Von Rink bis Özil: DFB-Elf ist ein Schmelztiegel

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Deutsche Presse-Agentur

Nicht erst seit den Debatten um Mesut Özil ist klar: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist schon lange mehr als nur eine deutsche Auswahl. Vor allem in den vergangenen zehn Jahren wurde die Vorzeigemannschaft des DFB immer mehr zu einem kleinen Schmelztiegel.

Integration, die große gesellschaftliche Aufgabe, der sich gerade der Fußball besonders stellt, wird gerade in der Nationalmannschaft vorgelebt. Seit 1998 spielten immerhin schon 22 Akteure mit ausländischen Wurzeln für die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Auch gegen Norwegen ist die Auswahl des Vize-Europameisters ein Kulturen-Mix, der beweist dass Deutschland auch im Fußball längst ein Einwanderungsland ist. Zwei Ex-Türken aus Ruhrpott und Ländle (Özil und Serdar Tasci), ein in West-Sibirien geborener Hoffenheimer (Andreas Beck), ein schwäbischer Stürmer mit spanischer Mutter (Mario Gomez) und zwei Offensivmänner mit polnischen Wurzeln (Miroslav Klose und Piotr Trochowski) hatte Bundestrainer Joachim Löw in seinem Aufgebot. Noch vor gut zehn Jahren, als Frankreich mit einer Multi-Kulti-Truppe Weltmeister wurde, war in Deutschland der Weg ins Nationalteam für viele Talente durch die Einbürgerungspolitik der damaligen Kohl-Regierung versperrt.

„Das Wichtigste ist, dass ein Spieler hundertprozentig von seiner Entscheidung überzeugt ist“, erklärte Löw die neue Haltung. „Die beste Integration ist die, über die überhaupt niemand spricht“, bemerkte DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach, der die große Bedeutung des Themas vom kleinsten Verein bis hin zur Nationalelf kennt. Um die Entscheidung des erst 20-jährigen Özil, der in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen ist, für die deutsche und gegen die türkische Nationalmannschaft hatte es in den vergangenen Tagen heftige Debatten gegeben.

Nach einigen Beleidigungen gegen Özil auf dessen Homepage forderte Bundestrainer Joachim Löw sogar öffentlich Respekt und Fairness ein: „„Man sollte das so akzeptieren.“ Niersbach, der am entscheidenden Gespräch mit Özil teilgenommen hatte, betonte: „Das Wichtigste war Klarheit, weil er die Unruhe nicht mehr haben wollte.“ Der türkische Verband hatte intensiv um das Talent von Werder Bremen gebuhlt.

Die Internationalität in der A-Mannschaft ist auch ein Spiegelbild des Verbandes insgesamt. Von den 6,5 Millionen Mitgliedern haben laut Schätzung des DFB rund eine Million einen ausländischen Pass, das ist immerhin jeder Sechste. „Wir haben da keine Erhebung, wir machen keinen Unterschied“, bemerkte DFB-Generalsekretär Niersbach.

Auch der Bundestrainer geht bei seiner Auswahl von diesem Prinzip aus, eine „politische“ Nominierung habe es auch im Fall Özil nicht gegeben, sagte Löw. „Jogi hat ihm keinen Freibrief ausgestellt“, ergänzte Niersbach. Ein Blick in die vergangenen zehn Jahre zeigt ebenfalls: Bei den Spielern mit ausländischen Wurzeln ist es wie bei den deutschen - einige wie der im polnischen Oppeln geborene Miroslav Klose haben es in der Nationalelf zum Star gebracht. Andere wie Mustafa Dogan (geboren in Yalvac/Türkei) oder Lukas Sinkiewicz (Tychy/Polen) bleiben Eintages-Fliegen im DFB-Team.

Dass der deutsche Pass keine Garantie für DFB-Länderspiele ist, musste auch Sean Dundee erfahren. Berti Vogts hatte sich in den späten 90-er Jahren vehement für eine Einbürgerung des aus Südafrika stammenden Spielers im Eilverfahren eingesetzt, doch Dundee saß dann in der A-Elf nur einmal auf der Ersatzbank. Andere wie Zoltan Sebescen, dessen Familie aus Ungarn stammt, oder der Brasilianer Paulo Rink wurden im Adler-Trikot auch nicht glücklich.

Beim Blick auf die Jugend-Auswahlmannschaften des DFB wird deutlich: Die Tendenz geht weiter zum Schmelztiegel Nationalelf. In der U 21, die auf dem Weg zur EM im Sommer in Irland 1:1 spielte, standen in Dennis Aogo (Nigeria), Jerome und Kevin Boateng (Ghana), Sami Khedira (Tunesien) und Änis Ben Hatira (Tunesien) mehrere Akteure auf dem Platz, deren Familien nicht aus Deutschland stammen. Bis zum Alter von 21 Jahren müssen sich laut FIFA-Regel alle Spieler entscheiden, für welche A-Nationalmannschaft sie spielen. „In früheren Jahren waren die Bedingungen weitaus schärfer“, erklärte Niersbach. Da hatte man sich schon mit einem Einsatz in der U 16 für ein Land festgelegt.

Ein besonderes Beispiel für Internationalität bietet Savio Nsereko, der als kleiner Junge aus Uganda nach München emigriert war und bei 1880 München das Fußballspielen gelernt hatte. Mit 16 Jahren ging er zu Brescia Calcio. Ende Januar diesen Jahres holte West Ham United für angeblich 8,5 Millionen Euro Nsereko in die Premier League - das Trikot der deutschen Junioren-Auswahl aber trägt er weiter.

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