ADAC kritisiert E-Scooter-Fahrer - Stuttgart an der Spitze der Regelverstöße

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Es wird eng
Es wird noch enger in den Städten: E-Tretroller konkurrieren mit Autos, Radfahrern und Fußgängern. F. (Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Der ADAC hat bei zahlreichen Fahrern von E-Tretroller Verstöße gegen die Verkehrsregeln beobachtet. Wegen der negativen Berichte über die E-Scooter hatte der Verkehrsclub nach eigenen Angaben rund 4000 Fahrer tagsüber in Aktion beobachtet: In Stuttgart, München, Köln, Berlin, Hamburg und Heidelberg schaute der Verkehrsclub genau hin. 

„Bei einem Viertel konnte der ADAC Regelverstöße erkennen“, berichtete der Verein am Dienstag in München. Dabei ging es vor allem darum, dass die Scooterfahrer regelwidrig in einer Fußgängerzone, auf Gehwegen oder in falscher Richtung unterwegs waren.

Am Tag fuhren die meisten Scooter aber auf dem Radweg oder, wo nötig, auf der Straße. Nur jeder fünfte war regelwidrig in der Fußgängerzone unterwegs, auf dem Gehweg oder in falscher Fahrtrichtung. Auch zwei Personen auf einem Scooter oder Fahrten ohne Versicherungskennzeichen konnten im Beobachtungszeitraum nur in vier Prozent der Fälle beobachtet werden.

Nahezu kein Nutzer trug einen Helm, obwohl die Gefahr von Kopfverletzungen bei einem Unfall besonders hoch zu sein scheint.

Der ADAC geht aufgrund der bisherigen Berichte der Polizei jedoch davon aus, dass sich bei den E-Scooter-Fahrern das „Fehlverhalten in den Abendstunden drastisch erhöht“. Ausgerechnet dieser Zeitraum wurde aber nicht untersucht. Die Beobachtungen fanden an Werktagen zwischen 7.30 und 17.30 Uhr statt.

Seit Mitte Juni sind die neuen E-Tretroller in Deutschland zugelassen. Die Polizei berichtet insbesondere in den Großstädten seitdem häufig über Verstöße durch die Nutzer, oft wurden betrunkene Fahrer erwischt. Auch zahlreiche Unfälle mit Verletzten wurden im Zusammenhang mit E-Scootern registriert.

Die meisten Verstöße in Stuttgart

In Stuttgart werden die Elektro-Roller im Vergleich zu den anderen Großstädten laut ADAC noch verhältnismäßig wenig genutzt. Die Zahl der Regelverstöße war bei den Tests des ADAC prozentual gesehen allerdings am höchsten: Rund die Hälfte der Fahrer verhielt sich nicht korrekt, und damit doppelt so viele wie im Durchschnitt der anderen Städte.

„Elektro-Tretroller waren in diesem Sommer erstmals ein großes Thema auf den Straßen, die Untersuchung liefert nun hierzu wichtige Informationen und Trends“, betont Holger Bach, Abteilungsleiter Verkehr und Umwelt beim ADAC Württemberg.

In Stuttgart zählte der Club im Sommer 2019 unter anderem am Hauptbahnhof, einer Schule, an touristischen Hotspots, der Universität sowie der Fußgängerzone in der City. Über den Tag verteilt gab es insgesamt drei Zählintervalle: morgens, mittags, früher Abend.

Vor allem Touristen nutzen die Roller

Insgesamt 244 E-Tretroller erfasste der Club im Testzeitraum – am meisten am Rotebühlplatz und in der Fußgängerzone, kaum genutzt wurden dagegen die Gefährte im Bereich des Hauptbahnhofs, der Mercedes-Benz-Arena sowie an der Universität. „Die Stichproben zeigen zudem auf, dass sie oft von Touristen eingesetzt werden“, sagt Bach.

Demonstration gegen E-Tretroller
Gegner der E-Tretroller vor dem Bundesverkehrsministerium: „Fahrbahn Ja, Gehweg Nein“. Die Erfahrung hat gezeigt: Natürlich fahren die Scooter auch auf Gehwegen. (Foto: Clo Catalan/dpa / DPA)

Sorgen bereitet den Experten des Mobilitätsclubs zudem die niedrige Helmtragequote. In Stuttgart trugen rund 98 Prozent aller Nutzer keinen Kopfschutz. Und in einem weiteren Fall fällt Stuttgart auf: Rund 80 Prozent der dort gezählten Nutzer sind männlich – der Spitzenwert im Vergleich zu den anderen fünf Städten.

Scooter fast immer von Sharing-Anbietern

Da aktuell für den privaten Gebrauch nur sehr wenige E-Scooter-Modelle auf dem Markt erhältlich sind, sind es derzeit fast ausschließlich E-Scooter von Sharing-Anbietern, die in den Innenstädten unterwegs sind. Insbesondere rund um touristische Hotspots bieten Verleiher ihre Roller an, so dass diese häufig von Touristen genutzt werden. Für die erste oder letzte Meile, also für den Weg von und zu den Haltestellen des ÖPNV, nutzen Pendler die Scooter also noch nicht.

Kritik: Batterieherstellung, Aufladen und Verteilen

E-Scooter sind im Vergleich zum Pkw zwar eine nachhaltigere Mobilitätsoption, aber bei weitem nicht so umweltfreundlich wie das Fahrrad. Dies liegt vor allem daran, dass für die Batterieherstellung und -entsorgung beträchtliche Ressourcen notwendig sind, ebenso wie für das Einsammeln der E-Scooter über Nacht zum Aufladen und die anschließende Neuverteilung über das Geschäftsgebiet mit konventionell angetriebenen (Diesel-) Transportern.

Kontrolle
Und noch eine neue Aufgabe: Polizisten der Berliner Fahrradstaffel kontrollieren auf einem Bürgersteig zwei Jugendliche mit E-Tretrollern. (Foto: Paul Zinken/dpa / DPA)

Hinzu kommt, dass die E-Scooter derzeit fast ausschließlich in den Kernbereichen großer Städte angeboten werden, also dort, wo die Ziele häufig fußläufig gut erreichbar sind und in der Regel ein sehr gutes Angebot an Bussen und Leihfahrrädern zur Verfügung steht. Diese Verkehrsmittel sind nicht nur nachhaltiger, sondern - zumindest auf mittlere und längere Distanzen - auch noch billiger, da für jede E-Scooter-Fahrt eine Grundgebühr von einem Euro und ein Minutenpreis von 15 bis 25 Cent fällig werden, heißt es beim ADAC.

Beim Abstellen besser als der Ruf

Beim Abstellen der Scooter zeigte sich, dass ihre Nutzer – zumindest tagsüber – umsichtiger sind als ihr Ruf: Über alle Städte hinweg wurden nur knapp drei Prozent der Roller tatsächlich so abgestellt, dass sie jemanden behindern würden. Dennoch stellen die abgestellten Scooter vor allem für Blinde und sehbehinderte Menschen ein großes Problem dar.

E-Scooter im Alltag / Feld-Beobachtung des ADAC
Die Nachhaltigkeitsbilanz der Scooter ist vor allem im Gegensatz zum Fahrrad sehr fragwürdig. Und das leihen ein vergleichsweise teurer Spaß. (Foto: ADAC e.V.)
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