Von Richthofen: Vereine sind Herzstück des Sports

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Deutsche Presse-Agentur

Manfred von Richthofen, seit dem 9. Februar 75 Jahre alt, ist noch nahe dran am Geschehen, obwohl der Berliner die Welt des Sports nun von seinem Alterssitz Rottach-Egern aus betrachtet.

Zur DDR-Dopingvergangenheit des gerade gekündigten Leichtathletik-Trainers Werner Goldmann sagt er: „Wir haben uns nach der Vereinigung mit der Aufklärung wirklich Mühe gegeben. Es ist dabei auch Hervorragendes geleistet worden. Doch man hätte in manchem noch radikaler vorgehen müssen.“ In einem Gespräch mit der Deutschen Presse Agentur sieht er die 91 000 Vereine im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) von der Wirtschaftskrise ganz besonders bedroht: „Sie sind das Herzstück des deutschen Sports. Sie haben alle erdenklichen Stützungsmaßnahmen verdient.“

Von Richthofen ist in der Geschichte des deutschen Nachkriegssports einer der beiden Vereinigungspräsidenten. Vorgänger Hans Hansen, der dem Deutschen Sportbund (DSB) von 1986 bis 1994 vorstand, lenkte den Beitritt des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der DDR mit mildem Verständnis. Der kantige, oft unbequeme von Richthofen wurde zum Pionier der 2006 vollzogenen Fusion von DSB und NOK zum DOSB. Seitdem ist er dessen Ehrenpräsident. „Es hat sich gezeigt, dass der Zusammenschluss notwendig und richtig gewesen ist“ so von Richthofen. Dass der Sport nun mit einer Stimme spreche, tue ihm gut und habe ihn stärker gemacht. „Doch wenn man gewusst hätte, dass so eine bedrohliche Finanzkrise kommt, hätte man die Fusion zehn Jahre früher machen müssen“, sagt von Richthofen.

Unverändert bleibe auch für den DOSB das Dilemma, als Dachverband über zu wenig exekutive Kraft zu verfügen und zugleich den Spagat zwischen Leistungssport und Breitensport hinzukriegen zu müssen. „Es müsste in einer ganzen Reihe von Verbänden zu einschneidenden Veränderungen kommen. Das geht jedoch nur über finanziellen Druck.“ Im föderalen System der deutschen Republik sei das „ein heikles Problem mit der Fragestellung: Wie weit kann man neue Wege gehen?“. Der Spitzensport sei der Motor, am Beispiel der Handball-Nationalmannschaft sei zu sehen, welch „mobilisierende Kraft er erzeugt“. Im Breitensport gehe es unverändert darum, das Ehrenamt zu stärken, „ohne Ehrenamt geht nichts“. Nach wie vor leide der Sport unter dem Mangel an qualifiziertem Führungspersonal.

Von Richthofen steht voll hinter dem Offenen Brief seines Nachfolgers Thomas Bach, der mit Generaldirektor Michael Vesper die Haltung des DOSB zum Fall Goldmann so deutlich gemacht hat: Eine neu Chance dann, wenn lange vergangene Dopingverfehlungen eingestanden und bedauert werden - aber keine Generalamnestie. Dies ist eine Übereinstimmung, die stark kontrastiert mit der öffentlich geäußerten Kritik an der Haltung der DOSB-Führung im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking. Da hatte von Richthofen die frühe Teilnahmezusage an der Olympiade als „unsensibles Vorgehen“ gescholten und lautstark eine stärkere Positionierung in Menschenrechtsfragen eingefordert.

Ein Ehrenpräsident, der sich öffentlich als Kronzeuge gegen den eigenen Verband in Stellung bringt - das wiederum hatte Thomas Bach und Michael Vesper empört und zu der Rüge des Generaldirektors geführt, es sei nicht gerade „feiner Stil“ und ein Verstoß gegen den „guten Grundsatz, dass man seinen Nachfolger nicht öffentlich bewerten soll“. Inzwischen hat es längst ein klärendes Gespräch zwischen Präsident und Ehrenpräsident gegeben. Für Thomas Bach ist durch Fakten belegt, dass Vorspiel und Verlauf der Spiele zu einer Bestätigung der DOSB-Position geworden sind. Von Richthofen hat die Konsequenz gezogen, sich „nicht mehr in Tagesgeschäfte einzumischen, zu Grundsatzfragen wie Menschenrechtsverletzungen in China aber immer wieder“. Rottach-Egern gibt Abstand und bietet eine gute Aussicht.

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