Tennis-Ass Naomi Osaka: Lange schon kein Niemand mehr

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 Die Weltranglisten-Erste beim Training in Stuttgart: Naomi Osaka.
Die Weltranglisten-Erste beim Training in Stuttgart: Naomi Osaka. (Foto: imago images)
Klaus-Eckhard Jost

Heute bestreitet Naomi Osaka ihr erstes Spiel beim Porsche-Tennis-Grand-Prix. Gegnerin der Weltranglisten-Ersten ist in der 2. Runde Su-Wei Hsieh (Taiwan). Ihre starke rechte Vorhand musste die 21-Jährige schon im Vorfeld auspacken. Die Turnier-Organisatoren bauten auf die Macht der Bilder, ließen die Japanerin Spätzle schaben. Emotional unbewegt nahm Naomi Osaka Schaber und Brett samt Spätzleteig in die Hand, versuchte sich am schwäbischen Nationalgericht.

Auch sonst zeigt sich Osaka eher gleichgültig. Ihr Aktionsradius beschränkt sich auf Hotel und Halle. Da hält sie sich, wenn sie nicht gerade auf dem Platz zum Training steht, überwiegend in der Lounge für die Spielerinnen auf. Mehrmals haben die Organisatoren um Turnierdirektor Markus Günthardt schon nachgefragt, ob sie ihr etwas organisieren sollten, was ihr Spaß macht. Schließlich haben die Stuttgarter einen Ruf zu verteidigen, denn in den vergangenen zwölf Jahren wählten die Spielerinnen das Turnier neunmal zum beliebtesten. Doch alle Avancen lehnte die Tennisspielerin stets ab.

Noch ist die Situation auch völlig ungewohnt, in der sich die Tochter einer Japanerin und eines Haitianers seit dem 28. Januar dieses Jahres befindet. Denn durch den Sieg bei den Australian Open in Melbourne setzte sie sich als erste Asiatin (die im September auch schon bei den US-Open triumphiert hatte) an die Spitze der Weltrangliste. „Ich, eine Berühmtheit?“, sagte sie kichernd in der Medienrunde. Nein, das sei sie nicht.

Das dritte Mal dabei

Dabei ist die Tennisspielerin durchaus auffallend. Allein schon durch ihre Größe von 1,80 Meter. Die asiatischen Gesichtszüge sind nicht bleich, sondern dunkel. Und ihren Kopf ziert eine gewaltige Lockenpracht. Interessant sind auch die Gespräche, wenn die in Florida lebende Spielerin bei den großen Turnieren mit japanischen Journalisten spricht. Denn Osaka kann japanisch nicht sprechen, versteht aber sehr viel. Deshalb stellen die Medienvertreter ihre Fragen in ihrer Heimatsprache, und sie antwortet in Englisch.

Zweimal war Naomi Osaka schon in Stuttgart. Beide Male ist sie früh gescheitert. 2016 in der ersten Runde der Qualifikation, im Jahr darauf war dann in der ersten Hauptfeld-Runde Schluss. Doch das ist lange er. „Das letzte Mal, als ich hier war, war ich ein Niemand“, sagt sie. Doch auch als Weltranglisten-Erste legt sie auf eine Sonderbehandlung keinen großen Wert.

Zumindest hat sich die junge Spielerin seit ihrem letzten Stuttgart-Auftritt als Persönlichkeit weiterentwickelt. Denn während sie früher nur mit „Ja“ oder „Nein“ geantwortet hat, formuliert sie mittlerweile ganze Sätze. Und diese sind meist wohl überlegt, keine Phrasen. Ab und zu kommt ein feinsinniger Humor zum Vorschein. Als Osaka bei den Australian Open gefragt wurde, ob ihr Nachname darauf zurückzuführen sei, dass sie in Osaka geboren sei, sagte sie voller Ernst: „In Japan heißen alle nach den Städten, in denen sie geboren wurden.“

An einer Stelle kam sie jedoch am Dienstag in Stuttgart ins Straucheln. Bei der Frage, warum sie sich zwei Wochen nach dem Triumph bei den Australian Open von ihrem Münchner Trainer Sascha Bajin getrennt habe, nachdem dessen Vertrag erst wenige Wochen davor verlängert worden war, hatte Osaka schon angesetzt ein paar Details über die Trennung preiszugeben. Doch dann besann sie sich. „Es gab unüberbrückbare Differenzen“, sagte sie schmallippig.

Dabei hatte der Coach klare Vorstellungen, wie er das unbestrittene Talent durch gezieltes Training stabiler machen kann. „Die Beinarbeit muss besser werden“, so sein Credo. Dann wäre sicher das eingetreten, was Experten der Rechtshänderin zutrauen: Dass sie auf Jahre das Frauentennis dominieren kann. Doch seit dem Wechsel zu Jermaine Jenkins, der früher auch schon Verena Williams betreut hat, kam die 21-Jährige in vier Turnieren nicht mehr übers Achtelfinale hinaus. Und sollte sie heute ihre erste Begegnung verlieren und die Tschechin Petra Kvitova in Stuttgart das Turnier und den Sportwagen gewinnen, dann würde sie den Platz an der Spitze verlieren.

Keine Sand-Expertin

Die Partie gegen Hsieh wird nicht zum Spaziergang werden. Zum einen befindet sich die Frau aus Taipeh in einer hervorragenden Form, auf der anderen Seite zählt Naomi Osaka Sand nicht zu ihren Lieblingsbelägen. „Ich bin“, sagt die Japanerin, „nicht gerade eine Sand-Expertin.“

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