Vfb ringt Leipzig 0:0 ab

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Der Ex-Stuttgarter Timo Werner (re.), hier gegen Benjamin Pavard, musste bei seiner Rückkehr nach Stuttgart viele Pfiffe hinnehm
Der Ex-Stuttgarter Timo Werner (re.), hier gegen Benjamin Pavard, musste bei seiner Rückkehr nach Stuttgart viele Pfiffe hinnehmen. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung

Auch wenn Fußball prinzipiell zu einem großen Business verkommt, muss man Retortenclubs wie RB Leipzig nicht lieb haben. Die VfB-Hardcorefans jedenfalls scheinen etwas gegen Konzerne zu haben, zumindest, so lange sie nicht Daimler heißen: „Eine stabile Kurve braucht einen letzten Rest Identifikation: 50+1 muss bleiben“, schrieben sie am Sonntag vor dem Duell gegen RB aufs Plakat. Soll bedeuten: Die Regel der DFL, die Komplettübernahmen der Fußballgesellschaften durch Investoren verhindern soll, darf bitteschön bleiben.

Dass man auf dem Platz tatsächlich auch mit (etwas) weniger Geld mithalten kann, wenn man einen cleveren Trainer und eine motivierte Mannschaft hat und mit der richtigen Taktik und Kampfkraft dagegenhält, das bewies Stuttgart beim leistungsgerechten 0:0 gegen den Vizemeister. Das vierte Spiel ohne Gegentor unter Tayfun Korkut, der insgesamt in sechs Partien 14 Punkte holte, war ein weiterer Schritt Richtung Klassenerhalt und lässt den Weg nach oben offen für den VfB.

Leipzigs Spiel wirkte zunächst durchdachter

Es war ein nickliges, von Fouls, Ruppigkeiten und Rudelbildungen geprägtes Kampfspiel, was daran lag, dass die jeweils zehn Feldspieler ihren Widerparten ungefähr eine halbe Grashalmlänge Platz ließen. Körperkontakt war angesichts des von beiden Mannschaften mit großer Leidenschaft betriebenen Pressings und Gegenpressings fast zwangläufig, Chancen gab es zunächst kaum. Die beste für Stuttgart hatten Aogo, Ginczek und Gentner, die bei einem munteren Scheibenschießen nach 27 Minuten allesamt den Ball nicht richtig trafen. Aogo ersetzte Holger Badstuber im defensiven Mittelfeld, der diesmal wieder Abwehrchef war – Timo Baumgartl war wegen Kompfschmerzen ausgefallen. Das Spiel der gegenüber dem 2:1 gegen St. Petersburg in der Europa League auf fünf Positionen veränderten Leipziger wirkte vor allem aufgrund des überragenden Naby Keita durchdachter. Kurz vor der Pause steckte der Bald-Liverpooler auf Nationalstürmer Timo Werner durch, der scheiterte jedoch an Ron-Robert Zieler. Der Ex-Stuttgarter Werner übrigens war mehrmals an besagten Rudeln beteiligt – und erntete dafür gellende Pfiffe aus der VfB-Kurve.

Nach der Pause drückte RB vor 53 548 Zuschauern mächtig – der erneute Champions-League-Einzug steht ja auf der Kippe –, schob fast alle Spieler nach vorne und verteidigte hinten zuweilen Mann gegen Mann. Keita hatte die nächste Großchance, verzog aber aus zwölf Metern knapp (47.). Auch Yussuf Poulsen kam frei zum Schuss (59.), schob aber in die Hände Zielers. Der VfB antwortete erneut mit einer Dreierchance, diesmal wurden die Schüsse von Ginczek, Gomez und Gentner geblockt (63.) - im Gegenzug wäre Benjamin Parvard fast ein Eigentor unterlaufen.

Nach 77 Minuten musste Werner schließlich unter Schmährufen der Cannstatter Kurve raus. Für ihn kam Jean-Kevin Augustin, und auch der bis dahin fast unsichtbare VfB-Torjäger Mario Gomez hatte plötzlich einen großen Auftritt: Sein Hechtkopfball nach Traumflanke von Insúa ging allerdings ebenso knapp vorbei wie Ginczeks Kopfball kurz darauf. Korkut stellte auf ein 5-4-1 um, brachte Kaminski für Ascacibar - mit Erfolg. Der VfB hielt die Null, hat unter Korkut nun in sechs ungeschlagenen Partien 14 von 18 möglichen Punkten geholt und ist stolz darauf: „Riesenkompliment an die Mannschaft für die Art und Weise unseres Auftritts“, sagte der Coach, der vor Wochen so unfreundlich begrüßt worden war in Stuttgart wie wohl keiner seiner Vorgänger. Und weiter: „Als Fan sieht man das oft anders, aber die Partie hatte taktisch vor allem defensiv höchstes Niveau, und wir haben es wieder geschafft, unseren Plan durchzuziehen.“ Richtung Platz sieben – und damit nach Europa – will der Trainer vor dem Derby am Freitag in Freiburg (20.30/Eurosport Player) dennoch nicht blicken: „Wenn ich auf die Tabelle schaue, dann sehe ich nur, dass wir Punkte brauchen für den Klassenerhalt.“

Der reicht den Leipzigern nicht, vier Zähler fehlen ihnen nach Dortmunds Sieg bereits auf Rang vier und die Champions League. Trainer Ralf Hasenhüttl sagte: „Lasst uns die Saison zu Ende spielen und schauen, was wir bekommen. Hätte man mir vor der Saison gesagt, dass wir nach 26 Spielen so dastehen, hätte ich das sofort unterschrieben.“ Timo Werner meinte: „Wir müssen schauen, dass wir unsere Heimspiele gewinnen, vielleicht war der Punkt noch Gold wert.“ Auch in einem Bloß-Europa-League-Team dürfte der weltweit begehrte 22-Jährige (Vertrag endet 2020) noch bis 2019 in Leipzig bleiben. „Im nächsten Jahr auf jeden Fall“, sagte Werner. Will der Retortenclub ihn noch länger halten, müsste er die Gelddose wohl weit öffnen. Denn Werner will mittelfristig, das hat er bereits unter der Woche erzählt, zu einem Club, der Titel gewinnen kann.

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