Ungewohnte Gefühle beim VfB

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Keine Angst, der will nicht knutschen, sondern jubeln: Serey Dié (links) feiert sein Traumtor zum 1:0, Maskottchen Fritzle mach
(Foto: dpa)

Es ist gerade mal fünf Wochen her, da machte Günther Schäfer, dank seines heroischen Fallrückziehers auf der Torlinie der Meisterretter von 1992 und seither eine VfB-Legende, eine Art Witzle. Der VfB werde am Saisonende zwischen Platz acht und zwölf landen, prophezeite der 53-Jährige, inzwischen der Teambetreuer der Stuttgarter. Weil der Abstieg etwas wahrscheinlicher zu sein schien, lächelten viele der 1500 Gäste.

Am Samstag, nach dem hochverdienten 2:0 über Hertha BSC Berlin, dürfte Schäfer gelächelt haben. Es war der fünfte Sieg in Serie für Stuttgart und seinen Trainer Jürgen Kramny – zuletzt glückte das 2009/10 unter Christian Gross –, und es war ein ultimativer Befreiungsschlag. Sieben Punkte hat der VfB nun zwischen sich und Werder auf Rang 16 gebracht, genügend Stoff, um auch mal ein Bild von sich und einer Bierflasche zu posten, wie es Kevin Großkreutz und Lukas Rupp danach taten, natürlich halbnackt, aus der Kabine. Es ist offenbar Zeit am Wasen, mal durchzuatmen. „Das Gefühl, dass wir jetzt nicht mehr jedes Mal auf Biegen und Brechen gewinnen müssen, macht es leichter“, sagte Kapitän Christian Gentner.

Im Mittelpunkt stand danach einer, der sonst zumeist nur wegen seiner futuristischen Frisur im Fokus steht: Geoffroy Serey Dié. Der Nationalspieler von der Elfenbeinküste, überzeugter Irokesenglatzenträger und eigentlich ein beherzter Abräumer, hatte tatsächlich mit einem Treffer den Sieg eingeläutet, und mit was für einem: Sein Volley-Außenristschuss, der perfekt ins rechte Eck sauste (51.), hat nicht nur das Zeug zum Tor des Monats, es war auch sein erstes in der Liga und krönte seine famose Leistung. Die Kollegen waren begeistert: „Sein Job ist ja normalerweise ein anderer. Heute hat er es hinten und vorne gerichtet“, staunte Stürmer Timo Werner, auch Gentner war baff: „Er ist mit seiner Leidenschaft, guten Laune und seiner Euphorie unheimlich wichtig für die Mannschaft. Aber dass Dié jetzt auch noch ein Tor schießt, damit konnte keiner rechnen. Wie wir das feiern? Keine Ahnung. Das müssen wir alle erst einmal verdauen.“ Genauso wie die eigene wundersame Auferstehung im Jahr nach Zorniger (mit dem der VfB die ersten fünf Partien verloren hatte).

Gegen den Ligadritten Berlin zeigte sich erneut, welch Selbstvertrauen Kramny seinem Team mit seiner sicherheitsorientierten Taktik eingeimpft hat. Trotz des Ausfalls von Spielmacher Daniel Didavi, den Alexandru Maxim solide vertrat, hatte der VfB die Gäste im Griff. Filip Kostic (2.) und Werner (25.) vergaben erste gute Chancen, Werner insofern, dass er zwar von John Brooks gefoult wurde, sich aber aufrappelte und weiterspielte. „Man kann über so ein Bein auch stolpern“, fand Kramny danach, aber das waren Luxussorgen, denn je länger das Spiel lief, umso mehr gewann Stuttgart die Kontrolle. Kostics 2:0 (84.) war mehr als verdient.

Kramny blieb danach gelassen. „Organisation, mannschaftliche Geschlossenheit, Glaube an seine Fähigkeiten, Fitness“, seien die Erfolgsfaktoren, auch die Stärke, Rückschläge wie das Pokal-Aus gegen Dortmund wegzustecken. Mit Dié beispielsweise, fügte Sportchef Robin Dutt an, habe „das Trainerteam sehr viel an der Positionsdisziplin gearbeitet“. Das Ergebnis: „Die Defensive ist dicht.“

Tyton rettet gegen Ibisevic

Wenn nicht, hilft dem VfB neuerdings auch mal das Glück, etwa bei Brooks’ Knaller an den Außenpfosten, oder Torwart Przemyslaw Tyton, der einen Schuss von Ex-VfB-Torjäger Vedad Ibisevic mit einer so imposanten Fußparade entschärfte, dass auch Handball-Nationaltorhüter Andreas Wolff erstaunt gewesen sein dürfte. Das Beste für die Berliner war noch das Comeback von Julian Schieber, ebenfalls Ex-VfB-Stürmer, der ein Jahr nach seinem Knorpelschaden im Knie noch ein paar Minuten spielen durfte. „Wir waren 70 Minuten lang gleichwertig, aber am Ende war der VfB bissiger und schneller“, resümierte Hertha-Trainer Pal Dardai. „Uns hat man das Pokalspiel in Heidenheim angemerkt. Wir waren mental müde und müssen lernen, mit der Doppelbelastung klarzukommen.“ Ibisevic sagte lakonisch: „Stuttgart ist keine schlechte Mannschaft, gegen die kann man auch verlieren.“

Wie lange Kramnys Serie noch anhält, ist nun die Frage. Wo soll das bloß enden? „Das muss ja nicht enden, das kann auch weitergehen“, sagte der 44-Jährige vor den nächsten Aufgaben auf Schalke, gegen Hannover und in Gladbach, erinnerte aber daran, wo man herkomme. „Wir haben uns befreit, aber ein neues Saisonziel geben wir noch nicht aus.“ Noch sind die Europacup-Plätze sechs Punkte entfernt, nächstes Ziel der Stuttgarter dürfte sein, nach 825 Tagen in der unteren endlich einmal wieder in die obere Tabellenhälfte zu rücken. Am wichtigsten für den Klub allerdings ist die Planungssicherheit, die eine ruhige Restsaison verschafft. Neuzugänge unterschreiben eher, wenn sie wissen, in welcher Liga sie spielen, Spieler wie Didavi, Kostic und Martin Harnik, die mit ihrem Weggang kokettieren, könnten dank der neuen Euphorie womöglich noch einmal umgestimmt werden. Jeder Erfolg sei bei den Vertragsverhandlungen hilfreich, sagten Kramny und Dutt unisono.

Stuttgarts Siegesrekord stammt übrigens von 2007, als die Truppe von Armin Veh die letzten acht Spiele gewann. So lange, bis sie plötzlich Meister war. Man muss nicht Günther Schäfer heißen um zu ahnen: Das dürfte diesmal schwierig werden.

Seit sieben Partien (zunächst zwei Remis, dann fünf Siege) ist der VfB unter Jürgen Kramny in der Bundesliga ungeschlagen. Der Rekord stammt von 2003/04, als der Klub unter Felix Magath in den ersten 15 Partien nicht zu schlagen war.

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