Strategie für den Wiederaufbau der DFB-Elf: Wieder mehr Fußballspielen

Lesedauer: 6 Min
In Watutinki werden die letzten Hinterlassenschaften der Nationalmannschaft abgebaut, selten dämliche Slogans inklusive. Als unh
In Watutinki werden die letzten Hinterlassenschaften der Nationalmannschaft abgebaut, selten dämliche Slogans inklusive. Als unheilvolles WM-Quartier wird es aber ewig in Erinnerung bleiben. (Foto: dpa)
Ressortleiter Sport
unseren Agenturen

Wahrscheinlich war es Zufall. Doch wer unbedingt einen Zusammenhang sehen will, könnte durchaus meinen, dass die Verantwortlichen des FC Bayern München womöglich die Zeichen der Zeit erkannt haben. Und das schon zwei Tage nach dem Schiffbruch der Nationalmannschaft in Russland.

Am Freitag gab der deutsche Rekordmeister bekannt, diesen Sommer mal wieder ein richtiges Trainingslager zu absolvieren. Training schadet ja nie, in Krisentagen sowieso nicht. Das Trainingslager des deutschen Branchenführers wird zudem noch in der Heimat stattfinden: Vom 2. bis 9. August will der neue Trainer Niko Kovac seine Mannschaft ganz volksnah am Tegernsee in Rottach-Egern auf die erste gemeinsame Saison vorbereiten. Die Bayern konzentrieren sich wieder mehr aufs Kerngeschäft, wagen diesen Sommer mehr Fußball – und werden dem DFB zum Vorbild?

In den letzten Jahren hatten die Münchner im Sommer auf ein ordentliches Trainingslager verzichtet, waren lieber zu eher stressigen PR-Terminen nach Übersee geflogen. Oft mit Rumpfteams, die DFB-Stars hatten nach den Turnieren immer Sonderurlaub. Nach Übersee geht es heuer schon auch – vom 23. - 30. Juli ist der FCB in den USA – vor dem Trainingslager, mit fast allen Stars.

Macher, Visionär, Vermarkter

Womit wir beim DFB wären. Bei der Aufarbeitung des russischen WM-Desasters mit dem historischen Ausscheiden des Weltmeisters in der Vorrunde, fallen drei Begriffe besonders oft: Überheblichkeit im Auftreten und im Spiel, Entfremdung von der Basis – und Watutinki, das unheilvolle WM-Quartier im Birkenwald, das mindestens beitrug zum negativen Geist der Mannschaft.

An all dem (mit)-beteiligt: Oliver Bierhoff, der Nationalmannschaftsmanager.

Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw – der vor einem ziemlich grüblerischen Wochenende stehen dürfte, will er doch über seine Zukunfgt entscheiden – kamen nach dem einschneidenden EM-Vorrundenaus 2004 gemeinsam mit Oberreformer Jürgen Klinsmann zum DFB. Gemeinsam krempelten sie die Nationalmannschaft – und im Grunde auch den kompletten deutschen Fußball – um. Sie haben gemeinsam Rückschläge erlebt, bestanden – und 2014 mit dem Triumph von Rio den größten anzunehmenden Erfolg gefeiert.

Aber das Verhältnis hat sich in der Außenansicht verändert. Löw, der Entrückte. Bierhoff, der Mahner und Visionär, der schon Anfang März sagte, man brauche „den nächsten Masterplan“. Bierhoff, der Erbauer des sagenumwobenen Campo Bahia in Brasilien, erkannte die Probleme des DFB-Teams, auch die spielerischen, und sprach sie an. Den Trend umzukehren, war nicht seine Aufgabe.

Das ist neben der Organisation vor allem: das Vermarkten der Nationalmannschaft. Bierhoff ist in der öffentlichen Wahrnehmung eben auch, obgleich er ihn nicht erfunden hat, der mit dem „Fanclub Nationalmannschaft powered by Coca Cola“, der vor allem eine Ticketbörse ist.

Begriff „Bierhoffisierung“ unfair

Bierhoff ist der, der zumindest nichts unternommen hat gegen selten dämliche und gleichzeitig völlig überhebliche Werbeslogans wie „Best neVer rest“. Oder den Hashtag #zsmmn, dem neben den Vokalen auch der Inhalt fehlte und nun auch für den #kmplttn #zsmmnbrch des russischen Abenteuers des DFB-Teams steht.

Bierhoff steht auch, obgleich mindestens zu gleichen Teilen auf Löws Mist gewachsen und dem Trend im Weltfußball folgend, für die Abschottung der DFB-Elf, für die meterhohen Zäune, die Trainingsplätze von Fans und Journalisten trennen. Beim Umgang mit der Affäre um die Erdoganfotos versagte sicher das gesamte Krisenmanagement des DFB. Bierhoff aber war derjenige, der sie mit einem „Basta“ beenden wollte, als sie richtig am Überkochen war.

Der jetzt wieder oft bemühte Slogan der „Bierhoffisierung der Nationalmannschaft“ war schon früher übertrieben und unfair. Aber hinterfragen muss sich nach dieser WM nicht nur Joachim Löw, sondern auch der Teammanager, der die Nationalmannschaft zu einer Marke stilisiert hat, aber zugleich die Entfremdung zur Basis verantwortet.

Bierhoffs Leitmotiv lautet: „Stillstand und das Gleiche über Jahre hinweg zu machen, ist nicht mein Ding.“ Das wird ihm, bis 2024 an den DFB gebunden und fest im Sattel, nun helfen. DFB-Präsident Reinhard Grindel hat Bierhoff mit der Analyse des Debakels betraut. Er hat eine „knallharte“ Aufarbeitung angekündigt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen