Tobias Haupt: Lage im deutschen Fußball „nicht dramatisch“

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Akademie-Chef
Tobias Haupt ist der Leiter der DFB-Akademie. (Foto: Andreas Arnold / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Der deutsche Fußball hat laut DFB-Akademie-Chef Tobias Haupt „an der einen oder anderen Stelle den Anschluss verloren“.

Grundsätzlich sei die Lage aber längst nicht „dramatisch, weil wir sehr viele Dinge bereits umsetzen“, sagte der 35-Jährige im Interview mit dem Fachmagazin „kicker“. „Wir sind nicht weit weg von der Weltspitze.“

In den Bereichen Trainerausbildung, Spielerentwicklung, Persönlichkeiten, Mentalität und Leistungsoptimierung herrsche Nachholbedarf. „Da haben uns andere ein wenig überholt“, sagte Haupt. „Auch wenn es in jedem Bereich nur drei Prozent sind, kann das in der absoluten Weltspitze entscheidend sein für Sieg oder Niederlage. Im Jahr 2000 hatten wir wirklich eine Krisensituation, da war eine große Reform nötig. Jetzt ist es eher eine Evolution.“

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) baut in Frankfurt/Main den neuen, gut 150 Millionen Euro teuren Gebäudekomplex. Die Fertigstellung ist für 2021 geplant. Auf dem Areal der ehemaligen Galopprennbahn sollen Administration und Sport unter einem Dach vereint werden. „Schon heute hilft sie, die Protagonisten besser zu machen und gemeinsam den Fußball zu entwickeln“, schreibt der DFB selbst über die Akademie, die seit Oktober 2018 von Haupt geleitet wird.

Haupt hat im Nachwuchsbereich eine gewisse Reizüberflutung ausgemacht. „Ich bin weit davon entfernt, zu pauschalisieren. Aber es fällt auf, dass vielen Jungs der ursprüngliche Spaß am Spiel fehlt, sie zeigen im Training und im Spiel kaum noch Emotionen“, sagte Haupt, der am 5. Februar 36 Jahre alt wird, in einem Interview dem „Kicker“. „Der Tagesablauf dieser Jungs ist von frühmorgens bis spätabends komplett durchgetaktet. Zudem wird ihnen von Anfang an alles abgenommen“, sagte der Akademie-Chef.

Dass diese Nachwuchsspieler keine Individualität mehr entwickeln würden, sei klar, meinte Haupt. Er sprach auch von wissenschaftlichen Studien, die zeigen würden, dass die Wahrscheinlichkeit auf eine Profikarriere dann signifikant sinke, wenn Jugendliche zu früh aus ihrem sozialen Umfeld gerissen würden.

„Das ist erwiesen, und das wissen eigentlich auch alle“, sagte Haupt und nannte den FC Arsenal, der bereits in der U8 Talente sichten würde. „Ich fragte Per Mertesacker: Warum schon so früh? Er sagte, dass ihnen im hart umkämpften Wettbewerb um die Talente von morgen in England und speziell in London gar nichts anderes übrig bleibt - immer verbunden mit der Hoffnung, dass ja mal ein zukünftiger Weltstar dabei sein könnte. Das ist die Krux in unserem System.“

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