Funktionale Analphabeten können zwar ein paar Wörter schreiben, den Sinn eines längeren Textes können sie aber nicht verstehen.
Funktionale Analphabeten können zwar ein paar Wörter schreiben, den Sinn eines längeren Textes können sie aber nicht verstehen. (Foto: dpa)
Klaus Wieschemeyer

Für schätzungsweise eine Million Erwachsene in Baden-Württemberg ist dieser Satz eine unüberwindbare Hürde: Sie können zwar einzelne Worte erkennen und verstehen, doch bei längeren Sätzen klappt das nicht mehr.

Die Wissenschaft nennt diese Menschen funktionale Analphabeten und geht davon aus, dass in Deutschland etwa jeder achte Erwachsene dazugehört. Nur ein kleiner Teil von ihnen kann kein Wort entschlüsseln. „Die meisten können lesen. Sie schaffen es, eine Überschrift in der Zeitung oder eine Aufschrift auf dem Bus zu entziffern“, sagt Cordula Löffler, Professorin an der Pädagogischen Hochschule (PH) in Weingarten. Doch der Artikel unter der Überschrift oder die Fahrgastinformation an der Haltestelle schaffen diese Menschen nicht - obwohl sie fast alle zur Schule gegangen sind. Tatsächlich erzählen viele Betroffene, dass sie sich in der Schulzeit mehr oder minder erfolgreich durchmogeln konnten.

1000 Euro pro Semester

Cordula Löffler ist Professorin für „Sprachliches Lernen“ und leitet an der Hochschule den bundesweit wohl einzigen Masterstudiengang „Alphabetisierung und Grundbildung“. Und obwohl das Problem groß ist, läuft es bei dem Studiengang nicht rund. Gerade einmal sechs Studenten haben sich dieses Semester für das berufsbegleitende Studium eingeschrieben. Auf der einen Seite kostet die Einschreibung 1000 Euro pro Semester, auf der anderen Seite sind die Berufsaussichten bescheiden. Denn die meisten Kurse für Erwachsene werden von den ebenfalls meist klammen Volkshochschulen angeboten. Bei Honoraren von 20 bis 30 Euro pro Unterrichtsstunde und unsicheren Kurszeiten lohne sich das oft nur für Ehrenamtliche, sagt Löffler. Bereits 1987 hatte ein Rundbrief Alphabetisierungskursleiter als „Bildungstagelöhner“ bezeichnet.

Dabei müssen die Lehrkräfte meist nicht nur Sprache vermitteln: Analphabeten haben wegen ihrer aus Scham versteckten Schwäche oft Ärger im Job und soziale Probleme. Viele seien zudem überversichert, weil sie die verschiedenen Policen nicht verstünden. Grundsätzlich sind sich alle einig, dass Grundbildung wichtig ist. Allein im vergangenen Jahr hatte das Land 200000 Euro in das Impulsprogramm Alphabetisierung gesteckt, der Volkshochschulverband arbeitet an einem Netzwerk „Weiterbildungsberatung“. Trotzdem sprach VHS-Vertreterin Martina kürzlich noch von einem „Dornröschenschlaf“, in dem sich das Land noch befinde.

Dabei fällt es Analphabeten zunehmend schwerer, sich unerkannt durchs Leben zu mogeln. Welche Probleme es dabei in der Praxis geben kann, zeigten vor 14 Jahren erstmals eindrucksvoll die Fernsehspots des Beratungsangebots „Alfa-Telefons“. Mitarbeiter, die ein „Beladen verboten“-Schild ignorieren. Väter, die den Aufsatz ihrer kleinen Töchter nicht entziffern können. Eine junge Frau, die einen Liebesbrief nicht versteht.

Löffler erzählt das Beispiel eines Automechanikers aus dem Südwesten. Konnte der sich früher an Aufdrucken auf Ersatzteilverpackungen orientieren, muss er heute Diagnosecomputer auslesen. „Wir kommunizieren ständig schriftlich“, sagt die Professorin. Und so wachsen die Probleme von Analphabeten auch im Privaten weiter, zumal auch Chats auf Handys oder Computern ihnen weitgehend verschlossen bleiben. Besser wäre es natürlich, wenn die Schule erst gar keine Analphabeten produzieren würde, sagt Löffler. Doch dazu brauche man mehr Betreuung für einzelne Schüler und am Ende mehr Lehrkräfte - und danach sieht es im Land derzeit nicht aus.

Am Freitag, 16. Mai, gibt es am Nachmittag an der Pädagogischen Hochschule in Weingarten eine Tagung zum Thema. Unter dem Motto „Alphabetisierung – eine Aufgabe der Gesellschaft“ sprechen unter anderem Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner, Vertreter der Landesregierung und Praktiker über das Thema. Mehr Infos unter

http://www.ph-weingarten.de/stag/Alphabetisierungstagung_Weingarten_2014.pdf

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