Wellingers Gold-Coup: Ziemlich nah an sehr gut

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Andreas Wellingers Jubel nach seinem Goldsprung.
Andreas Wellingers Jubel nach seinem Goldsprung. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Irgendwann bald, wenn die ersten Bildbände dieser Olympischen Spiele in die Buchhandlungen kommen, wird Andreas Wellinger sie noch einmal nacherleben, die – pardon – „Scheißzeit“ zwischen 0.14 und 0.19 Uhr am Sonntag in der wohl glücklichsten Nacht seines bisherigen Lebens. Seine rechte Faust wird er sehen, geballt in dem Augenblick, als die Sturzlinie überquert ist. Nun war der Sprung auf 113,5 Meter von der Normalschanze des Alpensia Ski Jumping Centre amtlich: Schanzenrekord, Trainereinschätzung: „grandios“, Selbsteinschätzung: „fantastisch“. Nun führte Andreas Wellinger, der 22-Jährige vom SC Ruhpolding. Und allein Richard Freitag, Johann Andre Forfang, Kamil Stoch und Stefan Hula standen noch oben.

Unten umarmte Markus Eisenbichler den Teamkollegen. Etwas ungestüm, aber umso herzlicher. Gemeinsame Ski-Internatszeiten verbinden. Als Richard Freitag (zu) früh landet, wird die Springertraube größer. Der Wahl-Oberstdorfer herzt den Wahl-Münchner, gratuliert. Karl Geiger kommt hinzu. Noch drei. Längst ist Andreas Wellinger in der Leader-Box in die Knie gegangen, die Hände schützend gegen das Hinschauenmüssen vor dem Gesicht. „Wenn du als Sportler selbst nichts mehr beeinflussen kannst, das ist das schlimmste Warten.“ Noch zwei. Andreas Wellinger hat Bronze sicher. „Das kapiert man selber gar nicht so wirklich. Weil: Der Kopf ist leer, die Emotionen, die gehen sowieso über die Decke hinaus.“ Kamil Stoch zu kurz. Silber! Und Tränen. „Du denkst oben: ,Was will ich für ’nen Sprung machen?‘, dann denkst unten: ,Boah, geiler Sprung!‘ Ab dem Moment ist einfach nur ,system overload‘. Du hoffst natürlich, dass es sich ausgeht.“ Es ging sich aus. Weil Stefan Hula famosen 111 Metern aus Durchgang eins 105,5 folgen ließ. Jetzt brauchte der Pole den Trost der Kameraden, Andreas Wellinger aber war Olympiasieger, der erste deutsche im Skisprung seit Jens Weißflog 1994. Schwer zu begreifen für ihn – und doch ein Stück logisch.

Herbst 2017. Werner Schuster soll Andreas Wellinger charakterisieren. Tut das. Zugewandt, detailliert. Schlüsselworte sind „Reifeprozess“, „professionell“ und „Weltmeisterschaft“. Zweimal Silber hatte der Oberbayer bei den Titelkämpfen in Lahti ersprungen, von Normal- und Großschanze. Der Bundestrainer interpretiert einen gemeinsamen arbeitsreichen Sommer so: „Was ihm wirklich geholfen hat, sind seine Medaillen. Auch, wenn’s keine goldene war. Dadurch, dass er nicht gewonnen hat, ist die Energie, glaube ich, noch höher, einmal ’ne goldene zu schaffen.“

Energie, die Andreas Wellinger offenbar hat. Und investiert. In Training, Detailversessenheit, Geduld. Auch Christian Winklers Verdienst ist das, und so galt dem Heimtrainer am Stützpunkt Oberstdorf ein besonderer Gruß nach Gold und Mitternacht. Was er in jüngerer Vergangenheit gelernt habe, so der Olympiasieger 2018, sei eben, „hart zu arbeiten. Davor hab’ ich nicht mit der Konsequenz mein Training gemacht wie jetzt.“ Christian Winklers Part in nun zweieinhalb gemeinsamen Jahren? Pointiert erklärt: „Der ,Winki‘, der tritt mir da jede Woche in den Arsch.“ Will heißen? „Beim ,Winki‘ gibt’s selten ein ,sehr gut‘. Und das ist einfach mein Ansporn, egal ob das auf der Schanze ist oder im Kraftraum: dass man möglichst nah an ,sehr gut‘ kommt. Der ,Winki‘ gibt sich mit ,gut‘ nicht zufrieden – das färbt mittlerweile auf mich ab.“

„Arschkalt, windig wie Sau“

Bestes Beispiel: die Telemark-Landung, mit der Andreas Wellinger seine zweite Luftfahrt geadelt hat. Bei 8,4 Punkten Vorsprung auf den Zweiten Forfang nicht der einzige, bei einem derart starken Feld wohl aber ein wichtiger Erfolgsfaktor. Gebraucht habe man da den Telemark, sagte Werner Schuster. Den aber im hohen Weitenbereich zu setzen, „da ist er bei uns im Team der Beste. Und er ist halt auch ganz runtergesprungen.“ Beides, Andreas Wellinger grinste, übrigens „ohne mit der Wimper zu zucken“. Die ,Winki‘-Schule.

Vielleicht ging das Weißbier ja auf Christian Winklers Wohl, als die Materialkontrolle passiert, der Interviewmarathon absolviert und die Flower-Zeremonie genossen war. Apropos: Bei ihr waren die ohnehin spärlich besetzten Tribünen schon ziemlich ausgedünnt. Nach fast drei Stunden windzerfaserten Skispringens bei minus zwölf Grad kein Wunder, für die Hauptperson aber kein Problem. „Es war arschkalt, es war windig wie Sau. Denen, die geblieben sind: Respekt!! In so einem Moment könnt’ ich allerdings auch allein da unten stehen, das wär’ mir vollkommen egal gewesen.“

Hauptsache, das ohnmächtige Warten war vorbei.

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