800 000-Dollar-Sportwagen kehrt nach mehr als 60 Jahren zurück

Lesedauer: 16 Min
Einzigartiger Luxus-Oldtimer kehrt nach Friedrichshafen zurück
Zeppelin ist weltweit für seine Luftschiffe bekannt. Doch 1957 war Zeppelin Autobauer. Von zumindest einem Auto.

Vielleicht hat einfach niemand daran gedacht, sodass es wahrscheinlich gar keine Absicht war: Doch das mit einer golden schimmernden Decke verhüllte Auto da oben auf der Leinwand, vor der handverlesene nationale und internationale Gäste sitzen und aufblicken, macht es fast unmöglich, nicht an das Goldene Kalb aus dem Alten Testament zu denken. Zeppelin-Chef Peter Gerstmann spricht davon, dass dieses Fahrzeug, der Gaylord Gladiator, Sinnbild für die Innovationskraft des Konzerns bis heute sei. Und damit wirkt der Wagen auch ein bisschen wie das Symbol der Industriegeschichte eines Landes, das wie kein zweites auf der Welt mit, von und für das Auto lebt. Dabei klingt der Name Zeppelin für die meisten Ohren gar nicht nach Automobil. Aber der Reihe nach.

Die Geschichte dieser feierlichen Enthüllung eines Automobils in Friedrichshafen beginnt am 25. Mai 2017: Die Direktorin des Zeppelin-Museums klickt sich durch ihre E-Mails, als sie an folgender Betreffzeile hängenbleibt: „Gaylord Gladiator Automobil Zeppelin“.

Claudia Emmert stutzt und denkt zunächst aufgrund des Namens an breite Reifen, eine tiefer gelegte Karosserie und an einen abgesägten Auspuff. Sie überfliegt die Nachricht, in der steht, dass ein wohlhabender Sammler aus Amerika ein Vehikel zum Kauf anbietet. Unschlüssig, ob diese Zeilen von Bedeutung sein könnten, leitet sie die E-Mail an Jürgen Bleibler weiter. „Interessant?“ schreibt sie dazu. „Es hat keine zwei Sekunden gedauert, da hat Herr Bleibler reagiert“, erinnert sich Claudia Emmert. Seine Antwort: „Unbedingt!!!!!“, wobei die Anzahl der Ausrufezeichen niemand genau gezählt hat.

Bleibler weiß als Leiter der Abteilung Zeppelin im Museum über den Mythos Gaylord Gladiator sofort Bescheid. Denn obwohl sich in Friedrichshafen nicht mehr viele an das Fahrzeug aus der Wirtschaftswunderzeit erinnern, war und ist es als etwas Außerordentliches in Bleiblers Bewusstsein verankert.

Die eigentliche Geschichte dieses besonderen Autos beginnt im Jahr 1956, als zwei reiche Brüder, die ihr Vermögen mit der Fabrikation von Haarspangen gemacht haben, von einem noch nie da gewesenen Fahrzeug träumen. Eines, das Luxus und Sportlichkeit verbindet. Wo das Beste und Innovativste gerade gut genug ist. Ihre Suche nach dem perfekten Partner für ein solches Auto führt die Brüder Jim und Ed Gaylord zunächst nach Oberschwaben, genauer gesagt nach Ravensburg, wo die Firma Spohn sich ans Werk macht.

Das Unternehmen hat schon Karosserien für Maybach-Modelle gefertigt. Doch die Schwaben und Amerikaner zerstreiten sich, sodass die Gaylords sich schließlich an Zeppelin in Friedrichshafen wenden. Und diesmal harmonieren die Partner besser: Es entsteht ein eindrucksvolles Zeugnis von Innovationskraft, gerade vor dem Hintergrund, dass der Zeppelin-Konzern nach dem Krieg aufgrund von Verboten durch die Alliierten gezwungen war, sich neu zu orientieren, ja neu zu erfinden.

Und so entsteht 1957 in Handarbeit in der Bodenseestadt ein Auto, das es bis dato so noch nicht gegeben hat: mit Servolenkung, einem komplett versenkbaren Dach, elektrischen Fensterhebern und sogar einer Rückrollsperre, um am Hang besser anfahren zu können. Für ausreichend Kraftreserven sorgt der V8 Motor des Cadillac Eldorado. Ursprünglich planen die Brüder eine Kleinserie von 25 Stück. Das Fahrzeug kostet damals märchenhafte 10 000 Dollar – der Preis steigt aber bald auf 17 500 Dollar. Zum Vergleich: Ein Einfamilienhaus war für etwa 15 000 Dollar zu haben. Damit ist der Gaylord Gladiator 1957 mehr als viermal so teuer wie das deutsche Spitzenmodell der damaligen Zeit, der Mercedes 300 SL. Am Ende war es auch der exorbitante Preis, der dafür sorgte, dass tatsächlich nur ein Einzelstück gefertigt wurde – darüber hinaus existieren noch zusätzlich zwei Chassis, von denen eines nun ebenfalls wieder in Friedrichshafen steht.

Die Witwe von Jim Gaylord verkauft das Einzelstück irgendwann an einen leidenschaftlichen Sammler in den USA, der das Fahrzeug in den 1990er-Jahren komplett restaurieren lässt. Als der Amerikaner Teile seiner Sammlung schließlich auflöst, wendet er sich 2017 ganz bewusst ans Zeppelin-Museum, um die Möglichkeit zu eröffnen, dass der Wagen wieder zurück an den Ort seines Ursprungs gelangen kann.

Zurück am Ort des Ursprungs

Wir haben ihn nach Hause geholt“

sagt am Abend der Präsentation Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand, der zugleich Chef im Aufsichtsrat der Zeppelin-Stiftung ist, auf der Bühne im Museum, über der noch immer auf der riesigen Leinwand der schemenhafte Mythos auf vier Rädern unter der goldenen Hülle schlummert. Und Peter Gerstmann sagt als Chef des Konzerns, dass in diesem Auto der Geist der Innovationskraft des Unternehmens sozusagen in eine Form gegossen worden sei. Der Gaylord sei „Nachweis für Flexibilität und Kundenorientierung“. Ein Auftrag für die Zukunft, die digital sein werde – auch auf dem Gebiet des Baumanagements. „Wir wollen das Amazon der Bauindustrie werden“, sagt Gerstmann. Zeppelin ist heute auf vielen Geschäftsfeldern aktiv – und tritt unter anderem als umfassender Dienstleister im Zusammenhang mit Bauprojekten auf.

Dann schreiten Emmert, Gerstmann und Brand zur feierlichen Enthüllung. Die Fotografen bringen sich in Stellung. Das Publikum bleibt vor der Übertragungsleinwand sitzen, hält den Atem an – im Ausstellungsraum ist nicht genug Platz für so viele Menschen auf einmal. Fanfaren vom Band dröhnen in den Saal. Die goldene Decke wird von der Karosse gezogen. Die Menge vor der Leinwand beginnt zu klatschen. Vereinzelt wird gejubelt. Applaus. Im Foyer machen sich die Kellner bereit, Essen in Schälchen und Sekt an die Freunde des Automobils zu verteilen.


Ist es ein Batmobil? Nein, es ist ein Gaylord Gladiator von 1958.
Ist es ein Batmobil? Nein, es ist ein Gaylord Gladiator von 1958. (Foto: Felix Kaestle)

Um den Gaylord hat sich eine Traube von Menschen gebildet. Das Gefährt in Schwarz und Weiß ist auf Hochglanz poliert. Viele Leute filmen sich selbst mit ihrem Handy, das Auto im Hintergrund. Jürgen Bleibler muss viele Fragen beantworten. Peter Gerstmann ist auf dem Weg zu einem Interview, ein US-Journalist ist extra angereist. Darauf angesprochen, was es gekostet hat, bis der Gaylord heim nach Friedrichshafen kommen konnte, gibt er keine konkrete Zahl an, nur so viel: „Wir haben mit Gutachtern den Wert ermittelt – und der Verkäufer hat ihn uns zu einem Preis unterhalb dieses Wertes angeboten.“ Eine Investition, die sich sicher lohne, zumal sie von solch herausragender Bedeutung für Friedrichshafen sei und für die Industriegeschichte Deutschlands insgesamt.

Ganz so hoch hängt Kurt Jetter die ganze Sache nicht. Der 1928 geborene Mann freut sich an diesem Abend aber, den Wagen nach 60 Jahren wieder zu sehen. Denn: „Ich habe damals als junger Mann an den Polstern gearbeitet“, erinnert sich Jetter. Pingelig sei sie gewesen, die Kundschaft aus Amerika, erzählt der Zeitzeuge. Das erste Sitzpolster sei den Brüdern Gaylord zu unbequem gewesen, habe sogar gequietscht. „Man musste höllisch aufpassen: Wenn man beim Nähen daneben gestochen hat, war ein Loch im Leder.“ Am Ende aber habe alles gepasst. „Die ganze Mannschaft war fasziniert von dem Auftrag“, sagt Jetter, dessen Augen dabei fast so sehr glänzen wie der Wagen im Hintergrund, der unablässig vom Blitzlicht beschossen wird.

Mit dem Auto kam auch buchstäblich eine LKW-Ladung an dazugehörigen Unterlagen zurück an den Bodensee. „Wir könnten jetzt ohne Weiteres mit diesen Plänen einen neuen Gaylord bauen“, sagt Jürgen Bleibler, den am meisten erstaunt, dass so ein Projekt vor 60 Jahren in so kurzer Zeit gelungen sei. Beispielhaft – und bei Produktionsvorläufen im heutigen Maßstab gar nicht mehr vorstellbar. Und wahrscheinlich auch nicht mehr bezahlbar – denn Kauf und Rückführung des Autos an den Ort seiner Entstehung haben zumindest einen hohen sechsstelligen Betrag gekostet – in einer Pressemitteilung vom Montag ist von einem Kaufpreis in Höhe von 800 000 Dollar die Rede. Ob das nun viel oder wenig Geld ist für dieses Einzelstück, diskutiert vor dem Hintergrund der historischen Bedeutung an diesem Abend, an dem der Gaylord heimgekehrt ist, niemand. Denn ein Mythos hat kein Preisschild.

Der Gaylord im Museum

Der Gaylord wird dauerhaft im Zeppelin-Museum zu sehen sein – von heute an im Rahmen der Sonderausstellung „Innovation! Zukunft als Ziel“, die sich intensiv mit dem Erfindergeist in den Unternehmen des Zeppelin-Konzerns der vergangenen 100 Jahre auseinandersetzt und auch einen Blick in die Zukunft wagt. Das Museum ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet – die Sonderausstellung ist noch bis 4. November zu sehen. Danach wandert der Gaylord Gladiator in den Bereich der Dauerausstellung. (nyf)

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