Mit diesem reichlich geschmacklosen Slogan (in Anspielung auf die Äußerungen der Kölner Oberbürgermeisterin) und in fehlerhafte
Mit diesem reichlich geschmacklosen Slogan (in Anspielung auf die Äußerungen der Kölner Oberbürgermeisterin) und in fehlerhafte (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Einkauf in einem oberschwäbischen Waffengeschäft morgens um zehn Uhr: „Kann ich zwei Pfeffersprays haben?“, lautet die Kundenfrage. „Klar, macht zusammen 21 Euro“, antwortet der Ladeninhaber. Damit ist ein Geschäft abgewickelt, das gegenwärtig im Trend liegt. Die Deutschen rüsten nämlich privat auf. Die Polizei beobachtet diese Entwicklung mit Sorgen.

Die Instrumente für die vermeintliche Wehrhaftigkeit sind in erster Linie Pfeffer- und Reizgassprays sowie Gaspistolen. Die Nachfrage danach scheint im Zusammenhang mit der verstärkten Zuwanderung von Flüchtlingen zu stehen. Der besagte Kunde bestätigt dies direkt. Er sei Schaffner bei der Deutschen Bahn. In den Zügen gebe es immer wieder Übergriffe durch Flüchtlinge. Nun habe sein Vorgesetzter den Kauf von Pfefferspray zur Verteidigung empfohlen.

Seinen Namen möchte der Kunde nicht nennen. Auch der Ladeninhaber will nicht in der Presse auftauchen. Beide fürchten, öffentlich in eine rechte Ecke gedrängt zu werden. Der Ladenchef ruft dem Käufer noch nach, dass Pfefferspray offiziell nur zur Abwehr angreifender Tiere erlaubt sei. Sein Kunde nickt, meint noch kurz, im Notwehrfall spiele dies ja keine Rolle. Dann ist er weg. Einer mehr, der sich offenbar mit einer entsprechenden Ausrüstung sicherer fühlt. Schon zum Ende des vergangenen Jahres meldete der Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler nach einer Umfrage florierende Geschäfte. Demnach dürfte sich die Zahl verkaufter Abwehrsprays 2015 im Vergleich zu 2014 verdoppelt haben. Absolute Zahlen möchte der Verband Ende Januar vorlegen.

Hierzu heißt es in einem Allgäuer Geschäft: „Vor allem während der vergangenen drei Monate hat der Absatz zugenommen.“ Teilweise sei es zum Ausverkauf gekommen. Hersteller hätten Lieferschwierigkeiten bekommen. Nun nimmt der Verkauf von Abwehrspray mit Beginn der dunklen Jahreszeit traditionell zu. „Aber eben nicht so stark“, sagt der Allgäuer Händler und ergänzt: „Immer wieder haben Kunden gesagt, ihnen würden die vielen Flüchtlinge Angst machen.“ Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat sich indessen die Mühe gemacht, Pfefferspray-Suchanfragen im Internet zu überprüfen. Demnach wurde Pfefferspray verstärkt seit Ende vergangenen Augusts gegoogelt. Damals hatte die Flüchtlingszuwanderung stark zugenommen und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ihr berühmtes „Wir schaffen das“ verkündet.

Ganz gewaltig stieg die Nachfrage über Google, als die Kölner Silvester-Ereignisse bekannt wurden. „Ja, das ist so“, bestätigt Markus Kinzler, Besitzer von US-Armee-Läden in Aalen, Heidenheim und Göppingen. „Jeder spricht das Thema beim Kauf an. Viele verunsicherte Frauen kommen. Teilweise kaufen aber auch Männer das Spray für ihre Frauen, Freundinnen oder Töchter.“

Kinzler legt Wert darauf, solche Abwehrmittel nur an „besonnene Kunden“ zu verkaufen. Eine Kontrolle, wer sich damit eindeckt, existiert aber letztlich nicht. Pfeffersprays sind frei erhältlich. Reizgasspray ist ab 14 Jahren in Fachgeschäften zu bekommen. Bei Gaspistolen liegt der Fall etwas komplizierter. Hierbei handelt es sich letztlich um Schreckschusswaffen, die auch mit Gaspatronen geladen werden können. Generell berichten Besitzer von Waffenläden auch in diesem Fall von einer gewachsenen Nachfrage. Sie lässt sich wiederum an der gestiegenen Anzahl der Anträge auf einen sogenannten kleinen Waffenschein festmachen. Ihn gibt es seit 2003. Er ist nötig, wenn man beispielsweise eine Schreckschusswaffe mit sich herumtragen will. Ohne größere Vorstrafen, Suchtkrankheiten oder etwa geistiger Verwirrtheit ist der Erwerb ab 18 Jahren problemlos möglich. In Baden-Württemberg ist die Zahl dieser Waffenscheininhaber von Ende 2014 bis Ende November 2015 nach Angaben des Innenministeriums um 2246 auf insgesamt 42250 gestiegen. In Bayern gab es im selben Zeitraum bei den kleinen Waffenscheinen einen Anstieg um 3256 auf 47552.

Zum Vergleich hierzu: Die Anzahl der nur aufwendig zu erlangenden Waffenbesitzkarten, die Jäger, Sportschützen oder Sammler für den Erwerb ihrer Ausrüstung brauchen, nimmt in beiden Bundesländern ab. Dies gilt auch für den selten ausgestellten Waffenschein. Ihn bekommen nur stark gefährdete Menschen oder Beschäftigte im Sicherheitsbereich. Anders als etwa die Waffenbesitzkarte erlaubt er das Führen von Waffen überall in der Öffentlichkeit – beispielsweise im Schulterholster.

Der wesentlich einfachere Griff zu Abwehrsprays oder Gaspistolen liegt also nahe. Und dass sich dahinter diffuse Ängste verbergen, hat inzwischen auch der gerne die Öffentlichkeit suchende Kriminologe Christian Pfeiffer bestätigt. Er hat lange das Kriminologische Forschungsamt Niedersachsen geleitet und gilt als wichtiger Experte. Die Lage werde von der Bevölkerung als düster eingeschätzt, glaubt Pfeiffer. In seiner Hannoveraner Heimatzeitung führt er dies darauf zurück, dass die Politik bei der Flüchtlingszuwanderung noch keine überzeugenden Antworten gefunden habe. Ebenso in den Medien äußerte sich der renommierte Kriminalpsychologe Everhard von Groote. Nach seinen Worten würden sich Bürger nicht zur Abwehr gegen konkrete Angreifer wappnen, sondern gegen die „eigene gefühlte Unsicherheit“.

Haltlose Gerüchte

In der Tat kursieren in Teilen der Bevölkerung auch abseits von Ereignissen wie am Kölner Bahnhof zahlreiche Geschichten über vermeintlich kriminelle Flüchtlinge. Dazu gehören auch Belästigungen durch Männer. Inwieweit solche Berichte zutreffen, lässt sich oft schlecht nachprüfen. So hatte in Wangen im Allgäu vergangenen Sommer ein Gerücht die Runde gemacht, ein Asylbewerber habe eine schwangere Frau er-stochen. Frei erfunden. Immer wieder stellt sich bei entsprechenden Berichten heraus, dass die angebliche Information von irgendjemand stammt, der irgendjemand kennt, der dies von irgendjemand gehört hat.

Andererseits hat die Kriminalität in Deutschland durch den Flüchtlingszuzug zugenommen. Dies bestätigen die Zahlen des Bundeskriminalamtes sowie das baden-württembergische Innenministerium.

„Die Tendenz geht nach oben“, sagt auch Holger Bienert, Pressesprecher des Aalener Polizeipräsidiums. In dessen Verantwortungsbereich liegt unter anderem die Landeserstaufnahmeeinrichtung Ellwangen mit gegenwärtig rund 2300 Flüchtlingen. Dass es dort vermehrt zu Zwischenfällen kommt, ist für Bienert logisch: „Mehr Menschen bedeuten mehr Kriminalität. Das ist einfach so.“ Hauptdelikte sind laut Statistik Ladendiebstahl und Schwarzfahren. Taten im Bereich der Körperverletzung würden eher unter den Flüchtlingen vorkommen, beispielsweise in der Erstaufnahmeeinrichtung, ergänzt Bienert. In diesen Fällen sei die deutsche Außenwelt kaum berührt. In der Gesamtzusammenschau der diversen Delikte stößt der seit Monaten andauernde private Aufrüstungsboom bei dem Beamten denn auch auf Unverständnis. Desweiteren hält Bienert es für bedenklich, dass durch Köln die Bewaffnungsgeschäfte nochmals zugenommen haben.

Mit Risiken behaftet

Die Polizei ist allgemein kein Freund der Pfefferspray- und Reizgaswelle. Sie fürchtet unter anderem um die Sicherheit der Gewappneten: „Wir raten davon ab, schrittweise aufzurüsten“, erklärt Horst Haug vom baden-württembergischen Landeskriminalamt. Er pocht auf das Gewaltmonopol des Staates und meint, im Ernstfall seien entsprechende Sprays eher schädlicher. Sie trügen zur Eskalation bei. Zudem müsste man etwa ein Spray schnell und richtig handhaben können: „Schon bei Gegenwind kann es nach hinten losgehen.“ Und wenn Frauen die Spraydose erst in der Handtasche suchen müssten, sei dies kaum hilfreich. Eine solche Ausrüstung gaukle einem nur das Gefühl von Sicherheit vor.

Problematisch sieht man von Polizeiseite auch die Möglichkeit, dass Abwehrsprays aus lauter Angst vorschnell eingesetzt und harmlose Mitbürger besprüht werden. Daneben gibt es aber noch die Zeitgenossen, die einfach mal die Wirkung eines Sprays ausprobieren wollen. Aus Lindau existiert dazu eine Kneipengeschichte. Hier führte vor zwei Jahren ein Pfefferspraytest an der Theke für beide Beteiligten direkt ins Krankenhaus.

Pfefferspray
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