Wie ein Allgäuer in Hamburg zum Gigant wurde

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 Die Boxerkneipe Zur Ritze, wo Collin Biesenberger gleich eine Einladung zum Training bekam, gehört zu Hamburg wie das Rotlichtm
Die Boxerkneipe Zur Ritze, wo Collin Biesenberger gleich eine Einladung zum Training bekam, gehört zu Hamburg wie das Rotlichtmilieu und die Reeperbahn. (Foto: Jochen Dedeleit)
Jochen Dedeleit

In welcher Liga Zweitligameister Hamburg Giants 2019/20 antritt, entscheidet sich erst, wenn die Meldungen für die diversen Ligen (auch eine Europaliga ist im Gespräch) eingegangen sind. Zuletzt waren es nur drei Starter im deutschen Box-Oberhaus.

Solche Geschichten schreibt eben der Sport. Vom 11 000 Einwohner großen Lindenberg im Allgäu schafft es ein junger Boxer nach Hamburg, wo er nicht nur Fuß fasst, sondern fester Bestandteil des dortigen Bundes- beziehungsweise Zweitligisten Hamburg Giants wird. Collin Biesenberger hatte in der Sporthalle Braamkamp mit fünf Siegen in fünf Kämpfen wesentlichen Anteil daran, dass die Giants nach ihrem freiwilligen Rückzug ein Jahr zuvor die 2. Bundesliga 2018/19 als Meister abschließen konnten. Das nächste Ziel des Superschwergewichtlers ist der Gewinn der deutschen Meisterschaft Anfang August in Berlin.

Collin Biesenberger ist angekommen. Der 21-Jährige ist zwar seit November des vergangenen Jahres einer der 1,8 Millionen Einwohner der zweitgrößten Stadt Deutschlands, doch viele suchen auch nach Jahren in solch einer Weltstadt ihren Platz. Doch im Leben des gebürtigen Lindenberger geht alles etwas schneller. Erst mit etwas mehr als 17 Jahren begann der Sohn eines Nigerianers und einer Deutschen mit dem Boxsport. „Zwei meiner besten Freunde und meine älteste Schwester haben mich dazu gebracht.“ Beim TSZ Lindenberg wurde Biesenberger vom zweifachen deutschen Meister Harald Geißler mit offenen Armen empfangen, der zweimalige DM-Medaillengewinner Thomas Sabautzki stieß später als Trainer dazu.

Erster Kampf im Festzelt

„Für mich war eigentlich klar, dass ich nur trainiere. Auch meine Mutter wollte nicht, dass ich in den Ring steige“, sagt das jüngste von fünf Kindern. Allerdings war der 18. Geburtstag noch nicht lange vergangen, da konnte Harald Geißler („Überleg dir das mal mit dem Kämpfen“) schon auf sein Schwergewicht zurückgreifen. „Meinen ersten Wertungskampf bestritt ich in Königsbrunn in einem Festzelt. In der Ringecke habe ich eigentlich nur an Pommes und Grillwurst gedacht, so sehr war der Geruch präsent.“ Prompt setzte es eine Niederlage, doch schon im zweiten Kampf nutzte Biesenberger die Chance zur Revanche.

Rückschläge gab es freilich immer mal wieder. So auch beim 3. Bodensee-Cup, wo der Österreicher Hassan Salami den für die Schweiz boxenden Biesenberger niederrang. Oder bei den bayerischen Meisterschaften, wo das Aus im Halbfinale kam. Dennoch war der Aufstieg des 1,93 Meter großen 100-Kilo-Mannes nicht mehr aufzuhalten. „Ich habe in meinen 40 Kämpfen sicher eine positive Bilanz, aber für mich war es kein Problem, auch gegen bessere und erfahrenere Boxer anzutreten“, sagt der Hamburger, der für die Bundesligakämpfe der Giants eingeflogen wurde. Da warteten dann etwa der mehrfache ukrainische Meister und Europameister Viktor Vhykryst oder der mehrmalige lettische Titelträger Evander Servut.

Collins Bruder war es dann, der meinte: „Warum ziehst du nicht gleich nach Hamburg, dann musst du nicht immer hinfliegen.“ Mutter Renate inspizierte Hamburg näher – und meinte: „Wenn du nicht hinziehst, dann zieh ich hin.“ Collin Biesenberger blieb also gar nichts anderes mehr übrig. „Es ist eine tolle Entwicklung, die er im letzten Jahr genommen hat. Für einen Superschwergewichtler ist er sehr beweglich und weiß dies gut einzusetzen“, sagte Giants-Trainer Anatoli Hoppe nach dem fünften Sieg im fünften Zweitligakampf. Biesenberger, der oft zweimal täglich trainiert, ist mittlerweile Sparringspartner der größten deutschen Schwergewichtshoffnung Peter Kadiru.

Dessen Trainer Christian Morales ist auch Sportdirektor der Giants, was eine Zusammenarbeit zwischen Profis und olympischen Boxern in Hamburg selbstverständlich macht. Die sportliche Ausbildung, die Collin Biesenberger im Allgäu genoss, war ebenfalls ein Grund für den schnellen Aufstieg. Geißler und der Lindenberger Sabautzki sammelten neben einigen DM-Medaillen als Sportsoldaten auch Erfahrungen unter Bundestrainer Valentin Silaghi am Olympiastützpunkt Heidelberg und trainierten mit Sven Ottke, Luan Krasniqi und Zoltan Lunka.

Ziel ist die Polizei

Collin Biesenberger, der bis zu seinem 18. Lebensjahr auch Basketball spielte („Wir waren nicht sehr erfolgreich“), hat es aus Lindenberg nach Hamburg geschafft. Die Hansestadt hat er auch deshalb schnell kennengelernt, weil er als Fahrradkurier unterwegs ist und so einen Teil zum Lebensunterhalt für seine Mutter und sich beiträgt. Und er wird die Stadt noch besser kennenlernen, wenn er dort einmal als Polizist arbeiten kann. Der Einstellungstest folgt im August, für Berlin hat er ihn bereits bestanden. Beworben hat er sich auch noch in Bayern. Im Sportverein der Polizei Hamburg ist Biesenberger bereits Mitglied und wird für diesen bei der 96. DM in Berlin starten.

In welcher Liga Zweitligameister Hamburg Giants 2019/20 antritt, entscheidet sich erst, wenn die Meldungen für die diversen Ligen (auch eine Europaliga ist im Gespräch) eingegangen sind. Zuletzt waren es nur drei Starter im deutschen Box-Oberhaus.

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