Stephan: „Ich bin ein Gesamtkunstwerk“

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Deutsche Presse-Agentur

Der Oberhofer Christoph Stephan hat bei der Biathlon-WM mit seinem zweiten Platz für eine Überraschung gesorgt und den deutschen Skijägern endlich die erste Medaille beschert. Nach seinem WM-Erfolg spricht Stephan über den Wert der Medaille und Zukunftspläne.

Welchen Wert hat für Sie die erste WM-Medaille?

„Die Medaille widme ich meinem verstorbenen Papa. Der war vor zwei Jahren bei der Junioren-WM noch dabei.“

Haben Sie wieder viele E-Mails von Verehrerinnen erhalten. Bei ihrem ersten Weltcup-Sieg in Antholz sagten Sie ja, das sei der Grund, warum Sie sich so plagen.

„Nein, bis jetzt noch nicht. Eine Freundin ist noch nicht dabei herausgesprungen und Angebote gibt es eigentlich auch noch nicht. Ich hätte Gold machen müssen, dann wäre das vielleicht ein bisschen besser gewesen.“

Es scheint, als ob es Ihnen etwas unangenehm sei, so im Mittelpunkt zu stehen.

„Ich mag es allgemein nicht so im Mittelpunkt zu stehen.“

Warum betreiben Sie dann Leistungssport?

„Weil es mir Spaß macht mich zu quälen. Mir ist es manchmal ein bisschen unangenehm, wenn ich im Mittelpunkt stehe. Ich finde dass dann ein bisschen kommerziell. Aber man kann damit leben.“

Können Sie erklären, was am Quälen Spaß macht?

„Man trainiert das ganze Jahr, dann kommt der Wettkampf und da gibt man sich extrem viel Mühe. Dann fährt man ins Ziel und sieht, dass sein Name ganz oben oder weit vorne steht und freut sich drüber.“

Wie war der Lauf?

„In der letzten Runde hat mir der Mark Kirchner zugerufen: Gib Gas. Da wurde es zur Quälerei. Ich habe dann nur noch die gelben Jacken der Betreuer gesehen. Viele kamen gar nicht mehr hinterher. Das war eigentlich ganz lustig. Da wusste ich, es geht wahrscheinlich um was. Ich bin nun mal so, dass ich mir die ersten vier Runden keine Zeit geben lasse. Ich bin einer, der sehr schnell überziehen kann, wenn ich höre, dass ich gut dabei bin. Dann drehe ich manchmal ein bisschen ab und versaue das Rennen. Wenn ich vor dem letzten Schießen höre, Du musst Null schießen, kann ich eigentlich schon Brief und Siegel geben, dass ich vier Fehler schieße.“

Womit erklären Sie sich Ihre gute Leistung mit nur einem Fehler beim Schießen?

„Bei der WM habe ich bisher noch nicht viele Scheiben getroffen. Gestern haben wir noch eine Trainingseinheit gemacht. Da hat Frank Ullrich gesagt, jetzt komm mal her, wir konzentrieren uns jetzt auf den Wind. Ich habe dadurch wieder ein Gefühl für das Windschießen bekommen und das hat sich ausgezahlt. Der Fehler ist ja nur daraus resultiert, dass eine Böe gekommen ist. Sonst wäre es eine Null gewesen. Das ist schon ärgerlich, wenn ich jetzt so zurückdenke.“

Sie wirken so gefasst, was geht denn in Ihnen vor?

„Ich habe es wahrscheinlich noch nicht so richtig begriffen. Im Ziel hat man mir gesagt, Du hast eine Medaille, Du hast eine Medaille. Ich habe mir nur gedacht, welche denn überhaupt.“

Welche Erwartungen haben Sie an sich selbst?

„Als Sportler versuche ich, ein Perfektionist zu sein. Ich will das immer zu 100 Prozent machen. Sonst brauche ich gar nicht erst anzufangen. Sonst lohnt sich das Aufstehen gar nicht. Wenn man so wie ich in Antholz schon einmal einen Sieg hatte, schon mal Blut geleckt hat und weiß, wie schön es ist zu gewinnen, dann will man dort unbedingt wieder hin. Der Beste zu sein, ist die Genugtuung für das ganze Jahr. Jeder strebt nach der Perfektion.“

Auf Ihrer Internetseite steht, Sie mögen Menschen mit verrückten Ideen. Welche verrückten Ideen haben Sie selbst?

„Ich bin ein Gesamtkunstwerk.“

Was trägt zu dem Gesamtkunstwerk bei?

„Ich, meine Playstation 3 und meine Musik.“

Wer sind Ihre Bezugspersonen im Team?

„Das sind zwei in der Mannschaft. Der Mark Kirchner, mein Heim-Trainer und der Thorsten Thrän, mein Techniker. Die geben mir Tipps und Hinweise. Übrigens bin ich gerade Patenonkel vom Thorsten Thräns Tochter geworden, der kleinen Mia. Das hat mich auch noch mal extrem motiviert. Der Thorsten hat mir zugerufen, denk an die Kleine - da habe ich an sie gedacht und Gas gegeben.“

Im Ziel gab es ja diese sehr emotionale Szene, in der Sie Trainer Frank Ullrich um den Hals gefallen sind. Verbindet Sie mehr als nur eine Trainer-Sportler-Beziehung?

„Ich bin total unerfahren in die Mannschaft gekommen. Damals war ich weit weg von der Weltspitze. Über die Jahre hat er mich geformt. Ich hatte den Sinn des Sportes noch nicht erkannt. Ich hatte damals auch ein paar Pfunde zu viel. Da hat er gesagt: Komm 'Specki', nimm etwas ab. Im Laufe der Zeit ist alles in die richtige Richtung gegangen. Der Uller will immer das Perfekte, ich mag solche Menschen, die das genauso wollen wie ich.“

Sie haben mit Ole-Einar Björndalen, dem wohl größten Perfektionisten im Biathlon auf dem Siegerpodest gestanden. Was war das für ein Gefühl?

„Ich bin überwältigt, dass ich ihn schon einmal in Antholz schlagen konnte. Heute hat es nicht geklappt, aber er war auch eine Klasse für sich. Für so eine Person kann man gar nicht Lob genug finden.“

Beim Siegerfoto hat er Ihnen auch geholfen?

„Das war lustig. Er hat ja schließlich schon genug Erfahrung, wo es hingeht.“

Was nehmen Sie sich für den Rest der WM vor?

„Es geht genauso weiter wie bisher auch. Konzentriert bleiben, einen guten Massenstart machen und eine gute Staffel. Vielleicht kommt ja noch eine Medaille. Ich werde mich sicherlich nicht groß betrinken. Ein Bierchen werde ich trinken, aber gehen lasse ich mich noch nicht, das hat noch Zeit.“

Wenn Ihnen jemand vor der Saison gesagt hätte, dass Sie in Antholz ein Weltcup-Rennen gewinnen und hier Zweiter werden, hätten Sie den für verrückt erklärt?

: „Ja, ich hätte ihm in den Hintern getreten. Das hätte ich nicht gedacht. Ich habe zwar viel trainiert, konnte erstmals das ganze Jahr durchtrainieren. Ich wusste, dass sich das irgendwann auszahlen wird. Aber so früh hätte ich nicht gedacht. Die Weltspitze ist so stark, da tut man sich schwer reinzukommen.“

Aufgezeichnet von Volker Gundrum und Uwe Jentzsch

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