Wenn Handballer sich wie Popstars fühlen

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 Andreas Wolff (GER 33) **
Andreas Wolff (GER 33) ** (Foto: nordphoto / Engler)

Man stelle sich einmal vor, es ist Fußball WM im eigenen Land, Manuel Neuer, Marco Reus und Leroy Sané haben abends ein Spiel, doch vormittags noch Lust auf einen Kaffee und etwas Bewegung. Doch es wird nicht der Zimmerservice bemüht, nicht im Hotel auf- und abgetigert oder sich in ein Nobelcafé geschlichen, nein, die drei spazieren einfach ins nächste Einkaufszentrum. Ohne dicke Sonnenbrille und tief ins Gesicht gezogene Schirmmütze – und sind anschließend ganz überrascht, dass sie erkannt und angesprochen werden. Gibt’s nicht? Gibt’s doch! Und zwar, wenn man aus Fußballern Handballer macht.

„Wir waren in der Mall of Berlin Kaffee trinken und dann kommen fremde Leute, grüßen und wünschen viel Glück“, erzählt Fabian Böhm, linker Rückraumspieler des DHB-Teams und scheint wirklich erstaunt. „Ich hatte eine schwarze Jogginghose an, aber das haben wohl viele in Berlin. Vielleicht haben sie uns erkannt, weil wir so groß waren“, vermutet Böhm.

Ja, möglich. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass den unerwartet deutlichen 34:21 (15:8)-Sieg gegen Brasilien, dem zweiten Sieg im zweiten Spiel, beinahe acht Millionen Menschen am TV verfolgten. Die Handball-Euphorie in Deutschland scheint täglich zu wachsen.

Das liegt an der überragenden Abwehrleistung der Mannen von Bundestrainer Christian Prokop, den überragenden Paraden von Keeper Andreas Wolff, den Offensivaktionen von Zehnfach-Torschütze und Kapitän Uwe Gensheimer. Zum einen. Vor allem liegt das aber an einer Mannschaft voller Charaktere, die das Gebilde zusammenhalten und prägen.

Mentalität: Wenn es den schönen Begriff Mentalitätsspieler nicht bereits geben würde, für Andreas Wolff müsste er wohl erfunden werden. Der Torwart scheint pünktlich zu Turnieren jeweils über sich hinauszuwachsen, sicherte gegen Brasilien mit überragenden Paraden einen guten Start, riss immer wieder die Arme in die Höhe, brüllte und heizte die Halle beinahe alleine zu einem Hexenkessel auf. „Wolff ist eben extrovertiert und als er die Bälle gehalten hat, ist die Halle explodiert und er ist explodiert. Er macht das zu seiner Bühne und das gibt ihm Selbstvertrauen“, verdeutlicht Co-Trainer Alexander Haase. Und auch Gensheimer ist Torgarant und Stimmungskanone. Angesprochen auf die Atmosphäre in der Halle, sagte der Linksaußen: „Ich wollte mich schon immer mal so fühlen wir ein Popstar, der den Arm hebt und die Halle tobt.“ Mission erfüllt.

Spielerische Qualität: Was wie eine Plattitüde klingt, trifft auf das DHB-Team unbestritten zu – der Star ist die Mannschaft. „Wir wissen, wir sind alle gute Spieler“, sagt Kreisläufer Patrick Wiencek, genannt Bamm-Bamm. Und auch Martin Strobel von der HBW Balingen-Weilstetten, der einzige Zweitligaspieler im Kader, der bereits nach zwei Spielen seine Nominierung gerechtfertigt hat, meint: „Wir haben extrem viel Potenzial im Team“. Und der Rückraumspieler selbst geht mit Leistung voran, auch wenn der Überraschungskandidat sagt: „Ich sauge einfach alles auf und es fühlt sich gut an“. Sein Autrag: „Ich muss auf die Schwachstellen des Gegners gehen und das Spiel lenken.“ Doch warnt der Dirigent: „Wir müssen uns weiter von Spiel zu Spiel entwickeln.“ Dafür ist nicht zuletzt Bundestrainer Prokop zuständig. Der schaffte es, jeden Spieler sofort im Turnier ankommen zu lassen, indem er alle spielen ließ. Gegen Brasilien trafen alle 13 Feldspieler ins Tor – nur der erkrankte Franz Semper fehlte. Nicht umsonst sagt Prokop deshalb: „Unser Mix muss uns unberechenbar für den Gegner machen.“

Zusammenhalt: Es stimmt wieder im Team. Zwar ist die Mannschaft noch nicht lange zusammen, dennoch meint Wienceck: „Intern haben wir eine super Atmosphäre. Gefühlt so gut wie noch nie. Das sieht man auch auf dem Spielfeld, wo wir auch mal lachen können.“ Und auch Abseits spielt man im Hotel zusammen Darts, Tischtennis oder Mario Kart.

Bodenständigkeit und Gelassenheit: Trotz des Drucks und der Aufmerksamkeit – „Die ganz große Nervosität gab es vor dem ersten Spiel gegen Korea, gegen Brasilien hat es dann einfach Spaß gemacht“ (Gensheimer) – ist der Humor omnipräsent. Auf die Frage, was sich einige Spieler während der Partie an der Seitenlinie von Betreuern auf den Handrücken tropfen ließen und einatmeten, rief der Kapitän direkt: „Koks!“ Schob aber hinterher: „Spaß, das war Minzöl, um die Nase frei zu bekommen.“ Auch Wolff gab sich, angesprochen auf den Inhalt seines Getränks, launig: „Es schmeckt auf jeden Fall nach Erdbeere, ich weiß aber nicht, was da drin ist – hoffentlich nichts Verbotenes.“ Doch trotz allem Witz bleiben die Spieler immer fokussiert: „Man kann nie perfektes Handball spielen“, sagt Rückraumspieler Paul Drux: „ Wir können uns jetzt kurz freuen, aber das wichtigste Spiel ist nun Russland.“

Sollte die Siegesserie so weitergehen, könnte der Spaziergang durch Berlin zukünftig noch von größeren Menschentrauben unterbrochen werden. Denn zumindest Torhüter Wolff meint festgestellt zu haben: „Die ganze Mannschaft ist heiß, die ganze Nation ist heiß.“ Und auch Jogginghosen-Spaziergänger Böhm meint: „Die Aufmerksamkeit schafft schon ein gutes Gefühl.“

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