Vital Heynen im Interview: „Ich, Weltmeister? Das fühlt sich falsch an“

Lesedauer: 6 Min
Ressortleiter Sport

Die Probleme für die Mannschaft von Trainer Vital Heynen begannen erst nach dem WM-Triumph. Am Vormittag nach dem überraschend souveränen 3:0 (28:26, 25:20, 25:23)-Sieg Polens im Finale der Volleyball-Weltmeisterschaft in Turin gegen Brasilien hingen die Gewinner am Mailänder Flughafen fest. „Ein Gepäckfahrzeug ist gegen unser Flugzeug gefahren. Jetzt warten wir auf die Ersatzmaschine – und in Warschau warten angeblich Tausende Fans auf uns“, berichtet Vital Heynen, im Hauptberuf Coach der Bundesligavolleyballer vom VfB Friedrichshafen. Für den Belgier Heynen, der 2014 die deutsche Nationalmannschaft bei der WM zu Bronze führte, ist der Titel der größte Erfolg seiner Karriere. Filippo Cataldo hat mit ihm gesprochen.

Herr Heynen, eigentlich wollten Sie diesen Montag einen Kaffee am Bodensee trinken und sich mit den Spielern Ihrer Mannschaft vom VfB Friedrichshafen treffen ...

Ich verspäte mich ein bisschen. Die Leute vom Verband wollen, dass ich dem polnischen Präsidenten noch die Hand schüttle.

Sie haben den Topfavoriten Brasilien glatt mit 3:0 besiegt. Wie geht das?

Keine Ahnung, So einfach hatte ich das nicht erwartet. Ich habe mir während des Spiels ständig die Frage gestellt, wann es wohl schwer werden würde für uns. Aber es wurde einfach nicht schwer. Meine Mannschaft hat sehr konzentriert und konstant gespielt, nie die Ruhe verloren.

Polen war zwar amtierender Weltmeister, ist aber als Außenseiter zur WM gefahren.

Wir waren sogar weniger als das. Die Buchmacher haben uns vor dem Turnier auf Platz acht gesehen. Als ich im Frühjahr meinen Vertrag hier unterschrieben habe, war der Plan komplett auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio hin ausgerichtet. Polen sah bei Weltmeisterschaften öfter gut aus, bei Olympia fehlt das Erfolgserlebnis. Ich wurde geholt, um eine Mannschaft aufzubauen, die 2020 Medaillen gewinnt. Der Titel jetzt kommt eigentlich zu früh. Aber ab und zu gewinnt man eben einen unerwarteten großen Titel.

Blöde Frage: Weltmeister – wie fühlt sich das an?

Falsch. Ich betreibe diesen Sport jetzt 30 Jahre auf professionellem Niveau – erst als Spieler, jetzt als Trainer. Natürlich war es immer ein Traum, so einen großen Titel zu gewinnen. Aber wenn ich mir jetzt sage: ,Vital, du bist Weltmeister!’, dann hört sich das unwirklich und falsch an, fast ein bisschen dumm. Was ich aber sagen kann: Ich bin Coach der besten Mannschaft der Welt – dafür möchtte ich den Jungs danken. Andere Trainer haben große Spieler, ich habe ein großartiges Team. Die Mannschaft ist im Turnier gewachsen, die letzten Tage waren wir die Besten. Diese Dynamik miterlebt zu haben, das bedeutet alles für mich.

Wie war die Nacht?

Ich weiß nicht, was die Spieler gemacht haben, aber ich habe ein Glas Wein getrunken, ein bisschen geredet, gelacht – und bin dann ins Bett. Vielleicht realisiere ich irgendwann, was wir geschafft haben. Davon bin ich aber noch meilenweit weg.

Sie sind am 10. Mai direkt nach dem verlorenen Bundesliga-Finalspiel gegen Berlin aus Friedrichshafen nach Polen zur Nationalmannschaft gereist, nun kommen Sie als Weltmeister zurück. Und am 13. Oktober beginnt schon die Bundesligasaison. Schon mal was von Urlaub gehört?

In Friedrichshafen wird es wie Urlaub werden für mich – da muss ich nur trainieren und nicht zwei Stunden am Tag mit Journalisten reden (lacht). Ich war zwischendurch ein paar Tage bei meiner Familie in Belgien. Es geht immer weiter, so ist das in meinem Beruf. 2014 habe ich nach der WM auch sofort weitergemacht. Eigentlich darf man da nicht darüber nachdenken. Wir fliegen jetzt nach Polen, lassen die Spieler hochleben und schütteln dem Präsidenten die Hand. Dann fliege ich nach Belgien. Donnerstag oder Freitag dürfte ich am Bodensee sein. Dann gibt es auch den Kaffee am Bodensee. Ich freue mich drauf.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen