Mit 70 Metern ist der Silver Star im Europa-Park die höchste Achterbahn in Deutschland, die auf bis zu 130 km/h beschleunigt.
Mit 70 Metern ist der Silver Star im Europa-Park die höchste Achterbahn in Deutschland, die auf bis zu 130 km/h beschleunigt. (Foto: imago)

Allein das Geräusch löst bei sensiblen Gemütern Panik aus. Klack, klack, klack...so klingt es, wenn die Wagen wie in Zeitlupe senkrecht Richtung Himmel gezogen werden. Jede Sekunde wirkt jetzt wie die Unendlichkeit. Der Puls steigt Meter um Meter, die Muskeln spannen sich an, die Lungen pumpen sich mit Sauerstoff auf. Und wie zum Hohn fliegen am Horizont Vögel vorbei, als wollten sie die Gäste zwitschernd verspotten. Auf dem Scheitelpunkt bleibt das Vehikel plötzlich stehen. Ein Augenblick der Stille und des Stillstandes. Ein heimtückischer Moment in der Dramaturgie – bevor das tonnenschwere Gefährt in den Abgrund rast. Im Inneren explodiert ein Hormoncocktail. Körper und Geist taumeln in den Ausnahmezustand, doch der Fluchtreflex verpufft an einem Metallbügel. Die Passagiere sitzen in der Falle. Und kreischen.

Ob im Erlebnispark Tripsdrill, im Phantasialand oder bei Disney; den Soundtrack für die Vergnügungsparks liefern die Fahrgäste der Achterbahnen mit ihren Schreien, die gleichfalls nach Verzückung und Verzweiflung klingen. In ihnen drückt sich die komplexe Gefühlswelt aus, die diese rasante Reise auslöst.

Der oben beschriebene Ritt ist dem Silver Star im Europa-Park Rust geschuldet, mit mehr als 70 Metern die höchste Achterbahn in Deutschland, die im freien Fall auf rund 130 Stundenkilometer beschleunigt.

Weltrekord mit Looping

„Höher, schneller, weiter; bei Achterbahnen geht es oft um Rekorde“, sagt Maximilian Roeser, Marketingleiter von Mack Rides in der Breisgaustadt Waldkirch. Die Firma ist das Herzstück der seit fast 240 Jahren tätigen Unternehmerfamilie Mack, die einst den Europa-Park gründete als Spielwiese für ihr Kerngeschäft – der Produktion von Fahrgeschäften.

„Diese Anlage geht nach China“, sagt Roeser und zeigt auf kilometerweise Stahlrohre, die scheinbar wahllos auf einem Platz inmitten der Firmenzentrale liegen. Nicht ohne Stolz fügt er hinzu: „Sie bekommt einen Looping, der mit 120 Stundenkilometern durchfahren wird – Weltrekord.“ Für den Bau einer solchen Anlage braucht es vom ersten Kundengespräch bis zur Premierenfahrt rund fünf Jahre, die Preise liegen bei 10, 20 oder 40 Millionen Euro.

Aus den benachbarten Flachbauten ertönt das Knistern von Schweißgeräten, irgendwo summt ein Roboter, der glühende Querstreben stanzt. Anderswo wird die Hydraulik der Sicherheitsbügel penibel geprüft. Zahllose Varianten kennen die Experten für Loopings, Steilkurven und Talfahrten, bei der Entwicklung am Computer gibt es aber einen limitierenden Faktor: die G-Kraft.

Druck auf den Körper

Die G-Kraft steht für die Belastung eines Menschen durch Beschleunigung oder Bremsen. Es gibt Achterbahnen, bei denen die Passagiere kurzfristig sechs G ausgesetzt sind – und damit dem sechsfachen ihres Körpergewichts. Für wenige Sekunden verträgt der Mensch diesen Druck, über längere Zeit würde er in Ohnmacht fallen.

Adrenalin, Kortisol - und Angst

Forscher haben die Wirkmechanismen einer Achterbahnfahrt auf den Körper untersucht. Das Uniklinikum Mannheim ermittelte dabei, dass der Puls bei einer Fahrt auf bis zu 200 hochschnellt – allerdings zu Anfang (Klack, klack, klack). Was bedeutet, Aufregung und Anspannung entstehen durch Phantasie und Erwartung. Die Fahrt selber ist aber auch kein Kuschelkurs: Der Wechsel von schnellen und langsamen Passagen sowie abrupte Richtungswechsel strapazieren Orientierungs- und Gleichgewichtssinn. Dadurch wird das Alarmsystem aktiviert und die Stresshormone Adrenalin und Kortisol ausgeschüttet. Eng damit verbunden ist der eigentliche Spaßbringer in dieser Extremsituation: die Angst.

„Bei einer Achterbahnfahrt werden jene Hirnregionen aktiv, die auch bei einer Angstreaktion aktiviert werden“, sagt Andreas Ströhle, Leiter der Angstambulanz an der Berliner Charité, der Zeitung „Die Welt“. Wie stark die Reaktion ausfällt, hänge von der Persönlichkeit ab: „Manche Menschen sind eher zugänglich für stimulierende Aktivitäten als andere.“

Virtuelle Realität und echte Physik

Dass die Menschen dafür saftige Eintrittspreise zahlen und sich in lange Warteschlangen stellen, verwundert im Zeitalter von Computerspielen und 3-D-Filmen. Mack Rides begegnet dieser Entwicklung, indem das Unternehmen analoge und digitale Welt miteinander verbindet. So hat kürzlich der französische Starregisseur Luc Besson („Das fünfte Element“) im Europa-Park die neu gestaltete Dunkelachterbahn eröffnet, angelehnt an seinen Science-Fiction „Valerian“. Die Fahrgäste werden dabei mit Virtual-Reality-Brillen ausgestattet, die wie Monitore wirken: Vor dem Auge läuft eine 3-D-Animation ab, die in eine Zukunftswelt entführt mit Monstern, Agenten und Raumgleitern – gleichzeitig fahren sie real eine Achterbahn. Die Passagiere spüren also die Schwerkräfte in Verbindung mit den exotischen Bildern. Der Spaß dabei ist zwar weniger adrenalingeschwängert als der freie Fall im Silver Star, regt aber die Phantasie auf ungewohnte Weise an. Und läutet so das Ende des analogen Vergnügens ein?

Begreifen, Erlaufen, Erleben

„Vor ziemlich genau 140 Jahren soll die allererste Achterbahn der Welt in den USA patentiert worden sein“, sagt dazu Michael Mack, Sohn von Europa-Park-Gründer Roland Mack, der „Schwäbischen Zeitung“. „Und um es vorweg zu nehmen: Die VR-Technologie wird den klassischen Freizeitpark nicht ersetzen.“ Das Begreifen, Erlaufen, Erleben „und das Wahrnehmen mit seinen eigenen Sinnen“, so Mack weiter, „wird noch lange Zeit das dominante Element im Gesamterlebnis Freizeitpark sein“.

Inklusive einer Belohnung, die am Ende der berauschenden Grenzerfahrung wartet in Form von Endorphinen – und damit der Einlösung eines Versprechens: Dass sich auch Angst verwandeln kann in Glück.

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