Oberliga

Julian Schieber im Interview: „Wichtig ist, dass der VfB in der Bundesliga bleibt“

Stuttgart / Lesedauer: 7 min

Ex-Angreifer Julian Schieber über seinen Herzensclub VfB Stuttgart, seine Degradierung in Augsburg und seine neue Aufgabe als Trainer
Veröffentlicht:28.10.2022, 19:41

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Oberliga statt Champions League, gegen den FV Ravensburg statt gegen Manchester City: Julian Schieber (33) hat dem Profifußball 2021 den Rücken gekehrt und ist nun Co-Trainer beim Oberligisten SG Sonnenhof Großaspach. Vor dem Duell seiner beiden Ex-Clubs VfB Stuttgart und FC Augsburg am Samstag (15.30 Uhr/Sky) hat der frühere Angreifer über die Probleme beim VfB, die beeindruckende Spielweise des FCA und seinen Ex-Coach Michael Wimmer gesprochen.

Herr Schieber, Sie haben es in dieser Woche mal wieder in die überregionale Berichterstattung geschafft. Wissen Sie, warum?

Nein, sagen Sie es mir.

Sie waren der letzte Torschütze, der Borussia Dortmund zu einem Sieg gegen Manchester City geschossen hat. Das war vor zehn Jahren. Seitdem gab es nur Niederlagen und nun das Unentschieden am Dienstag.

Ich kann mich noch sehr gut an das Tor erinnern. Es war mein einziges Tor in der Champions League, so etwas vergisst man nicht. Generell hatte ich eine schöne Zeit in Dortmund.

Das klingt so, als ob Sie noch gerne an Ihre Zeit als Profi zurückdenken.

Natürlich, diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich habe viele Vereine und tolle Menschen kennengelernt. Auch nach Enttäuschungen bin ich immer wieder aufgestanden und habe meine Schlüsse gezogen. Wenn ich zurückblicke, sehe ich alles ausschließlich positiv.

Sie sind nun erst 33 Jahre alt, könnten also eigentlich noch spielen. Trotzdem haben Sie im vergangenen Jahr Ihre Karriere beendet. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Letztlich war es schon schwierig, aber meine Entscheidung war über mehrere Wochen und Monate gereift. In meinen letzten beiden Jahren beim FC Augsburg habe ich einfach gemerkt, dass mein Körper wöchentlich an seine Grenzen kam. Ich musste viele Extraschichten einlegen, um das irgendwie auszugleichen. Das war auf Dauer einfach nicht mehr möglich. Wenn man als Sportler nicht mehr an das Niveau herankommt, das man eigentlich draufhat, ist es die logische Konsequenz, aufzuhören.

Dennoch sind Sie dem Fußball verbunden geblieben. Nach einer kurzen Rückkehr zu Ihrem Heimatclub TSG Backnang sind Sie seit dieser Saison Co-Trainer beim Oberligisten SG Sonnenhof Großaspach und zugleich Chefcoach der U17. Ist es Ihr Ziel, irgendwann als Trainer in den Profibereich zurückzukehren?

Man glaubt mir das immer nicht, aber ich habe bisher keinerlei Ambitionen, das hier als Sprungbrett zu den Profis zu nutzen. Ich fühle mich im Jugendbereich sehr wohl. In meiner Zeit in Augsburg hatte ich am Ende im Nachwuchsleistungszentrum Kontakt mit vielen Jugendspielern und habe gemerkt, dass es mir Spaß macht, jungen Talenten mit Tipps weiterzuhelfen. Dadurch ist der Wunsch entstanden, im Jugendbereich zu arbeiten. Der Standort Großaspach ist für mich persönlich ideal. Er liegt gleich um die Ecke von meiner Heimat Backnang und durch den Kontakt zum Trainerteam der Oberligamannschaft kann ich wichtige Erfahrungen für meine Arbeit mit der U17 sammeln.

Dennoch werden Sie den Profifußball sicher weiter aufmerksam verfolgen. Am Samstag treffen Ihre Ex-Clubs VfB Stuttgart und FC Augsburg in der Bundesliga aufeinander. Wem drücken Sie die Daumen?

Mein Herzensverein ist einfach der VfB Stuttgart. Dort bin ich groß geworden, das Daimler-Stadion liegt nur 25 Kilometer Luftlinie von meinem Zuhause entfernt. Und mit Blick auf die Tabelle braucht der VfB die Punkte einfach dringender als Augsburg.

Zudem haben Sie an Ihre Zeit beim FCA sicher nicht die besten Erinnerungen, schließlich wurden Sie im zweiten Jahr in die zweite Mannschaft degradiert und mussten vom einen auf den anderen Tag Ihren Spind bei den Profis räumen.

So etwas muss man sportlich nehmen. Es gibt sicherlich schönere Möglichkeiten für einen Verein, so etwas zu regeln. Das war nicht die feine englische Art. Aber im Profifußball werden nun mal regelmäßig Entscheidungen getroffen, manchmal zu Gunsten eines Spielers, manchmal gegen ihn. Das war am Anfang hart, aber mittlerweile ist Gras über die Sache gewachsen. Ich habe mich mit Stefan Reuter ausgesprochen und kann die Entscheidung mittlerweile auch nachvollziehen. Es wird auf jeden Fall möglich sein, dass ich mal wieder in Augsburg im Stadion vorbeischaue.

Der Weg nach Stuttgart ist aber deutlich kürzer. Wie nah sind Sie noch am VfB dran?

Natürlich habe ich noch Kontakte, kenne noch einige Leute, auch wenn sich seit meiner Zeit dort viel verändert hat. Unter anderem habe ich auch immer wieder mal mit Michael Wimmer , den ich noch aus Augsburg kenne, geschrieben, als er noch Co-Trainer von Pellegrino Matarazzo war. Aber in interne Entscheidungen habe ich natürlich keine Einblicke. Wichtig ist, dass der Verein in der Bundesliga erhalten bleibt – für die Region und die herausragenden Fans.

Als externer Beobachter: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Probleme beim VfB?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Am Ende sind es eigentlich nur die fehlenden Ergebnisse. Die Mannschaft hat häufig nicht schlecht gespielt, stand aber am Ende wieder mit leeren Händen da. Und dann kommt ein Verein einfach in ein Fahrwasser hinein, aus dem es schwer ist, wieder herauszukommen. Aber ich bin überzeugt, dass der Kader definitiv erstligareif ist und sich da unten rauskämpfen kann. Oft sind es nur kleine Schräubchen, an denen gedreht werden muss.

Eine große Schraube hat der Club bereits gedreht, indem er Trainer Pellegrino Matarazzo entlassen hat. Die richtige Entscheidung?

So ist einfach das Geschäft. Sicher hätte der Verein gerne länger mit Pellegrino weitergemacht, aber manchmal ist es einfach wichtig, neue Impulse zu setzen. Wenn man das Gefühl hat, die Mannschaft stagniert, dann ist ein Trainerwechsel leider die logische Konsequenz.

Nun steht der bisherige Assistent Michael Wimmer an der Seitenlinie – vorerst bis zur Winterpause. Jetzt hat er aber offensiv angekündigt, auch darüber hinaus den Cheftrainerposten anzustreben. Sie kennen ihn als Co-Trainer beim FC Augsburg. Trauen Sie ihm das zu?

Auf alle Fälle. Er ist nun schon so viele Jahre im Profifußball und hat unter verschiedenen Trainern Erfahrung gesammelt. Dass er nun den nächsten Schritt machen möchte, ist völlig legitim und ich würde es ihm von Herzen gönnen. Ich bin aber trotzdem der festen Überzeugung, dass der VfB Stuttgart zu gegebener Zeit einen neuen Trainer präsentieren wird, mit dem man langfristig planen will.

Welchen Einfluss ein neuer Trainer haben kann, hat sich beim Gegner FC Augsburg gezeigt. Nach dem überraschenden Abgang von Markus Weinzierl lässt Enrico Maaßen einen anderen Fußball spielen. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?

Wenn ich nur die letzten beiden Spiele der Augsburger gegen den FC Bayern anschaue, hat mich das schon sehr beeindruckt. Mit seiner offensiven und mutigen Art, Fußball zu spielen, hat Enrico Maaßen die Münchner vor große Herausforderung gestellt. So aggressiv draufzugehen ist eher unüblich gegen die Bayern. Das Spiel in der Liga hat Augsburg gewonnen (1:0) und auch im Pokalspiel (2:5) sah es erst ganz gut aus, mit dem Unterschied, dass die Bayern dieses Mal ihre Chancen genutzt haben. Ich glaube, dass diese attraktive Spielweise dem FC Augsburg und der Region guttut. Wenn ich mir die Tabelle anschaue und den Fußball der Augsburger sehe, glaube ich, dass sie in diesem Jahr eine entspanntere Saison und nichts mit dem Abstieg zu tun haben werden.