Weiterer Bestechungsversuch öffentlich gemacht

Lesedauer: 6 Min
Deutsche Presse-Agentur

Ein weiterer Bestechungsversuch hat die Krise des internationalen Profi-Handballs offenkundig gemacht.

Der deutsche Schiedsrichter Jürgen Rieber schilderte in einem Bericht von NDR INFO einen konkreten Fall und belastete auch die Europäische Handball- Föderation (EHF) schwer. Am Vorabend eines Champions-League-Spiels der Damen sei seinem Kollegen auf der Toilette ein Zettel gereicht worden, auf dem gestanden habe: „Wir müssen dieses Spiel gewinnen.“ Zunächst sei von 10 000 Dollar Bestechungssumme die Rede gewesen, später von 20 000. „Wir haben natürlich beide brüsk abgelehnt“, sagte Rieber dem Radiosender.

Bei der Partie im Januar 2006 standen sich laut NDR der russische Club Lada Togliatti und der dänische Verein Slagelse DT gegenüber. „Unsere Leute haben nichts Falsches oder Schlechtes getan. Korruption in Deutschland schließe ich aus“, sagte der Schiedsrichterwart des Deutschen Handballbundes (DHB), Peter Rauchfuß, der Deutschen Presse- Agentur dpa.

Wie der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), Frank Bohmann, bestätigte Rauchfuß den Vorfall. „Es scheint ein massives Korruptionsproblem zu geben. Das schlägt in die Kerbe, von der Lemme und Ullrich berichtet haben“, sagte Bohmann der dpa. Die Magdeburger Referees Frank Lemme und Bernd Ullrich hatten mehrere ähnliche Fälle angedeutet, nachdem ein Bestechungsversuch bei einem Europacup-Spiel unter ihrer Leitung publik geworden war. Beide bestreiten, Geld angenommen und eine Partie manipuliert zu haben.

Ihr Kollege Rieber wird seit Jahren gemeinsam mit Holger Fleisch eingesetzt. Nach Angaben Riebers haben die beiden deutschen Referees nach Rücksprache mit Rauchfuß den Bestechungsversuch noch vor dem Spiel beim anwesenden EHF-Delegierten angezeigt. Später hätten sie einen ausführlichen Bericht an den Dachverband gesandt. Eine Reaktion der EHF sei ausgeblieben. „Wir haben das auch bei der EHF angemahnt: Warum hat sich keiner darum gekümmert?“, sagte Bohmann.

Fleisch und er hätten „inoffiziell eine Quittung bekommen, dass wir ungefähr ein halbes Jahr international nicht mehr angesetzt wurden“, sagte Rieber. Der Bestechungsversuch soll von einem Betreuer des russischen Clubs unternommen worden sein. „Das stimmt so. Wir haben das der EHF weitergegeben. Jetzt müssen sie alles aufklären“, forderte Rauchfuß. EHF-Wettbewerbsmanager Markus Glaser verwies darauf, dass dieser Vorfall untersucht werde. Der Eindruck, dass die EHF nicht an einer Klärung interessiert sei, könne entstehen, „weil diese Fälle weit zurückliegen und erst jetzt auf den Tisch kommen“, sagte er dem NDR.

Spätestens bis Juni will die EHF Licht ins Dunkel der nebulösen Manipulationsvorwürfe bringen. Sie hätten „die Pflicht, diese Fragen bis zum Ende der Saison aufzuklären. Allein schon deshalb, damit wir ohne Vorbelastung in die Spielzeit 2009/2010 gehen können - mit einem neuen Konzept“, sagte EHF-Generalsekretär Michael Wiederer der Tageszeitung „Die Welt“. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) verfolgt die Krise mit Sorge, plant aber keine eigene Untersuchungskommission. „Es ist furchtbar, was da passiert, aber es gilt die Unschuldsvermutung. Wir haben großes Vertrauen in die Staatsanwaltschaft“, sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper.

Zugleich erklärte der Funktionär, der DOSB erwäge keinen Stopp der Fördergelder. „Eine Kürzung der Fördermittel macht im Moment keinen Sinn, denn die Profiliga bekommt keine Fördermittel. Und die Vorwürfe bewegen sich in diesem Raum“, sagte Vesper.

Wiederer versprach, dass die EHF „in der Affäre eine komplette Säuberung“ erreichen will. Von der Umfrage unter 300 Schiedsrichtern und 150 Delegierten, deren Ergebnisse in der nächsten Woche vorliegen sollen, verspricht er sich „Informationen zu allen Auffälligkeiten, die es in dem Zeitraum von 2006 bis heute gegeben hat“.

Unterdessen sprang Welthandballer Nikola Karabatic vom THW Kiel seinem einstigen Coach Noka Serdarusic zur Seite. „Wenn jemand geradlinig ist, dann er. Ich hege an ihm überhaupt keine Zweifel. Er ist unschuldig“, sagte der Franzose der „L'Équipe“. Noch vor zwei Wochen habe er einige Tage bei ihm in Kiel verbracht, seitdem werde Serdarusic von der Polizei überwacht. Gegen den Meistertrainer ermittelt die Staatsanwaltschaft Kiel wegen des Verdachts der Beihilfe zur Untreue, gegen Manager Uwe Schwenker wegen des Verdachts der Untreue. Beide bestreiten die Vorwürfe.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen