Wie aus dem VfB Stuttgart ein Bollwerk wurde

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ber VfB Stuttgart Andreas Beck VfB Stuttgart Benjamin Pavard VfB Stuttgart cheering after the game Stuttgart kiugh
ber VfB Stuttgart Andreas Beck VfB Stuttgart Benjamin Pavard VfB Stuttgart cheering after the game Stuttgart kiugh (Foto: imago)
Schwäbische Zeitung

Gäbe es einen Minimax-Preis in der Fußball-Bundesliga, der VfB Stuttgart hätte ihn sich redlich verdient. Anbei etwas Statistik: Nur 52 Treffer fielen in den bisher 26 Saisonpartien mit Stuttgarter Beteiligung, zwei im Schnitt, mit Abstand die wenigsten unter allen Clubs. Aber mit den 23 eigenen Törchen, der zweitschlechtesten Ausbeute in der Liga, holten sie immerhin 34 Zähler, also den ziemlich optimalen Ertrag. Noch minimalistischer ist die Bilanz zu Hause: Mit gerade mal 12:7 Toren aus 13 Partien und sieben 1:0-Siegen sammelte der VfB 26 Zähler, damit ist er Zweiter der Heimtabelle.

Das muss man erst mal schaffen – und schafft man nur, wenn hinten alles sauber bleibt. Mit 29 Gegentreffern stellt Stuttgart nach dem 0:0 gegen Leipzig am Sonntag nämlich auch die zweitbeste Defensive der Liga. Wer Ähnliches prognostiziert hätte nach einem Zweitligajahr, das vorn und hinten vor Treffern nur so strotzte, wäre vor der Saison wohl mindestens so schief angeschaut worden wie ein kläffendes Herrchen von seinem Hund.

Die Abwehr sei ein richtiges Prunkstück geworden, sagte der Reporter also am Sonntag zu Andreas Beck, worauf der Rechtsverteidiger sofort Widerspruch erhob. „Nicht nur die Abwehr, das sind ja alle elf, die Arbeit fängt bei Mario und Daniel vorne an und geht bei Christian Gentner weiter, alle rennen für die Mannschaft und machen mit, alle wissen, dass die Verteidigung die Basis für alles ist. Der Trainer gibt uns eigentlich eher simple Sachen mit, die Basics. Aber sie umzusetzen, das ist harte Arbeit unter der Woche, wir studieren viele Videos“, sagte der 30-Jährige. Tatsächlich hatte die defensive Stabilität zwar bereits für Hannes Wolf Priorität, doch erst Tayfun Korkut hat die Absicherung perfektioniert: die Null muss nicht nur stehen bei dem 43-Jährigen, er hat den alten Huub-Stevens-Spruch zum Prinzip erkoren. Bereits zum vierten Mal im sechsten Spiel unter ihm blieb der VfB ohne Gegentor, drei waren es bisher nur in sechs Partien, in der Korkut-Tabelle steht Stuttgart mit 14 Zählern auf Rang drei. Tatsächlich könnte es das beste Defensivjahr für den VfB seit dem Meisterjahr 2007 werden, als man 37 Treffer kassierte.

Pavard und Badstuber im Fokus

Dumm nur, dass die Stärkung der Abwehrkräfte nächste Saison schon wieder Makulatur sein könnte. Zwei der Zu-Null-Garanten stehen auf der Einkaufsliste betuchterer Clubs. Innenverteidiger Benjamin Pavard, beim VfB zum französischen Nationalspieler gereift, wird unter anderem von den Tottenham Hotspurs hofiert. Nach einer starken WM könnten die Angebote für den zweikampfstarken, technisch beschlagenen und zudem noch schnellen 22-Jährigen so in den Himmel steigen, dass der VfB ihn womöglich abgibt – immerhin hätte er dann die Chance, für starken Ersatz zu sorgen. Holger Badstuber, gegen Leipzig Pavards Nebenmann, in den Spielen zuvor auch schon mal im defensiven Mittelfeld eingesetzt, wird wiederum von Lazio Rom umgarnt, wo der 29-Jährige womöglich noch einmal Champions League spielen könnte. Ob er aber zu dem eher tristen, rechtsangehauchten Club will, der zumeist nur vor 25 000 Fans spielt, ist allerdings die Frage. Badstuber, der im Sommer einen Einjahresvertrag beim VfB unterschrieben hatte, kann sie noch nicht beantworten: „Das wird man nach der Saison sehen. Ich konzentriere mich nur auf den Sport und das heißt: den Klassenerhalt.“ Beck findet es im Übrigen ganz normal, dass die Kollegen plötzlich im Rampenlicht stehen: „Das ist eine Auszeichnung für sie, eine Anerkennung, aber ich glaube, wir müssen uns da momentan nicht sorgen. Da habe ich völliges Vertrauen in unser Management.“

Jener – Sportdirektor Michael Reschke nämlich – war am Sonntagabend vor allem erleichtert: „Wir haben jetzt neun Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz – das ist das, worum es heute ging. Wir sind rundum zufrieden.“ Dennoch ist der Abstiegskampf noch nicht vollends ausgestanden für die Roten. Bereits am Freitag steht das Derby in Freiburg an, „die haben immer einen klaren Matchplan und sind unheimlich schwer zu bespielen“, warnte Beck und fügte an, der VfB sei noch nicht gerettet. „Drei Punkte brauchen wir mindestens noch, vielleicht noch ein, zwei Pünktchen mehr. Heute hat man gesehen, wie schwer es in der Bundesliga ist, auch nur einen zu holen: Wir mussten alles reinhauen, alle Leidenschaft, um diesen einzigen Punkt mitzunehmen.“

Und doch könnte es schnell gehen mit dem Erreichen des Klassenziels. Denn danach kommt der HSV nach Stuttgart, und der ist von einem Sieg derzeit so weit weg wie ein Dinosaurier vom Überleben.

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