Timo Werner vom VfB-Stuttgart: 17 Jahr, blondes Haar

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„Er wird auf seinem Weg nicht aufzuhalten sein“: Christian Gentner (links) ist des Lobes voll über seinen 17-jährigen Mitspieler (Foto: dpa)
Jürgen Schattmann

Wer Timo Werner nach dem 3:1-Sieg in Derby in Freiburg begutachtete, sah einen jungen Mann mit erstaunlich makellosen Manieren. Endlos gab der Gymnasiast aus „außergewöhnlichem Elternhaus“ (Ex-VfB-Jugendleiter Frieder Schrof) vor dem Bus Autogramme, lächelnd ließ er sich von den Fans Schulter an Schulter ablichten, für einen Rollstuhlfahrer bückte er sich selbstverständlich nach unten, auf Augen- und iPhone-Höhe. Alles natürlich, nachdem er zusammen mit dem Zeugwart auch die letzte der Truhen mit den Schuhen, Trikots und Trinkflaschen im Fahrzeug verstaut hatte. „Meine Eltern haben mich auf dem Boden gehalten. Sie haben mir einiges mitgegeben, Sachen wie nett und höflich sein und älteren Leuten die Tür aufhalten“, berichtete Timo Werner kürzlich. Da wächst – 17 Jahr, blondes Haar – offenbar ein Musterprofi heran, ein Traum für potenzielle Schwiegermütter, definitiv aber für den VfB Stuttgart.

Welpenschutz für den Schüler

Weniger zuvorkommend nämlich war Timo Werner auf dem Rasen gewesen, im Gegenteil, zweimal war der Linksaußen den Freiburgern auf eine so unwiderstehliche Art entwischt, dass man glaubte, Marco Reus oder Lionel Messi vor sich zu haben – oder einen Hybrid aus Daniel Düsentrieb und Speedy Gonzalez, der schnellsten Maus von Mexiko. Und zweimal blieb Werner nach seinen gewaltigen Solos im Angesicht des gegnerischen Torhüters so relaxed, wie es vermutlich nur ein Torjäger sein kann: Beim 2:0 spitzelte er den Ball mit der Pike an Oliver Baumann vorbei, vor dem 3:1 war sich Werner seiner Sache so sicher, dass er den freistehenden Vedad Ibisevic gar nicht erst anspielte. „Hätte er den nicht gemacht, hätte Vedad Ärger gemacht“, sagte Trainer Thomas Schneider. So allerdings verhängte der VfB lediglich einen Maulkorb gegen den jüngsten Doppeltorschützen der Bundesliga-Geschichte – aus Gründen der Nächstenliebe allerdings. Man will ihn schützen, diesen unbekümmerten 17-Jährigen, der noch zur Schule geht und 2014 sein Abitur bauen will. Man will ihn vor all den Lobeshymnen bewahren, die auch den besten Charakter verändern können. Und man ist gewarnt vom Schicksal des Aaleners Manuel Fischer, der mit 18 ebenfalls als kommender Weltstar am Wasen gefeiert wurde und sich inzwischen nach Abstechern bei Heidenheim II und Unterhaching II in Großaspach verdingt.

Auch Timo Werner, dessen Vater Günther Schuh einst Rechtsaußen bei den Stuttgarter Kickers war, muss damit leben lernen, nicht nur als Hoffnung, sondern als Versprechen zu gelten. Ralf Rangnick preist ihn als größtes Talent aller Zeiten beim VfB, Kapitän Christian Gentner glaubt: „Timo wird auf seinem Weg nicht aufzuhalten sein.“ Das gilt wohl im doppelten Sinne. Nicht nur in Freiburg, auch bei den jüngsten internen Sprinttests sei Werner allen davongelaufen, „mit großem Vorsprung“, erzählte Rechtsverteidiger Daniel Schwaab nach dem Derby gut gelaunt. 11,1 Sekunden schnell soll der Jüngling über 100 Meter sein. Schneider lobte nicht nur Werners „Speed, seine Stärke im Eins-gegen-eins, seinen Zug zum Tor und seine Abgezocktheit“, sondern auch, wie zuverlässig Werner defensiv die linke Seite beackere. „Ausgebildet“, erinnerte Schneider, „wurde er ja im Zentrum“, als Mittelstürmer.

Dort hat es Timo Werner, der seit der F-Jugend für den VfB spielt und in Cannstatt geboren wurde, zu imposanten Statistiken gebracht, die fast zwangsläufig an Mario Gomez erinnern, den großen Vorgänger im VfB- Trikot. 43 Tore schoss Werner im Vorjahr in 41 Pflichtspielen für die A- und B-Junioren, dass er die Fritz-Walter-Medaille in Gold gewann als bester Stürmer seines Jahrgangs, war Formsache. Fast immer hat Werner in der Jugend einen Jahrgang übersprungen, inzwischen sind es sogar zwei. Noch könnte er A-Jugend spielen, junger Jahrgang, doch der U19-Nationalstürmer ist inzwischen schlicht zu stark für die Gleichaltrigen: In 521 Bundesliga-Minuten hat er bereits fünf Scorerpunkte gesammelt. Dass ihm ausgerechnet Bruno Labbadia, der Jugendförderung nicht verdächtig, zum Ehrentitel „jüngster VfB-Spieler aller Zeiten“ verhalf, ist vielleicht das größte Kompliment, das Werner bisher erhalten hat – neben dem Lob von Bundestrainer Joachim Löw, der die Derbytore „überragend“ fand.

Bleibt die Frage, wie lange dieses Talent in Stuttgart spielen wird. Bis 2015 läuft Werners Vertrag, ob er verlängert werden kann, bis wann und zu welchen Konditionen (Ausstiegsklausel), ist die Frage. Längst buhlen die besten Klubs der Welt um Werner. „Der Junge macht einfach Spaß. Aber wir müssen ihm weiter Zeit geben, um zu wachsen“, sagt Manager Fredi Bobic, die Frage ist nur, ob Werner dem VfB nicht in Lichtgeschwindigkeit über den Kopf wächst. Ob es ein Vorteil sei, dass er einen Trainer habe, der einst ein Angebot des FC Bayern ablehnte, fragte der Reporter Thomas Schneider. Der 40-Jährige lachte nur. „Ich weiß was Besseres: Wir geben einfach Timos Nummer nicht raus.“

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