Vor Uli Hoeneß’ Rückzug vom FC Bayern spricht sein Bruder Dieter in der „Schwäbischen Zeitung“

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Patrick Strasser

Sie trennen nur zwölf Monate. Und doch war Dieter Hoeneß, 66, für die Öffentlichkeit vor allem immer der kleine Bruder von Uli Hoeneß – obwohl der Jüngere sogar sieben Zentimeter größer ist und ebenfalls auf eine große Karriere als Fußballprofi (beim VfR Aalen, VfB Stuttgart und Bayern München) und Manager (Stuttgart, Hertha BSC und Wolfsburg) zurückblicken kann. Weltmeister wurde zwar nur Uli, doch auch Dieter stand in einem WM-Finale – zwölf Jahre nach den Weltmeistern von München 1974. Patrick Strasser hat sich vor Uli Hoeneß Rückzug als Präsident und Aufsichtsratschef des FC Bayern am Freitag in der Olympiahalle mit Dieter Hoeneß unterhalten.

Herr Hoeneß, Sie sind wie Ihr Bruder Uli in Ulm geboren. Zwei Schwaben, die in die Welt hinausgingen. Wer ist der Sparsamere?

Beide gleich, würde ich sagen. Wir sind zur Sparsamkeit erzogen worden, in einem Elternhaus, in dem nie mehr Geld ausgegeben wurde, als man eingenommen hatte respektive da war.

Ihre Eltern betrieben am Eselsberg in Ulm eine Metzgerei. Ihr Bruder sagt rückblickend: „Wenn die Kasse nicht stimmte, hing der Haussegen schief.“

Natürlich, das war so. Unsere Eltern waren Kaufleute, die einfach wirtschaften und damit die Familie ernähren mussten. Wir sprechen von den 1950er-Jahren, der Nachkriegszeit, das hat uns geprägt. Da war allgemein nicht viel Geld vorhanden, die Wirtschaft kam erst langsam wieder in Schwung. Auf der anderen Seite hat uns unsere Mutter (Paula, d.Red.) bei wichtigen Dingen eine gewisse Großzügigkeit eingeimpft. Für Qualität, etwa einen guten Pullover, muss man mehr Geld ausgeben, sagte sie. Dafür hält der auch länger. Uns hat es trotzdem an nichts gefehlt. Wenn ich so zurückschaue, muss ich sagen: Uli und ich hatten eine wunderschöne Jugend.

Trotz der harten Zeiten? Uli stand samstags, wenn keine Schule war, im Laden hinter der Kasse und hat mitgeholfen.

Da unsere Mutter auch in der Metzgerei gearbeitet hat, kümmerte sich ein Dienstmädchen um uns. Wir wurden an der langen Leine gelassen, unsere Mutter hat immer überprüft, dass wir die Hausaufgaben machen. Danach durften wir raus zum Kicken. Wir haben in einer Siedlung am Waldrand gewohnt, da konnten wir schnell ins Gelände oder haben auf der Straße gekickt – es gab ja auch noch nicht so viele Autos. Das war traumhaft schön.

Wer war der bessere Schüler?

Uli war fleißiger, gewissenhafter und daher etwas besser. Ich hatte nie die Absicht, der Klassenbeste zu sein, ich wollte das Abitur machen, ist mir gut gelungen.

Haben Sie sich gegenseitig geholfen? Abgeschrieben?

Wir waren ja nicht in derselben Klasse, haben uns zu Hause höchstens mal gegenseitig Vokabeln abgefragt. Wenn es galt, in Erdkunde oder Biologie etwas zu zeichnen, habe ich das für Uli gemacht.

Dieter war eher unbekümmert, ein Träumer“, sagt Ihr Bruder, „dafür künstlerisch veranlagt“. Sie haben gemalt. Öl auf Leinwand.

Na ja, ein Träumer war ich nicht, ich hatte eben mehrere Interessen. Dass ich etwas malen kann, macht sich heute bezahlt, wenn ich mit meinen Enkeln zusammen bin.

Wer war musisch veranlagter?

Wir bereuen heute beide, dass wir kein Instrument spielen können. Als wir ganz jung waren, haben wir Blockflöte gelernt. Da war die Begeisterung und damit die Karriere schnell vorbei. Später haben wir Gitarre und Akkordeon begonnen, aber wir wollten lieber auf die Wiese, wollten kicken. Schon mit vier, fünf Jahren. Wenig später haben wir für unsere Freunde „Olympische Spiele“ organisiert. Mit Laufen, Werfen und ab in den Weitsprungkasten. Wir kamen schon sehr früh in die Jugendabteilung des VfB Ulm – ich mit fünf, er mit sechs Jahren.

War er der bessere Fußballer? Zur Entlastung: Sie waren – fast auf den Tag genau – ein Jahr jünger.

Uli wusste mit 13, 14 Jahren, dass er Fußballprofi werden möchte. Das war bei mir etwas anders. Obwohl sich auch bei mir eine Karriere abgezeichnet hat, nämlich als Torhüter. Gleichzeitig habe ich ganz ordentlich Basketball gespielt, bin Ski gefahren, war später einer der ersten Windsurfer in der Gegend. Mein Sportlehrer im Gymnasium sah in mir ein großes Talent als Zehnkämpfer. Mit 16 habe ich mich entschieden, mich wieder mehr auf Fußball zu konzentrieren, diesmal als Stürmer. Das Ergebnis ist bekannt.

Wer war beim Tipp-Kick-Spielen jähzorniger?

Wir konnten beide nicht verlieren, da sind schon mal die Fetzen geflogen. Wir hätten die heutigen Torkameras gebraucht (lacht).

Videobeweis im Hause Hoeneß. Wenn es mal wirklich Zoff gab, wie sah das aus?

Vielleicht ein kleiner Ringkampf, mehr nicht. Gab es ein Problem, hatte sich das meist schnell erledigt.

Kannten Sie als der Jüngere Neid?

Überhaupt nicht, das war uns beiden fremd. Natürlich war Uli immer früher dran als Älterer, aber ich habe mich für ihn gefreut. Als er mit der Schüler-Nationalelf vor 90 000 Zuschauern im Wembley-Stadion gespielt hat, wurde das im Fernsehen übertragen, wir durften es in der Schule im Klassenzimmer verfolgen. Ich war mächtig stolz auf ihn.

Ihre Abitur-Noten, bitte.

Uli schaffte 2,4 und ich 2,9.

Lassen Sie uns einen Sprung machen. Ihr Bruder wurde 2014 wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt, Sie haben ihn besucht.

Als ich seine Augen sah, bin ich wirklich erschrocken. Ich dachte, ein gebrochener Mann steht vor mir. Ist ja auch kein Wunder. Die Vorstellung, in einem Raum eingeschlossen zu sein, ist für mich ein Horror, da ich ein wenig klaustrophobisch veranlagt bin. Dazu kamen mehrere ernstzunehmende Erpressungsversuche, verbunden mit Morddrohungen. Allerdings bekam ich im Laufe des eineinhalbstündigen Besuchs das Gefühl, dass er zwar stark angeschlagen war, aber bereit zu kämpfen.

Während der Haft konnten Sie nur einmal in die Justizvollzugsanstalt Landsberg.

Ja, leider. Zweimal pro Monat durften ihn lediglich drei Familienangehörige besuchen. Das war selbstverständlich seiner Frau Susi und den Kindern vorbehalten. Als seine Tochter Sabine im Urlaub war, konnte ich zu ihm. Ich wäre gerne öfter hin.

Hätten Sie sich damals vorstellen können, dass er irgendwann wieder in seine Ämter beim FC Bayern zurückkehrt?

Mir ging es nur um Uli als Menschen und darum, dass er diese Zeit einigermaßen unbeschadet übersteht und danach verarbeiten kann. Als er aus der Haft entlassen wurde, habe ich gehofft, dass er wieder glücklich wird – und das ist er heute.

Wie empfanden Sie seine Entscheidung, nach Ende der Haftstrafe im Februar 2016 eine Rückkehr in seine Ämter beim FC Bayern anzustreben?

Er wollte Normalität spüren, aus meiner Sicht war es richtig. Es war allein seine Entscheidung. Genau wie in der Frage, ob er nun Schluss macht als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender.

Hat Sie diese Entscheidung überrascht?

Nein, seine Familie, sprich seine Frau, die zwei Kinder und die vier Enkel haben eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung gespielt. Dies ist der Hauptgrund für den Rückzug. Uli möchte mehr Zeit mit ihnen verbringen. Dass er da so eingespannt wird, ist eine neue Art von Lebensqualität für ihn. Und zweitens war es ihm unheimlich wichtig, ein bestelltes Feld beim FC Bayern zu überlassen.

Hoeneß bleibt Mitglied des Aufsichtsrates. Er wird sich weiter einmischen.

Dass er nach 40 Jahren Wirken im Verein nicht so einfach komplett loslassen kann, wissen wir alle. Unglaublich, welches Lebenswerk er hinterlässt. Dass jemand einen Verein so erfolgreich so lange prägt, wird es nicht mehr geben. Es ging ihm immer um das Wohl und Wehe seines FC Bayern, das hat ihn angetrieben. Wenn er das Gefühl hat, dass etwas falsch läuft, wird er sich auch in Zukunft melden. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Sorge.

Auf der letztjährigen Jahreshauptversammlung gab es viel Kritik und Unmut. Vetternwirtschaft und One-Man-Show lauteten die Vorwürfe. Dass dies aus den eigenen Reihen kam, von den Fans, hat Hoeneß tief getroffen, wie er zugab.

Kritik gehört dazu, damit muss man leben. Aber dass es einige Mitglieder gibt, die nach insgesamt 50 Jahren Wirken für den FC Bayern nicht verstanden haben, wie Uli tickt, das hat ihn verletzt. Ich glaube allerdings, dies hatte keinen Einfluss auf seine Entscheidung, sich etwas zurückziehen.

Was wird Uli Hoeneß ab dem 16. November machen?

Mehr Zeit haben – für die Familie und für sich. Um Golf zu spielen, Schafkopf. Mehr Urlaub zu machen. Eben nicht ständig getrieben zu sein und von Termin zu Termin hetzen.

Auf der Tribüne der Allianz Arena wird Hoeneß Stammgast bleiben.

Heimspiele wird er wohl keine verpassen. Aber vielleicht reist er auswärts mal nicht mit, wenn er nun auch während der Saison mal Urlaub macht.

Interview

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