WM-Eröffnungsfeier: Viel Liebe, ein Vogel und ein Finger

Lesedauer: 7 Min
Patrick Strasser

Dawai! Auf geht’s! Die WM ist eröffnet. Turnier Nummer 21 – erstmals auf zwei verschiedenen Kontinenten und vier verschiedenen Zeitzonen – und doch in einem Land.

Russland 2018. Läuft. Auch für den Gastgeber.

Das Eröffnungsspiel vor knapp 80 000 Zuschauern im Luschniki-Stadion gewann die Elf von Trainer Stanislaw Tschertschessow mit 5:0 gegen Saudi-Arabien, die vor wenigen Tagen in einem Test beinahe ein Unentschieden gegen Weltmeister Deutschland (1:2) geschafft hatten.

Ob der Kantersieg am außerirdischen Ball lag? Denn der Spielball kam aus dem Weltall. Zwei Monate lang kreiste die Kugel an Bord der Internationalen Raumstation ISS rund 400 Kilometer hoch um die Erde. Vor wenigen Tagen brachte ein Astronaut die kosmische Kugel zurück.

Auf der Erde brachte die erfreulich kurze und tatsächlich auch knackige Eröffnungsfeier, gerade einmal knapp 20 Minuten lang, sofort einen Aufreger – made by Robbie Williams.

Alles eine Frage der Gage?

Der britische Popstar, die Attraktion der Eröffnungsfeier, ließ sich zu einer Geste hinreißen. Er streckte seinen ausgestreckten Mittelfinger in die internationalen Fernsehkameras. Auslöser könnte Kritik aus seiner Heimat sein. Der Parlamentsabgeordnete John Woodcock hatte Williams kritisiert, dass er Russlands Präsident Wladimir Putin einen „PR-Coup“ beschere, „wenn er nur Monate nach dem Chemiewaffenanschlag auf britischem Boden bei der Eröffnungszeremonie auftritt“. Alles eine Frage der Gage? Auch dies wurde in britischen Medien diskutiert. Auch darauf hatte Williams eine Antwort parat, mittels einer abgewandelten Version seines Hits „Rock DJ“. So sang er „I did this for free“ („Ich habe es umsonst getan“) – und zeigte dann den Mittelfinger.

Gemeinsam mit der russischen Sopranistin Aida Garifullina, die auf einem schrägen Vogel ins Stadion getragen wurde, sorgte Williams bei den Fans für Stimmung. Die Songtexte wurden auf den beiden Videoleinwänden Karaoke-like zum Mitsingen präsentiert.

In der bunten, schnellen Show, einem bunten Gewirr mit den Flaggen aller 32 Teilnehmerländer hatte auch Ronaldo, also der echte respektive der dicke Ronaldo, Brasiliens ehemaliger Stürmerstar jedenfalls, seinen Auftritt. Er kickte und spaßte mit dem Maskottchen, dem Wolf Zabivaka, herum. Die WM-Trophäe hatte kein Spieler des Titelverteidigers Deutschland ins Stadion gebracht, sondern Torwart Iker Casillas, mit Spanien 2010 Triumphator.

Dann hatte plötzlich, als die Mannschaften schon für die Nationalhymnen parat standen, Wladimir Putin seinen Auftritt, unter lautem Jubel. „Die Liebe zum Fußball verbindet uns alle zu einer Mannschaft“, sagte der Kremlchef. Russland habe alles getan, um einen Feiertag für den Weltsport auszurichten. „Ich wünsche allen Mannschaften Erfolg und den Zuschauern unvergessliche Erlebnisse.“ Die fast zweiminütige Rede wurden von einigen wenigen Pfiffen begleitet.

Neben Putin und FIFA-Präsident Gianni Infantino, wie der Kremlchef umstritten, dennoch im Stadion mit Applaus bedacht, nahmen auf der VIP-Tribüne zahlreiche Staatschefs Platz. Westeuropäische Spitzenpolitiker blieben der Eröffnung demonstrativ fern. Aus Protest.

Menschenrechte werden im größten Land der Erde nicht großgeschrieben.

Die Atmosphäre in der Stadt war in den Tagen vor dem Turnierbeginn in der russischen Hauptstadt überraschend gut. Was hatte man sich den Kopf zerbrochen und den Mund zerrissen über dieses Turnier und wie es an diesen Gastgeber vergeben wurde? Man hatte sich ausgemalt, dass es recht trist werden könnte: wer will schon nach Russland reisen? Vor allem Fans außerhalb Europas? Und wie schneidet diese WM atmosphärisch im Vergleich zu den charmanten und stimmungsvollen Turnieren 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien ab? Pocht das Fußball-Herz so laut wie in Afrika oder Südamerika?

Wo der Fußball ist, sind die Fans

Nun zeigte sich: Wo der Fußball ist, sind die Fans. Und wo die Fans sind, ist die Party. Im Grunde ist es doch so: Der Gastgeber stellt die Stadien und den Rasen, den Rest übernehmen die Fans. Auf dem Roten Platz und überall in der Hauptstadt machten die Fans ihr eigenes Happening. Moskau ist bunt. Fröhlich. Farbenfroh. Die Feierbiester kommen aus Süd- und Mittelamerika. Hunderte Fans aus Peru, Kolumbien oder auch Mexiko bevölkern die Straßen und Plätze. Auch eine Menge Australier sind hier. Für die Liebe zum Fußball ist ihnen kein Weg zu weit, keine Reise zu teuer – und kein Gastgeberland zu merkwürdig-verschroben. Eine WM soll ja auch vor allem dafür gut sein, Vorurteile wegzuschmeißen. Siehe die WM 2006 und die neue Wahrnehmung des Deutschland-Bildes im Ausland, geprägt durch das Erlebnis der Fans vor Ort. Motto: Die sind ja gar nicht so!

Sagt man das in einem Monat auch über Russland?

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