Wenn Spiele am Reißbrett entschieden werden

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„Mit der richtigen Taktik kann auch ein schwächeres Team gegen eine stärkere Mannschaft gewinnen“, sagt SVO-Trainer Achim Pfuder
„Mit der richtigen Taktik kann auch ein schwächeres Team gegen eine stärkere Mannschaft gewinnen“, sagt SVO-Trainer Achim Pfuderer. (Foto: DPA)
Maximilian Kroh

Mehmet Scholl ist bekannt für seine polarisierenden Aussagen. In seiner Zeit als Fußball-Experte bei der ARD, aber auch anschließend ließ es der Ex-Profi gerne mal verbal krachen. So etwa, als er in einem Interview gegen die neue Trainergeneration im Fußball und gegen deren Fokussierung auf die Taktik wetterte. „Die Kinder dürfen sich nicht mehr im Dribbling probieren. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen“, sagte die Bayern-Legende damals. Es war der Eindruck entstanden, er hätte es nicht so sehr mit Taktik. Stimmt aber nicht: Scholl findet nur, dass andere Aspekte wichtiger seien.

So sehen es auch die Amateur-Trainer Steffen Wohlfarth (FV Ravensburg, Oberliga), Oliver Ofentausek (TSV Berg, Verbandsliga) und Achim Pfuderer (SV Oberzell, Bezirksliga). Sie betonen, dass die Taktik auch im Amateurfußball eine entscheidende Rolle spielt. „Es macht einen großen Unterschied, ob eine Mannschaft ein System hat oder ob sie nur wild im Rechteck herumrennt“, meint etwa Ofentausek. Pfuderer schränkt allerdings ein: „Es sollte nicht so weit führen, dass das Kerngeschäft aus dem Blick gerät.“ Als „Kerngeschäft“ sieht er die physische Komponente, den Zweikampfbereich, aber auch den kreativen Freiraum. „Am Ende gewinnt die Mannschaft, die die meisten Zweikämpfe gewinnt und vor dem Tor effektiver ist“, so der Oberzeller Coach. „Aber Taktik kann dabei helfen, Schwächen zu kaschieren. Mit der richtigen Taktik kann auch ein eigentlich schwächeres Team gegen eine stärkere Mannschaft gewinnen.“

Will man die Bereiche umreißen, die Taktik umfasst, dann landet man schnell bei drei Begriffen: Individualtaktik, also das individuelle taktische Verhalten der einzelnen Spieler, das bei der Ballannahme beginnt und bis ins Freilaufverhalten führt; Gruppentaktik, das Verhalten der einzelnen Mannschaftsteile, etwa der Viererkette; und die Mannschaftstaktik, mit der kollektive Mechanismen wie der Übergang ins Pressing oder das Verschieben gemeint sind. „Das trifft dann den Begriff Rasenschach ganz gut“, meint Steffen Wohlfarth.

Dennoch – und auch da sind sich die Trainer einig – gilt: Die Taktik steht und fällt mit der Qualität der Spieler, die auf dem Platz stehen. Diese müssen über ein gewisses Grundgerüst in den Bereichen Ballkontrolle und Passspiel verfügen. „Das würde ich meinen Spielern reinprügeln, dass es nur scheppert“, meint etwa Ofentausek. Nur mit Spielern, die solche „Basics“ beherrschen, mache es Sinn, an taktischen Mitteln und Prinzipien zu arbeiten. „Auf einem gewissen Niveau werden solche Grundlagen dann eher seltener trainiert, sondern nur noch angesprochen“, erklärt Wohlfarth. „Die Spieler bringen solche individualtaktischen Grundlagen in der Ballkontrolle alle schon mit.“

Klingt bis hierhin nach ähnlich komplexen Überlegungen wie im Profifußball. Und wer etwa einem Oliver Ofentausek zuhört, der käme auch nie auf die Idee, den Trainer eines Sechstliga-Aufsteigers und nicht den eines etablierten Bundesligisten vor sich sitzen zu haben. Aber natürlich gibt es einige Unterschiede. „Die Spieldisziplin kommt irgendwann abhanden. Das lässt sich nicht verhindern“, sagt Ofentausek. Heißt so viel wie: Einen Matchplan gibt es für jedes Spiel, doch genauso gibt es in jedem Spiel Phasen, in denen sich die Spieler nicht mehr diszipliniert daran halten. „Es geht darum, Undiszipliniertheiten auf einzelne Phasen zu beschränken und diese Phasen zu minimieren.“ Nicht nur in Berg, auch beim FV Ravensburg sieht das so aus: „Es wird nie funktionieren, dass jeder Spieler wie eine Maschine funktioniert. Dafür spielen wir immer noch auf Amateurniveau“, erklärt FV-Trainer Wohlfarth.

Auch der Faktor Zeit spielt eine große Rolle. Profimannschaften trainieren teilweise mehrfach pro Tag. In Berg und Oberzell trainiert die Mannschaft dagegen dreimal die Woche, beim FV Ravensburg immerhin viermal. „Wir haben beschränkte Kapazitäten, sehen uns nicht so oft“, sagt Wohlfarth. „Daran müssen wir uns anpassen.“ Für Achim Pfuderer macht neben dem Faktor Priorisierung auch die individuelle Lernkurve der Spieler einen großen Unterschied aus: „Spielintelligenz, das Gefühl für Situationen, das haben die Spieler von Natur aus. Das kann man lernen, aber nur bis zu einem gewissen Grad.“ Das gilt auch für den körperlichen Bereich, wie der Ex-Profi aus eigener Erfahrung weiß: „Ich selbst war kein guter Sprinter. Das konnte ich noch so oft trainieren.“

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