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Schwäbische Zeitung

Andreas Kaifer ist nachtaktiv. Während seine Frau nebenan schläft, tippt er im Büro. Der 52-Jährige wohnt in Gallmannsweil im Landkreis Konstanz und ist ein Wikipedianer. Als ehrenamtlicher Autor sichtet er täglich die weißen Seiten mit den blauen Stichworten, ist stets auf der Jagd nach den letzten Lücken im Lexikon. Sein Spezialgebiet sind Schutzgebiete und Gewässer. „Ich brauche wenig Schlaf. Deshalb kann es passieren, dass ich morgens um vier Uhr anfange zu recherchieren. Oft habe ich aber auch den Laptop auf dem Schoß, während meine Frau vor dem Fernseher häkelt“, erzählt der technische Angestellte.

Genau dieses Engagement Tausender Freiwilliger hat die vor 15 Jahren geschaffene, kostenlose und werbefreie Online-Enzyklopädie Wikipedia groß und glaubwürdig gemacht. Auch rund um den Bodensee, in Deutschland, Österreich und der Schweiz legen die mehrheitlich männlichen Autoren mehr oder weniger detaillierte Artikel an, prüfen und bearbeiten Texte – von der Aa, einem Nebenfluss der Werra, bis zu Zyzomys, australischen Dickschwanzratten. Und sie diskutieren mit anderen Wikipedianern über den Sinn kleinster Änderungen. Manche beteiligen sich an sogenannten „Editwars“. Diese Diskussionen laufen hinter den eigentlichen Artikeln ab und können über alles mögliche handeln. So ist eine der längsten Diskussionen rund 800 Seiten lang. Dort wird darüber gestritten, ob der Donauturm in Wien als Fernsehturm bezeichnet werden darf oder nicht.

Noch in diesem Monat werden die rund 6000 aktiven Mitglieder die Marke von zwei Millionen Artikeln knacken. Ob die deutsche Wikipedia so erfolgreich bleibt, ist aber ungewiss. Denn der Pioniergeist scheint verschwunden. Zu Hochzeiten gab es 9000 Autoren. Immer mehr Schreiber kehren dem Projekt den Rücken zu, neue sind nur schwer zu gewinnen. Das könnte auf Dauer die Qualität der Artikel gefährden. Womit Wikipedia an Glaubwürdigkeit und Bedeutung verlieren würde.

Der Bamberger Sprachwissenschaftler Martin Haase, der früher im Vorstand von „Wikimedia Deutschland“ saß, weiß, warum Wikipedia an Anziehungskraft verloren hat: „In der deutschprachigen Ausgabe ist das Klima schwierig, bei anderen Wikipedien ist das in der Regel besser. In der englischsprachigen Wikipedia wird das Wissen zu umfassenden Themen auf verschiedene Artikel verteilt, was eine größere Meinungsvielfalt gewährt“, so Haase. In der deutschen würde hingegen mehr zusammengefasst. „Dadurch ergibt sich eine höhere Gefahr, dass sich eine bestimmte Position in einem Artikel durchsetzt.“

Der Soziologe Christian Stegbauer von der Frankfurter Goethe-Universität sieht es ähnlich: „Als das große Wachstum war, so zwischen 2004 und 2006, gab es einen Zustrom an Leuten, die gerne mitgemacht hätten. Der war aber durch die Organisation kaum zu bewältigen. In dieser Zeit hat sich dann ein nicht besonders freundliches Klima gebildet“, sagt er. Regeln, wie etwa die Relevanzkriterien, seien immer komplizierter geworden, auch um Betrügereien zu erschweren. „Das ist im Grunde genommen wie in einem Staat. Wenn irgendwo ein Anschlag passiert, werden Gesetze verschärft. So ähnlich funktioniert es da auch. Wenn etwas passiert, werden neue Regeln eingeführt“, sagt Stegbauer. Neulinge müssten diese erst einmal studieren, damit ihre Artikel eine Chance haben, erhalten zu bleiben. Das schrecke ab.

Martin Haase: „Man versteht das Argument hinter den Regeln. Die Wikipedia kann es sich nicht leisten, schlechte Artikel zu haben. Aber anstatt die ganze Mühe reinzustecken, den Artikel zu löschen, mit der Person zu diskutieren und sie so vielleicht zu verprellen, sollte eher eine helfende Einstellung da sein – so wie es früher war.“ Jetzt werde Neulingen oft zu schnell vor den Kopf gestoßen. Auch die Kultur der speziellen Termini hält Leute fern. Mehr Offenheit und eine andere Haltung gegenüber Neuen sei daher das Allerwichtigste, um die Herausforderungen der Zukunft meistern zu können.

„Ich glaube, die wichtigste Aufgabe im Augenblick ist das, was man heute unter dem Schlagwort ,diversity’ zusammenfasst“, sagt Sprachwissenschaftler Haase. „Es darf nicht nur irgendwelche Nerds geben, die in der Wikipedia schreiben, sondern es braucht unterschiedliche Leute aus der Gesellschaft und vor allem auch mehr Frauen.“

Dass die Zahl der aktiven Schreiber zurückgeht, so die Experten, liegt auch an den immer seltener auftauchenden „Rotlinks“. Das sind bisher noch nicht beschriebene, aber von der Gemeinschaft als nützlich empfundene Schlagwörter. Aber die einfachen Themen sind längst ausführlich erklärt.

Andreas Kaifer kennt das und hat sich daher spezialisiert. Er schreibt unter dem Pseudonym „ANKAWÜ“, eine Abkürzung seines Namens sowie früheren Heimatorts Wüsten in Nordrhein-Westfalen. In dem dazugehörigen Artikel hat er regelmäßig seine Finger im Spiel. Überhaupt ist es ihm ein Anliegen, seine Wohnorte samt Umgebung möglichst genau abzubilden. Aus diesem Grund baute er auch die Beiträge der Orte Kressbronn, Tettnang, Ostrach und Gallmannsweil erheblich aus, schrieb etwa über die Geschichte von Straßennamen oder Sehenswürdigkeiten. Der passionierte Wanderer erstellte zudem Listen von Kommunalwappen mit der Jakobsmuschel oder von Naturschutzgebieten im Bodenseekreis – so lange, bis alles seinen Platz gefunden hat. „Auf Mallorca kennen sich alle aus. Aber was direkt vor ihrer Haustür los ist, wissen viele nicht“, sagt Kaifer.

Über 800 Artikel hat der Vielschreiber mittlerweile hervorgebracht, teils sogar in englischer und holländischer Sprache. Wie viel Zeit er in das Projekt seit seiner Anmeldung vor zehn Jahren gesteckt hat, weiß er nicht. Warum er es macht, schon eher: „Ich bin jedem dankbar, der etwas in die Enzyklopädie schreibt und möchte dabei mithelfen, deren Qualität zu verbessern. Es ist ein Geben und Nehmen, aber auch ein schöner Zeitvertreib“, sagt er.

Kaifer kennt zwar kein Patentrezept, wie alte Autoren am besten gehalten und neue hinzu geworben werden können. Aber er ist überzeugt davon, dass Treffen im echten Leben weiterhelfen. So besucht er Stammtische, um die Menschen hinter den Wörtern kennenzulernen. Der soziale Aspekt spielt in der Wikipedia eine sehr wichtige Rolle. Wettbewerbe, Workshops oder Camps – teils extra für Frauen – werden vom Verein Wikimedia finanziell und ideell gefördert. In Bregenz fand ein Stammtisch von Wikipedianern Anfang November im Gasthaus „Goldener Hirschen“ statt. Die Teilnehmer waren der Softwareentwickler Reinhold Müller aus Lustenau, Rechtsanwalt Anton Schäfer aus Dornbirn und Student Martin B. aus Wien. Jeder beteiligt sich schon seit Jahren an der Wikipedia.

„Ich lege am liebsten neue Artikel an und korrigiere Fehler. Mich interessiert vor allem der Denkmalschutz und alles, was Österreich betrifft“, sagt der Student, der seinen vollständigen Namen nicht nennen möchte. Reinhold Müller hat damit kein Problem. Er schreibt unter seinem echten Namen, meist über die Region Vorarlberg und seinen Heimatort Lustenau. Daneben hat es ihm die Gebirgswelt angetan. „Ich lege weniger neue Artikel an. Mir gefällt es, die bestehenden auszubauen“, sagt er. Ihm sei es wichtig, Situationen so darzustellen, wie sie sind, also möglichst objektiv und genau. Auf Anton Schäfer wirkt die Wikipedia entspannend und entlastend. „Das ist wie Urlaub für mich“, sagt er. Sobald er auf Dinge stößt, die er nicht kennt, schaut er im Lexikon nach. Gibt es das Wort nicht, legt er es selbst an, etwa „Mutwillen“ oder „Rechtsbankrott“. Ihn mache es stolz, wenn er vor Gericht einen Richter ertappt, wie er aus einem seiner Texte über juristische Begriffe zitiert.

Auch das Trio kennt die Probleme des Lexikons, verweist aber auf den Nutzen einer vernünftigen Streitkultur. Wikipedia soll kein Wörterbuch sein und auch nicht der Theoriefindung dienen. Für Gerüchte, Werbung und Ratgeber gibt es keinen Platz, dafür aber für Listen oder Kategorien, die das geballte Wissen strukturieren.

Die Zukunft sehen sie trotz aller Widrigkeiten positiv: „Die leichten Früchte sind zwar schon gepflückt. Nun wird mehr Fachwissen nötig sein“, sagt Müller. Dass der Autorenschwund schädlich ist, glauben sie nicht. „Wikipedia wird auch mit vielen Schreibern nie fertig. Der Fokus wird künftig mehr auf Qualität als Quantität liegen. Wichtig ist, dass die Autoren kompromissbereit sind und nicht glauben, Artikel gehören ihnen“, sagt Schäfer. Dann werde das offene Projekt noch besser – und behalte auch seine Glaubwürdigkeit.

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