Vorläufiger Abschied vom Derby: Schalke kaum noch zu retten

Niederlage
Der Schalker Bastian Oczipka (v.) ist nach einem Gegentreffer im Derby bedient. (Foto: Martin Meissner / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Heinz Büse

Selbst die Erzrivalen empfanden Mitleid. Bei aller Begeisterung über den höchsten Sieg beim FC Schalke seit über 56 Jahren verzichteten die Fußball-Profis von Borussia Dortmund nach dem 4:0 (2:0) auf Schadenfreude.

Die Vorahnung, dass es das vorerst letzte Revierderby gewesen sein könnte, stimmte selbst den gebürtigen Dortmunder Marco Reus milde: „Wenn ich auswählen dürfte, würde ich sie schon drin lassen“, kommentierte der Kapitän, bevor die BVB-Profis im Teambus von den Fans in Dortmund mit Pyro in Empfang genommen wurden.

Ähnlich mitfühlend wie der Kapitän reagierte der Dortmunder Coach Edin Terzic: „Das sind die zwei emotionalsten Spiele, die wir pro Bundesliga-Saison haben. Deshalb wären wie sehr glücklich, wenn wir nächstes Jahr wieder herkommen dürften.“ Doch die Chancen auf eine baldige Neuauflage des Liga-Klassikers sind angesichts der Schalker Abstiegsnöte auf ein Minimum gesunken.

Seit Einführung der Drei-Punkte-Wertung 1995/96 gab es noch nie ein Team mit nur neun Zählern nach 22 Partien. Eine solch desaströse Bilanz zu diesem Saisonzeitpunkt hatten umgerechnet zuletzt der Wuppertaler SV und Tennis Borussia Berlin in der Spielzeit 1974/75. Wirklich überzeugend klangen die neuerlichen Durchhalteparolen von Trainer Christian Gross deshalb nicht: „Man sollte uns nicht zu früh abschreiben. Wir glauben bis zum vielleicht bitteren Ende, dass es noch möglich ist.“

Die von vielen Fans zum Schicksals-Derby ausgerufene Partie, die als Initialzündung für einen leidenschaftlichen Abstiegskampf mit Happy End dienen sollte, endete mit einer weiteren Ernüchterung. „Es ist natürlich ganz bitter, so hoch gegen die Dortmunder zu verlieren“, bekannte Gross, „aber Morgen werden wir uns aufrichten, Richtung Stuttgart schauen und versuchen, dort Punkte zu holen.“

Nicht nur der große Abstand zum Relegationsrang, sondern auch das Verletzungspech stimmt selbst Daueroptimisten skeptisch. Dass die zu Jahresbeginn verpflichtete Sturmhoffnung Klaas-Jan Huntelaar seit Wochen wegen einer Wadenzerrung nur zuschauen kann, sich Neuzugang Shkodran Mustafi beim Aufwärmen vor der Partie verletzte und Stammkeeper Ralf Fährmann mit einer Bauchmuskelblessur in der ersten Halbzeit ausgewechselt werden musste, passte ins Bild eines vom Glück verlassenen Abstiegskandidaten. „Es ist sehr schmerzhaft für uns, wir wissen, wie wichtig das Derby für unsere Fans, den Verein und für uns alle ist“, klagte Omar Mascarell.

Schnell entlud sich bei einigen Fans der Frust über die anhaltende Erfolglosigkeit. Ungeachtet des coronabedingten Zuschauerverbots versuchten rund 200 Anhänger nach der Partie in das Stadion zu gelangen, wurden aber erfolgreich daran gehindert. Laut Polizei wurde gegen einen Fan ein Strafverfahren eingeleitet, aber niemand verletzt.

Dagegen wurden die Dortmunder von ihrem Anhang bei der Rückkehr zum eigenen Trainingszentrum euphorisch gefeiert. Weil einige der rund 150 bis 200 Fans dabei weder Masken trugen noch den notwendigen Abstand einhielten, räumte der BVB Verstöße gegen die Corona-Regeln ein. Auf einem Video, das auf dem Account von Mahmoud Dahoud auf Instagram zeitweise veröffentlicht, aber später gelöscht worden war, war zu sehen, wie Reus, Erling Haaland, Emre Can & Co. hinter der Frontscheibe Fans zujubelten, die sie mit Pyro in Empfang nahmen.

Die Dortmunder baten um Entschuldigung für die Vorkommnisse und versprachen, „mit der Polizei und allen Beteiligten sehr zeitnah darüber zu sprechen, wie solche Szenen in der Öffentlichkeit zukünftig komplett auszuschließen sind“. Die Deutsche Fußball Liga forderte eine kurzfristige Stellungnahme des BVB an. Nach Angaben der Dortmunder Polizei liegt wegen der Vorfälle eine Strafanzeige vor. Die Ermittlungen laufen demnach, es werde das vorhandene Videomaterial gesichtet.

Besonders bejubelt wurden die Torschützen Jadon Sancho (42.), Haaland (45./79.) und Raphael Guerreiro (60.). Dank ihrer Treffer schöpfte der BVB wieder neuen Mut im Kampf um einen Champions-League-Platz, der aber noch immer sechs Punkte entfernt liegt. Deshalb warnte Kapitän Reus seine Mitspieler davor, die Lage nach dem Sieg in Sevilla (3:2) und dem prestigeträchtigen Erfolg im Derby schön zu reden: „Wir brauchen uns nicht anzulügen, dass wir in den letzten Wochen von den Ergebnissen her wenig geboten haben. Das Momentum müssen wir weiter nutzen. Es fängt jetzt erst an.“

© dpa-infocom, dpa:210221-99-530813/2

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