Jan Zawadil

Fakten über die Ursprünge der Kuckucksuhr sind rar. Laut dem Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen besaß wohl schon August der Starke im Jahr 1619 eine Kuckucksuhr. Wobei deren Herkunft ungeklärt ist. Uneins sind sich die Chronisten auch, wer die Uhr erfunden hat. Sicher ist nur, dass die älteste belegbare Schwarzwälder Kuckucksuhr auf Johannes Wildi zurückgeht, der von 1755 bis 1820 gelebt hat. Außerdem gab es 1850 einen Wettbewerb der Großherzoglich Badischen Uhrmacherschule in Furtwangen für ein zeitgemäßes Uhrendesign, das der Architekt Friedrich Eisenlohr gewonnen hat, der das seinerzeit typische Bahnwärterhäuschen als Vorbild für das neue Kuckucksuhrgehäuse vorgeschlagen hatte. Weil die Zeit nie stehenbleibt, entwickelte sich die Häuschenform schnell weiter. Bereits ab 1860 ging der Trend weg von den streng grafischen Formen. Mit reich verzierten Häuschen samt geschnitzten Figuren und Gewichten in Tannenzapfenform schmückten die Leute von nun an ihre heimischen Stuben – und an dieser klassischen Form halten viele Liebhaber fest.

Prinz William und Kate haben eine, Angela Merkel hat schon welche verschenkt, und selbst Iron Maiden wollen nicht ohne sein – die Kuckucksuhr ist mindestens genauso bekannt wie die Lederhose und führt das Ranking deutscher Kulturgüter eindeutig mit an. Dementsprechend lang ist die Liste prominenter Besitzer, auf der sich auch Udo Lindenberg, Jogi Löw oder Manuel Neuer finden. Doch letztlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Entweder man sieht in ihr das Kultstück mit Heile-Welt-Ambition oder das kitschige Ungetüm, das weiland die Wand der guten Stube schmückte, als man nachts noch über den Hof musste.

Hat die echte Kukucksuhr überhaupt eine Zukunft in digitalen Zeiten? Um das herauszufinden, hilft wohl nur ein Abstecher in die Täler rund um Furtwangen und Triberg. Dorthin, wo die Traditionswerkstätten und Manufakturen zu Hause sind. Dabei wird der Schwarzwald an diesem Morgen seinem Namen gerecht: Er zeigt sich von seiner düsteren, verschlossenen Seite. Auch bei der Uhrenfirma August Schwer in Schönwald erinnert von außen erstmals nichts an die bunte Schwarzwald-Souvenirwelt mit lächelnden Bollenhut-Mädchen, mit der berühmten Kirschtorte, geräuchertem Schinken oder hochprozentigem Kirschwasser.

Zu Besuch in der Wunderwelt

Doch wer die Ladentür des Traditionsbetriebs öffnet und zwei Schritte in das Geschäft macht, steht urplötzlich in einer Wunderwelt: An den Wänden reiht sich Kuckucksuhr an Kuckucksuhr, aus jeder Ecke dringt ein Ticken ans Ohr. Und geschnitzte Miniaturszenen zeigen nicht nur tanzende Mädchen mit Bollenhut, sondern auch aufspielende Musikanten oder schwer beladene Pferdefuhrwerke.

Chef und Inhaber Andreas Winter ist an diesem Morgen bestens gelaunt und kommt ohne Umschweife ins Erzählen. Berichtet von den Auszeichnungen, die die Schwer’schen Uhren im Lauf der Jahre errungen haben und erklärt, dass eine echte Schwarzwälder Kuckucksuhr nicht einfach so hopplahopp entsteht. „Fünf Jahre gelagertes Lindenholz“, so Winter, werde nämlich für die Uhrengehäuse verwendet. Das Gros der benötigten Gehäuseteile entstehe aber nicht in der eigenen Werkstatt, sondern werde von geschickten Schwarzwäldern in Heimarbeit in der näheren Umgebung gefertigt. Für ihn scheint es kaum etwas Schöneres auf der Welt zu geben als eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. Denn: „Überall tut sich etwas, überall ist was los.“ Außerdem sei jede Uhr anders, erzähle ihre eigene Geschichte und stelle teilweise vergangene Alltagsszenen dar – „oder zumindest so, wie ich sie mir vorstelle“. Und obwohl die Kuckucksuhr oft als Inbegriff des Kitschs gilt, „fliegen viele Leute hierher, um sich ihre eigene Uhr gestalten zu lassen“, erklärt Winter. Dabei erinnert er sich immer wieder gern an einen jungen spanischen Millionär, der vor einigen Jahren seine ganz persönlichen Vorstellungen mitgebracht hat. „Er wollte eine Uhr in komplett afrikanischem Stil.“ Und weil Winter leidenschaftlicher Uhrengestalter ist, sei das Schwarzwaldhaus zur Hütte umgestaltet und die Szenerie mit Löwen, Elefanten, Nilpferden und Palmen aus Holz ausstaffiert worden. „Nur der Kuckuck, das musste unser Kuckuck sein. Das war Bedingung. Sonst hätte ich sie nicht gebaut.“

Zweifelsohne verbindet die Kuckucksuhr dabei immer auch Illusion und Imagination. Sie bedient Träume und Vorstellungen von einer heilen Welt, in der es weder Existenzängste noch Stress und Hektik gibt und alle Menschen friedlich nebeneinander leben. Hinzu kommt, dass sie in Zeiten einer zunehmenden Digitalisierung mit Sprachassistenten wie Alexa, Echo und Co. für etwas Grundsolides steht, das ohne gekünstelte Stimme und ohne Strom auskommt.

Extraportion Gefühlsduselei

Genau dieses Archaische stößt ihren Gegnern auf. Dieses Zuviel an heiler Welt, die Extraportion Gefühlsduselei voller Schnörkel und Heimattrunkenheit. Ihnen schlägt das aufs Gemüt, macht für sie die Uhr zum Sinnbild dafür, nicht über den eigenen Tellerrand blicken zu wollen. So ein Ding an der eigenen Wohnzimmerwand? Niemals!

Dabei hat es die Kuckucksuhr selbst längst über die Grenzen des Schwarzwalds hinaus geschafft. Das weiß Ingolf Haas, Vorsitzender des Vereins die Schwarzwalduhr und selbst Inhaber einer Uhrenmanufaktur in Schonach. Ihm kommen da vor allem die Piekarski-Brüder mit ihrer Sammelleidenschaft in den Sinn. In Manchester haben sie nämlich laut eigener Aussage mit rund 700 Exponaten das größte Kuckucksuhrenmuseum der Welt.

Diese Sammelleidenschaft von Liebhabern in aller Welt, die bereit sind einiges auszugeben für eine Original-uhr aus dem Schwarzwald, ist für die Region rund um Furtwangen, Triberg, Schonach oder Schönwald nicht zu unterschätzen. Rund 120 000 Kuckucksuhren wurden laut Ingolf Haas im vergangenen Jahr verkauft. Zehn Hersteller bedienen die Nachfrage, zwischen 700 und 800 Arbeitsplätze hängen an der Kuckucksuhr, schätzt Haas. Das reiche von der Herstellung der Uhrwerke, über die Fertigung bis hin zum Verkauf. Wobei auch hier der Onlinehandel weiter an Bedeutung gewinne und schon jetzt rund 50 Prozent via Internet verkauft würden. Genau lässt sich das laut Haas nicht sagen, da das belieferte Händlernetz weit verzweigt sei.

Nachholbedarf in China

Zwischen 300 und 500 Euro geben Kunden durchschnittlich für ihre echte Schwarzwälder Kuckucksuhr aus. Viele Uhren gehen in den deutschsprachigen Raum, auch nach Österreich und in die Schweiz. China sei laut Ingolf Haas außerdem ein nicht mehr wegzudenkender Markt. Denn: „Es gibt dort Nachholbedarf.“ Zumal die Kuckucksuhr als eines der typischsten Symbole deutscher Kultur wahrgenommen werde. Darüber hinaus ist die Kundschaft aus den USA immer noch ein gewichtiges Pfund. Auch wenn die Terroranschläge vom 11. September 2001 dazu geführt hätten, dass viele US-Amerikaner zunächst nicht mehr nach Deutschland und somit auch nicht mehr in den Black Forest gekommen seien. Zwei Betriebe hätten das nicht überlebt. Ob das Trauma 11. September mit seinen Folgen letztlich eine Kehrtwende zu einem konservativeren Denken eingeleitet und auch dem Begriff „Heimat“ Aufschwung verliehen hat, möchte Haas zwar nicht bestätigen. Aber: „Das Thema ‚Heimat‘ hat uns geholfen“, sagt der Uhren-Experte. Wobei er einen einsetzenden Wandel mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland vor zwölf Jahren gespürt habe. Dem berühmten Sommermärchen, bei dem die Menschen plötzlich auch die schwarz-rot-goldenen Fahnen für sich wieder entdeckt haben.

„Es gibt kein anderes Symbol für Heimat, das so passend ist wie die Kuckucksuhr“, meint Haas. Wer der Tradition und dem Schwarzwälder Kuckuck ans Gefieder möchte, kann es aber auch schnell mit Verfechtern des Althergebrachten zu tun bekommen. Das hat Haas selbst erlebt. Denn vor mehr als zehn Jahren war es um die Traditionsuhren nicht zum Besten bestellt. Die Kuckucksuhr schien keinen Platz mehr in den Wohnzimmern zu haben. Grund genug für ihn und seine Ehefrau Conny, an neuen Designs zu tüfteln, um die Uhren zukunftsfähig machen.

Streit um moderne Modelle

Was dabei herauskam, waren Kuckucksuhren in kubistisch anmutenden Gehäusen, mit viel Glas oder in satten Farben. Aber schon die Premiere der modernen Kuckucksuhren geriet zur Zerreißprobe. „Eine Frechheit“ meinten Liebhaber der klassischen Modelle. Handgreiflichkeiten während einer Messepräsentation seien laut Haas zwar ausgeblieben, doch habe dazu nicht viel gefehlt – und das obwohl man Kunst, neue Formen und die Kuckucksuhr zusammengebracht habe.

Nichtsdestotrotz: Eine Schwarzwälder Kuckucksuhr bleibt eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. Mit Produkten aus Fernost hat sie nichts zu tun. Neun von zehn Bauteilen müssen dementsprechend aus dem Schwarzwald stammen. Wobei die „Fremdbauteile“ beim Uhrenspezialisten August Schwer die geschnitzten Figuren aus Südtirol sind. Aber auch Spielwerke für Melodien werden beispielsweise aus der Schweiz bezogen, da sich in Deutschland kein Hersteller mehr findet.

Weil sich die Manufakturen an die Vorgaben halten, können sie mit Fug und Recht behaupten, dass ihre Kuckucksuhren Schwarzwälder Originale sind. Und weil sich offenbar immer Liebhaber mit ihren ganz eigenen Vorstellungen vom Lebensglück um sie scharen, werden wohl noch lange Zeit zwei kleine Blasebälge den Kuckucksruf ertönen und das Vögelchen pünktlich aus seinem Verschlag springen lassen.

Fakten über die Ursprünge der Kuckucksuhr sind rar. Laut dem Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen besaß wohl schon August der Starke im Jahr 1619 eine Kuckucksuhr. Wobei deren Herkunft ungeklärt ist. Uneins sind sich die Chronisten auch, wer die Uhr erfunden hat. Sicher ist nur, dass die älteste belegbare Schwarzwälder Kuckucksuhr auf Johannes Wildi zurückgeht, der von 1755 bis 1820 gelebt hat. Außerdem gab es 1850 einen Wettbewerb der Großherzoglich Badischen Uhrmacherschule in Furtwangen für ein zeitgemäßes Uhrendesign, das der Architekt Friedrich Eisenlohr gewonnen hat, der das seinerzeit typische Bahnwärterhäuschen als Vorbild für das neue Kuckucksuhrgehäuse vorgeschlagen hatte. Weil die Zeit nie stehenbleibt, entwickelte sich die Häuschenform schnell weiter. Bereits ab 1860 ging der Trend weg von den streng grafischen Formen. Mit reich verzierten Häuschen samt geschnitzten Figuren und Gewichten in Tannenzapfenform schmückten die Leute von nun an ihre heimischen Stuben – und an dieser klassischen Form halten viele Liebhaber fest.

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