Zwanziger: Mache Einheit des Fußballs nicht kaputt

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Deutsche Presse-Agentur

Nach seiner Wahl in das Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA) ist DFB-Präsident Theo Zwanziger wieder auf nationaler Ebene gefordert.

Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa spricht der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) über die abgeschlossenen Gespräche mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) über den neuen Grundlagenvertrag, den Streit um das künftige Sonntagnachmittagsspiel in der Bundesliga, seine Erwartungen an die Nationalmannschaft, die Auswirkungen der Finanzkrise, eine mögliche Reform der Trainerausbildung sowie das Thema Gewalt im Fußball.

Sie haben am Rande des UEFA-Kongresses in Kopenhagen mit der Deutschen Fußball Liga Verhandlungen über den neuen Grundlagenvertrag geführt. Sind Sie mit Ligaverbandspräsident Reinhard Rauball zu einem Abschluss gekommen?

„Wir sind uns einig und haben in den wichtigsten Eckdaten einvernehmliche Vorschläge erarbeitet. Nun müssen wir noch in den Gremien Überzeugungsarbeit leisten. Wir werden schon am Wochenende in Leipzig mit den Landesverbänden sprechen. Auf dem Bundestag im April möchten wir diesen Grundlagenvertrag öffentlich und transparent darstellen und letztlich auch durch die Delegierten bestätigen lassen.“

Die DFL wollte nicht mehr, wie bisher, drei Prozent ihrer Einnahmen an den DFB abführen. Haben Sie in diesem Punkt mit sich verhandeln lassen?

„Diese Pachtregelung ist damals vereinbart worden und eng mit der Finanzverwaltung abgestimmt. Sie ist auch insoweit Grundlage unserer Satzung. Und auf der Grundlage der Satzung arbeite ich. Wir sind mit dem Ergebnis zufrieden. Es liegt auf der Linie dessen, was wir uns in der Strukturreform erarbeitet haben, und beinhaltet angemessene Wirtschaftsdaten.“

War der Spielplan für die kommende Saison, um den es wegen des Sonntagnachmittagsspiels in der Bundesliga heftige Diskussionen gegeben hat, Bestandteil der Verhandlungen?

„Das Recht der Liga, zehn Spiele am Sonntag zu machen, ist unberührt. Das heißt, die Regelung mit insgesamt nur fünf statt bisher sieben Spielen der 1. und 2. Bundesliga am Sonntag ist eine Reduzierung. Das ist eine freiwillige Leistung der Liga. Wenn man wegen eines 15.30-Uhr-Spiels sagt, das ist der Tod des Amateur-Fußballs, dann ist das deutlich überzogen.“

Wie positioniert sich der DFB in dieser Frage?

„Man kann vom DFB nichts verlangen, was er nicht leisten kann. Die Liga ist auf ein stabiles Pay-TV angewiesen. Die Bedeutung dieses stabilen Pay-TV durch den DFB falsch einzuschätzen, würde die Bundesliga in eine arge Schieflage bringen und den Amateur-Fußball obendrein. Weil ja jeder wissen muss: die wirtschaftlichen Transfers, so wie sie von der Bundesliga in den Breitenfußball kommen, sind einzigartig in ganz Europa. Wer von mir verlangt, dass ich diese Einheit des Fußballs kaputt mache, um eine kurzfristige Liebeserklärung von dem einen oder anderen Vereinsvertreter zu bekommen, der irrt. Es gibt keine bessere Lösung, als die, die wir haben. Sie ist alternativlos. Wenn wir aus kurzfristiger Effekthascherei versuchen würden, die Amateure gegen die Liga aufzuhetzen, würde das den Bruch unseres Gefüges bedeuten.“ 

Ein anderes großes Thema ist die Nationalmannschaft, über die Sie sich zuletzt kritisch geäußert haben. Welche Reaktion erwarten Sie in den bevorstehenden WM-Qualifikationsspielen?

„Die letzten Länderspiele, vor allem das in Düsseldorf gegen Norwegen, haben die Fans nicht annähernd überzeugen können. Genau diese Leidenschaft, die wir da vermisst haben, erwarte ich jetzt in den beiden Spielen gegen Liechtenstein und anschließend in Wales. Ich denke, die Spieler werden ihre Leistung abrufen, wenn es darauf ankommt, und dann werden auch die Fans wieder zufrieden sein.“

Muss die Mannschaft auf dem Weg nach Südafrika sportliche Stolpersteine fürchten?

„Wir sind uns alle einig, dass die WM-Qualifikation eine große Herausforderung ist für die Mannschaft. Wir haben mit Russland einen ungemein schweren und ganz, ganz starken Gegner, der voll auf Augenhöhe mit uns spielt, von großem Ehrgeiz beseelt ist und großartige Spieler in seinen Reihen hat. Mit Mannschaften wie Wales und Finnland haben wir unangenehme Gegner. Und ich will selbst Aserbaidschan nicht rausnehmen. Wenn du dort im tiefsten Osten spielen musst, unter welchen Bedingungen auch immer, ist das nicht einfach.“

Im Nachwuchsbereich stehen 2009 diverse Turniere an. Was erwarten Sie von den einzelnen Altersklassemannschaften?

„Das Wichtigste in diesem Bereich ist die U21- Europameisterschaft. Wir haben dort die Chance, unseren Spitzennachwuchs zu präsentieren. Ich wünsche Horst Hrubesch, der nicht nur ein feiner Kerl sondern auch ein toller Trainer ist, dafür gutes Gelingen. Dann haben wir im eigenen Land eine U17-EM, da bin ich selbst gespannt. Da muss sich zeigen, dass wir Qualität haben. Das erwarte ich schon vor eigenem Publikum. Bei der U20-WM muss man nüchtern sehen, dass sie vom Zeitpunkt her mitten im Bundesliga-Spielbetrieb liegt. Ob und inwieweit wir da in der Lage sind, das Beste vom Besten hinzuschicken, wird abzuwarten sein.“  

Stichwort Finanzkrise. Spürt der DFB schon etwas davon?

„Der Verband spürt keine Auswirkungen. Wir haben unsere Rücklagen, die ja zur Sicherung unseres gemeinnützigen Aufgabenfeldes dienen, verantwortungsbewusst angelegt. Da haben wir keine Verluste auf dieser Ebene, aber natürlich werden wir niedrigere Zinssätze bekommen. Es ist bis heute auch kein einziger Sponsor an uns herangetreten, von dem man das Gefühl haben könnte, da könnte es Schwierigkeiten geben, dass der Vertrag erfüllt wird.“

Kann der Verband möglicherweise in Not geratenen Vereinen helfen?

„Vereine können wir unmittelbar kaum unterstützen. Bei 26 000 Vereinen geht das nicht. Wenn du jedem Verein 1000 Euro im Jahr geben würdest, wären 26 Millionen Euro weg. Wenn wir die Aktion zweimal machen, haben wir kein Geld mehr. Die Vereine müssen in ihrem Verantwortungsbereich selbst wirtschaften und ihre Möglichkeiten und Perspektiven sehen. Unmittelbare Vereinsförderung, indem wir Vereinen Gelder geben für Defizite, die sie reklamieren, wäre das Ende des DFB. Das muss man ganz klar sagen.“

Beim Thema Trainerausbildung wurde zuletzt viel über die Causa Babbel diskutiert. Ist man beim DFB zu einer endgültigen Lösung gekommen?

„Das DFB-Präsidium unterstützt nachhaltig die Philosophie des Sportdirektors, ein Höchstmaß an Qualität in der Trainerausbildung abzurufen. Wie diese Qualität erreicht wird, ist ein Prozess, über den man losgelöst vom Fall Babbel, der damit überhaupt nichts zu tun hat, diskutieren muss. Ich würde nie wegen eines Spielers alles über Bord werfen. Aber wir müssen zwei Dinge ganz nüchtern sehen. Das eine ist, wir haben eine zentrale Ausbildungsstätte in Köln. Deutschland ist aber ein Flächenland. Mein Wunsch an die Experten ist es, auch über dezentrale Möglichkeiten nachzudenken. Und das zweite, worum ich gebeten habe, ist es, mal genau zu prüfen, ob es Gruppen gibt, die durch ihr vorheriges Tun spezielle Anforderungen erfüllen. Unter diesen beiden Aspekten werden wir die Trainerausbildung mal betrachten. Und irgendwann werde ich Antworten bekommen.“

Das Thema Gewalt hat in den vergangenen Wochen einen breiten Raum in der öffentlichen Diskussion eingenommen. Wie bewerten Sie dieses Problem?

„Es wird alles abgetan unter Gewalt im Fußball. Diese These teile ich nicht. Die Gewalt ist in unserer Gesellschaft, sie ist an unseren Schulen und in unseren Elternhäusern. Der Fußball ist eine Chance, im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten den Erziehungsprozess von Kindern und Jugendlichen so zu lenken, dass die Gewaltbereitschaft nachlässt. Aber der Kampf, den wir in den Ländern manchmal haben, dass bei den Politikern die Erkenntnis dafür wächst, dass du mit sozialer Jugendarbeit mit Fußball-Fans auch eine Menge erreichen kannst, der ist manchmal frustrierend. Das Thema auf die Frage zu reduzieren - wie das der eine oder andere Polizei-Gewerkschaftler tut - ob denn die Bundesligavereine für die Spiele die Polizeikosten übernehmen müssten, ist lächerlich und dem Ernst und der Tiefe des Problems nicht angemessen.“

Interview: Eric Dobias, dpa

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