Von Sammer bis Ballack: Ost-Fußball lebt weiter

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Deutsche Presse-Agentur

Matthias Sammer war einer der ersten - inzwischen wird nicht mehr gezählt, wie viele der besten DDR-Fußballer den Weg in den Westen genommen haben.

Doch der Ost-Fußball lebt weiter, nicht nur durch Energie Cottbus in der Bundesliga. Und nicht nur durch die inzwischen 27 deutschen Nationalspieler von Andreas Thom über Ulf Kirsten und Bernd Schneider bis hin zu Robert Enke und Michael Ballack, die ihr Fußball-ABC noch in der DDR gelernt hatten. Auf genau 627 Länderspiele für das wiedervereinte Deutschland haben es die prominenten „Grenzgänger“ gebracht. „Der FCK hieß eines Tages Chemnitzer FC. Und die KJS plötzlich Sportgymnasium“, erinnert sich DFB-Kapitän Ballack, im sächsischen Görlitz geboren, in Karl-Marx- Stadt aufgewachsen und jetzt in London zuhause, an die Wende-Monate.

Die 15 sportbetonten Fußball-Schulen, die seit 1996 vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) gefördert werden, liegen allesamt auf dem Gebiet der neuen Bundesländer und sind als Nachfolger der Kinder- und Jugendsport-Schulen (KJS) inzwischen wieder anerkannt. Im Wendejahr 1989 war auch Ballack als 13-Jähriger Schüler der KJS geworden. Zudem sind acht der insgesamt 36 Eliteschulen des DFB heute im Osten beheimatet. „Die Einführung der Eliteschulen ist ein weiterer konsequenter Schritt in der Nachwuchsförderung“, erklärte Sammer, der inzwischen maßgeblich das Konzept der DFB-Talente-Projekte prägt. Sammer selbst hatte die Dresdner Fußball-Schule durchlaufen und steht heute als Symbol für die Vereinigung.

11. September 1990 - das 293. und letzte Länderspiel der DDR-Auswahl in Belgien: Von 36 Kandidaten wollten nur noch zwölf mitmachen, einer davon war Matthias Sammer. „Es war ein Länderspiel. Da wäre es nicht fair gewesen, einfach zu kneifen“, sagte der zweifache Torschütze damals. Das 2:0 in Brüssel war für den Sachsen „vielleicht auch eine Trotzreaktion auf die vielen fadenscheinigen Absagen“. Zu dem damaligen Zeitpunkt konnte der gerade von Dynamo Dresden zum VfB Stuttgart gewechselte Profi noch nicht wissen, dass er weiter deutsch-deutsche Geschichte schreiben würde.

Am 19. Dezember 1990 durfte Sammer in seiner schwäbischen Wahlheimat im Spiel gegen die Schweiz (4:0) als erster „Ossi“ wieder das Trikot mit dem Bundesadler überstreifen. 23 Spiele für die DDR, 51 für das wiedervereinte Deutschland absolvierte Sammer. Als vor fast 20 Jahren, am 9. November 1989, der eiserne Vorhang fiel, hatten sich die Top-Manager der Bundesliga im Eiltempo auf die besten Ost- Stars gestürzt. Rund 150 ehemalige DDR-Spieler gingen bereits in den ersten fünf Jahren nach der Wende in die alten Bundesländer und unterschrieben Verträge in der 1. oder 2. Bundesliga.

Das WM-Qualifikationsspiel der DDR in Österreich (0:3) nur sechs Tage nach dem Mauerfall wurde zum ersten offiziellen Schaulaufen, schon kurz vor Weihnachten 1989 war der 2,8-Millionen-Mark-Deal zwischen dem DDR-Serienmeister BFC Dynamo und Bayer Leverkusen über den Transfer von Andreas Thom perfekt. „Manchmal denke ich, ich hätte mir gewünscht, dass die Mauer nur ein Vierteljahr später aufgegangen wäre“, erinnerte sich Eduard Geyer, der letzte DDR-Auswahltrainer. Für Geyer und sein Team war der WM-Traum nach dem Österreich-Spiel geplatzt.

Am 19. Juli 1990 verabschiedeten die Fußball-Verbände DFV und DFB die Modalitäten der Vereinigung: Zwei Ost-Teams (Hansa Rostock und Dynamo Dresden) durften in der Bundesliga ran, sechs in der 2. Liga. Im November wurde ein Freundschaftsspiel zwischen Weltmeister Deutschland und einer Auswahl von DDR-Spielern abgesagt, nachdem der Fußball im Osten seine schwärzeste Stunde erlebt hatte. Bei Ausschreitungen zwischen Berliner und Leipziger Hooligans wurde der 18-jährige Mike Polley von einer Polizeikugel getötet. Mit dem letzten Oberliga-Spieltag am 25. Mai 1991 war die DDR auch im Fußball Geschichte.

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