VfB Stuttgart entlässt Korkut: Der Retter hat ausgedient

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Frustkick: VfB-Trainer Tayfun Korkut (im Hintergrund Manager Reschke) fehlte am Ende der Plan b).
Frustkick: VfB-Trainer Tayfun Korkut (im Hintergrund Manager Reschke) fehlte am Ende der Plan b). (Foto: Fotos: Eibner)

Wie das geht mit diesen nervtötenden Fragen nach Trainerentlassungen im Haifischbecken Fußball-Bundesliga, das weiß Michael Reschke längst. Das Credo lautet: Man stelle sich aus Clubinteresse öffentlich hinter den aktuellen Trainer – und zwar so lange, bis er entlassen ist. Also schritt der Manager nach dem erbärmlichen 1:3 seines VfB Stuttgart beim Ligaletzten Hannover 96, das den VfB selbst zum Schlusslicht macht, zur Tat: „Die Trainerfrage stellt sich nicht“, sagte Reschke Samstagnachmittag. Und: „Das ist nach sieben Spieltagen eine total enttäuschende Zwischenbilanz. Aber es ist definitiv noch genug Substanz in der Mannschaft und im Trainerteam, um einen Neustart zu schaffen. Wir werden alles daran setzen, um in dieser Konstellation wieder erfolgreich zu sein.“

Anschließend wurde umgehend eine Vorstandsrunde einberufen, in der Präsident Wolfgang Dietrich ein Machtwort sprach, tags danach um 11.30 Uhr klang Reschke dann so: Das Spiel in Hannover habe ihn stellenweise sogar traurig gemacht, sagte er. „Die Gesamtbilanz ist natürlich zum Saisonauftakt total unbefriedigend. Hinzu kommt die sportliche Entwicklung der Mannschaft, die auch etwas zu wünschen übrig lässt.“ Mit einer derartigen Bilanz, endete Reschke, „steigt man ab“, und folglich hatte der VfB zuvor das getan, was er wohl am besten kann: den Trainer wechseln. Andreas Hinkel übernimmt interimsweise. Korkuts Beurlaubung war der 13. Trainerwechsel seit 2010. Fast alle fanden sie im Herbst statt, der Regisseur von „Täglich grüßt das Murmeltier“ wäre sicher begeistert.

Und doch: Diese Entlassung, die so undankbar erscheint – schließlich hatte der 44-Jährige, der so misstrauisch empfangen worden war, den VfB im Vorjahr nicht nur gerettet, sondern mit 31 Zählern aus 14 Partien (2,2 Zähler im Schnitt) von Platz 14 auf Rang sieben geführt –, war fast zwangsläufig. Acht Spiele hatte Korkut Zeit, seinem grunderneuerten, schon Wochen vor der Saison feststehenden Kader eine Spielidee, einen Stil, seine Idee vom Fußball einzuverleiben, die eben mehr sein sollte als das pure kompakte Verteidigen und das Auskontern, das Korkut in der Rückrunde so erfolgreich praktizieren ließ. Sich hintenreinstellen und zuweilen mit Glück gewinnen, das war in Stuttgart auf Dauer schon immer zu wenig. Allein: Korkut schien keinen Plan b) zu haben.

Keine Spielidee, kein Offensivplan

Dass er in Hannover sein altes Catenaccio versuchte und in Mario Gomez und Daniel Didavi nur zwei Offensivspieler nominierte, dafür eine Fünfer-Abwehrkette um den begnadigten Holger Badstuber, dass er zudem in Christian Gentner und Gonzalo Castro erneut zwei Zentralspieler auf außen stellte, deren Stärke eher nicht die Schnelligkeit ist, all das war wohl das I-Tüpfelchen für die Vorgesetzten – und ging so schief, wie eine Taktik nur schief gehen kann. Harakiri. Stuttgart wurde vom Schlusslicht 45 Minuten lang hergespielt und lag zur Pause 0:2 hinten. Der Wechsel zur 4-4-2-Taktik und das Anschlusstor durch Mario Gomez – der Turbanträger, der sich im Luftkampf mit Felipe eine blutende Platzwunde zugezogen hatte, war einer der wenigen, der sich wehrte –, kamen zu spät. Für die Mannschaft, aber auch für Korkut, der am Ende – und das war die Pointe auch für einen Club, der sich im Sommer mit acht Neuen und 35 Millionen Euro verstärkt hatte – Hans Nunoo Sarpei einwechselte. Der 20-jährige Neffe des Ex-Schalkers Hans Sarpei, der inzwischen zum Fußball-Kultkomiker aufgestiegen ist, war ja im Sommer schon so gut wie weg gewesen, nur hatte sich kein passender Verein gefunden.

Korkut gab sich danach selbstkritisch: „Die Idee, die wir uns vorgenommen haben, hat nicht funktioniert. Und das ist letztendlich meine Verantwortung als Trainer“, sagte er. Dass seine Mannschaft nicht nur in der Tabelle, sondern auch in den Kategorien Laufleistung, Sprints und erspielte Chancen Letzte der Liga ist, spricht Bände.

Dietrich mag keine Stagnation

Korkuts Hasenfuß-Taktik – lieber mit fliegenden Fahnen unterzugehen, schien er nicht zu erwägen – verstand am Ende keiner mehr, nicht mal der Gegner: „Die Fünferkette hat uns überrascht – und uns in die Karten gespielt. Wir konnten in Ruhe aufbauen und haben den Gegner von Beginn an unter Druck gesetzt“, gab Hannovers Manager Horst Heldt zu. Der kennt sich mit Trainerwechseln beim VfB ja ebenfalls bestens aus und gab prompt einen Kommentar dazu ab: „Wenn man von einem Wechsel überzeugt ist, kommt die Länderspielpause jetzt zum richtigen Zeitpunkt.“

Das dürfte sich – trotz der folgenden schweren Duelle gegen Dortmund und in Hoffenheim – auch VfB-Präsident Wolfgang Dietrich gedacht haben, der sich Stagnation (siehe Korkut-Vorgänger Hannes Wolf) offenbar weder lange anschauen kann noch will. „Wir waren alle zuversichtlich, dass wir mit Korkut den nächsten Schritt machen“, sagte der 70-Jährige. Ziel sei ein Platz im „gesicherten Mittelfeld“ gewesen.

Immerhin vergaß der VfB nicht, seinem Retter, der nicht mehr zu retten war, zu danken. In 22 Spielen insgesamt hatte Korkut immerhin zehn Siege und sechs Remis gesammelt. Reschke sagte, Korkut habe die Mannschaft „in einer sehr schwierigen Situation“ stabilisiert und „mit einem außergewöhnlichen Lauf“ den Klassenverbleib früh gesichert. So einen Mann könnte der VfB auch jetzt brauchen.

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