Zweiter Olympiasieg: Laura Dahlmeiers goldwerter Vorteil

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Laura Dahlmeier nach ihrem Sieg in der Verfolgung
Laura Dahlmeier nach ihrem Sieg in der Verfolgung (Foto: AFP)
Schwäbische Zeitung

Das eine Problem waren die Beine. Zwei Tage nach dem kräftezehrenden, goldveredelten Sprint ein Verfolgungsrennen über zehn Kilometer zu laufen, um olympische Biathlon-Meriten, bei mittlerweile Pyeongchang-typisch widrigem Wind, bei Minusgraden satt: „Wenn ihr in meine Beine reinschauen könntet ...“, sagte Laura Dahlmeier nur. Das andere Problem waren die Finger. Eiskalt und beim Auftauen später, nach der Zieldurchfahrt, „unheimlich schmerzend“. Es gibt angenehmere Voraussetzungen für „Biathlon in Perfektion“. Genau das aber hatte Bundestrainer Gerald Hönig bei seiner Top-Athletin gesehen, und widersprechen wollte ihm niemand an diesem denkwürdigen 12. Februar 2018. Um letztlich 29,4 Sekunden hielt Laura Dahlmeier die in der Loipe unglaublich starke Anastaziya Kuzmina aus der Slowakei auf Distanz, gewann das zweite Gold im zweiten Wettbewerb der Spiele 2018. Einen Doppelsieg im Sprint und in der Verfolgung hat unter den fünf Ringen bislang allein Ole Einar Bjørndalen 2002 geschafft. Ein durchaus sporthistorischer Augenblick also.

Griff zur Fahne i-Tüpfelchen

Der Fokus aber lag auf anderem, als Laura Dahlmeier die 32:51,7 Minuten Revue passieren ließ. Das dritte Schießen interessierte. Stehend, heikel. Mit 54 Sekunden Vorsprung auf Anastaziya Kuzmina war Laura Dahlmeier auf die Strecke gegangen, jetzt war deren Hypothek weg, stand es pari. Liegend hatten die Partenkirchenerin und die Sprint-13. nur jeweils eine Scheibe verfehlt. Synchron fast fand das Geschehen in den wohl entscheidenden Sekunden statt, asynchron das Ergebnis: Laura Dahlmeier traf alles, ihre Gegnerin wurde mit gleich zwei Strafrunden à 150 Meter für minimale Streuung sanktioniert. Ein Schießfehler sollte noch hinzukommen, bei der Deutschen stand stehend die Null. Da waren die letzten Meter Genuss, war der Griff zur deutschen Fahne kurz vor Ultimo i-Tüpfelchen.

Dieses dritte Schießen: Anastaziya Kuzmina legte vor, wollte den Druck offenbar erhöhen. Zuvor schon hatte sie auf der Strecke attackiert, giftig, mit Zug, mit (sagte sie später) „hervorragenden Ski“. Laura Dahlmeier kommentierte diese Begegnung im Rückblick lakonisch („Die war einfach schneller“) – und alsbald mit einem Lächeln. Sehr froh sei sie gewesen, „mal eine halbe Runde hinterherlaufen zu können“. Windschatten, sich etwas sortieren. Für den Schießstand. Dort Gegnerin neben Gegnerin – und dann diese Ruhe. Diese Nerven. Wie sie das schaffe? „Das ist Biathlon, das trainieren wir jeden Tag: dass man einfach versucht, bei sich selber zu bleiben, bei den eigenen Scheiben. Nach vorne zu schauen – und ganz sauber eine Scheibe nach der anderen abzuarbeiten.“ Richtig schön allerdings sei, „dass das genau beim Saisonhöhepunkt so klappte“.

Ganz sicher auch deshalb, weil Laura Dahlmeier die richtigen Schlüsse gezogen hatte aus den äußeren Gegebenheiten. „Da habe ich mir lieber mal die eine oder andere Sekunde mehr Zeit gelassen. Heute hab’ ich wirklich sehr konzentriert und fokussiert bleiben können vom ersten bis zum letzten Schuss.“ Sympathisch, weil ehrlich, der Nachsatz: „Das war aber auch absolut wichtig, weil ich läuferisch vielleicht nicht so in der Top-Performance war wie im Sprint – aber es ist okay.“

Für Gerald Hönig noch einiges mehr: „Jeden Tag sich unter Schwerstbedingungen wieder diese Siegleistung zu erarbeiten, das ist professionell bis in die Haarspitzen.“ Und goldwerter Vorteil.

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