrad abgeschoben wurde: „Da sind die Polizisten einfach reingekommen und haben ihm Handschellen angelegt. Dann musste ich weinen.“ Für die Familie begannen sieben Jahre der Trennung – für den damals Dreijährigen war das nicht zu verkraften. „Er ging nie alleine ins Bett. Jedes Mal hatte er ein Bild von seinem Papa in der Hand. Nur so konnte er einschlafen“, erzählt seine Mutter, die seitdem ihre Familie allein von Sozialhilfe ernähren muss.

Seit Dezember 2009 ist der Vater wieder in Burgstetten bei seiner Familie – beschränkt auf den Rems-Murr-Kreis wird er hier geduldet. Sicher vor einer zweiten Abschiebung ist er damit jedoch nicht. Enis, der inzwischen die Grundschule Burgstetten besucht, beschäftigt das sehr. „Ich will meine Freunde nicht verlieren“, fleht er. Auch seiner Klassenlehrerin Michaela Schumacher bleibt Enis innere Unruhe nicht verborgen. Als die zuständige Ausländerbehörde der Stadt Backnang der Familie eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis abzulehnen beabsichtigt und die Familie „unter Androhung der Abschiebung zur Ausreise“ auffordert, ist Enis Abschiebung in ihrem Unterricht ein Thema. „Enis ist mir ans Herz gewachsen; wir haben in der Klasse versucht das Unbegreifliche zu verstehen“, sagt Schumacher.{element}

Dass die Behörden nur ein Familienmitglied abschieben, kennt Günther Flößer vom Arbeitskreis Asyl Backnang. „Das ist eine Masche. Es wird darauf gesetzt, dass bei Abschiebung eines Familienmitglieds, die anderen gezwungenermaßen freiwillig nachreisen“, berichtet er. Doch das funktioniere nur in beschränktem Maße. Meistens versuchen die abgeschobenen Roma wieder illegal nach Deutschland zu gelangen, weil sie in Ex-Jugoslawien von Diskriminierungen, Ausgrenzung und kriminellen Übergriffen bedroht sind.

„Momentan bin ich einfach nur froh bei meiner Frau und den Kindern zu sein. An die Zukunft will ich noch gar nicht denken“, sagt Valjdet Krasnici. Im Kopf hat er bereits Pläne geschmiedet, unabhängig vom deutschen Staat seine Familie ernähren zu können. Gelegenheit zu arbeiten hatte er schon, nur die Arbeitserlaubnis fehlte. „Ich möchte nur eine Chance bekommen, um zu zeigen, dass ich es schaffen kann“, sagt er während Samir sich an den Arm seines Vaters klammert.

„Wenn es sein muss, klagen wir bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, falls die Familie keine Aufenthaltserlaubnis bekommen sollte“, sagt Günther Flößer und beruft sich dabei auf das Recht auf Achtung des Familienlebens. Auf die Anfrage der Schwäbischen Zeitung bei der Stadt Backnang, wieso die Familie abgeschoben werden soll, gab es keine Antwort.

Kurz nach der SZ-Nachfrage beim Regierungspräsidium Karlsruhe, erhält die Familie überraschenderweise jedoch ein Schreiben: „Nach eingehender Prüfung“ bekommt Valjdet Krasnici eine „Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen“, muss sich jedoch innerhalb von sechs Monaten eine Arbeitsstelle suchen. Für die Familie Krasnici bedeutet dieser Brief mehr als nur Hoffnung. Hoffnung, in dem Land leben zu können, das ihre Heimat geworden ist.

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