Stabhoch-Ass Lobinger:„Ich bin realistisch.“

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Deutsche Presse-Agentur

Der 36 Jahre alte Routinier Tim Lobinger ordnet in diesem Jahr alles dem Ziel Leichtathletik-Weltmeisterschaft im August in Berlin und dem Traum von einer WM-Medaille unter.

„Alles steht im Schatten von Berlin“, sagte der Stabhochspringer in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur dpa. Trotz aller Konzentration auf die Heim-WM setzt er sich weiter engagiert für die Belange der Athleten ein. „Da wird gesagt, wir holen fünf bis sieben Medaillen. Das findet kein Athlet gut“, kritisierte Lobinger WM-Prognosen aus der Führung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

Steht die Hallensaison schon ganz im Zeichen der Weltmeisterschaft im August in Berlin?

„Ich habe vor, nur eine ganz kurze Hallensaison zu machen, um ganz wenig Training zu verlieren für diesen Sommer. Deshalb probiere ich mal etwas ganz Neues aus und will im Mai nur maximal dreimal starten und keine Auslandsreisen machen. Ich will Kraft sparen und mein Nervenkostüm schonen, um all die Energie zu haben, um mich für die WM zu qualifizieren.“

In der Halle sind Sie Welt- und Europameister geworden. Eine WM-Medaille oder gar einen Titel konnten Sie im Freien nie gewinnen. Soll das nun bei der Heim-WM klappen?

„Ich denke, es wäre unrealistisch zu denken, ich lande bei den Olympischen Spielen in London 2012 den großen Coup. Ich bin realistisch. Natürlich träumt man und hat eine Medaillenhoffnung, doch die ist nicht gewachsen. Und deswegen glaube ich, dass ich eher 5,90 Meter und höher springen kann, als eine Medaille zu gewinnen.“

Woran lag es, dass im Freien der große Coup bisher nicht gelang?

„Ein Freund hat zu mir gesagt, wenn die Meisterschaften im Juni wären, dann hättest du in den vergangen 15 Jahren immer eine Medaille gemacht. Ich bin halt ein Vielspringer, und als Vollprofi musste ich viel springen.“

Sie haben zuletzt die Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und seine Personalpolitik kritisiert. Hat sich etwas verändert?

„Ich trete nicht mehr nach.“

Hat sich denn alles im WM-Jahr zum Besseren gewandelt? Kann nach nur einer Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Peking in Berlin die Wende geschafft werden oder gibt es eine weitere Bauchlandung?

„Ich denke, die WM kann ähnlich erfolgreich werden wie die 2007 in Osaka.“

In der DLV-Führung wurden bereits Medaillen-Prognosen für WM in Berlin gemacht. Was sagen Sie dazu?

„Da wird gesagt, wir holen fünf bis sieben Medaillen. Dass findet kein einziger Athlet gut. Damit erzeugt man unnötigen Druck. Man macht den Fehler, immer wieder die Hoffnung zu wecken und später womöglich wieder kleinlaut zugeben zu müssen, es ist nicht so gut gelaufen. Es ist ein Beispiel, dass der Verband nicht umgedacht hat.“

Und wenn es sieben Medaillen wie bei der WM in Osaka geben sollten, steht die deutsche Leichtathletik dann wieder gut da?

„Berlin ist nicht Ende der Leichtathletik. Es soll ein Auftakt werden. Die WM 1993 in Stuttgart hatte Nachwehen. Die sechs Jahre danach waren goldene Jahre, was Sponsoring betrifft, was Networking betrifft. Dass sehe ich im Moment nicht aufgrund der Finanzkrise und der Verbandsstruktur.“

Trotz des schlechten Abschneidens bei Olympia ist der einstige DLV-Cheftrainer Jürgen Mallow zum Sportdirektor des Verbandes befördert worden? Wie beurteilen Sie das?

„Wenn man Fußball-Bundestrainer Joachim Löw mit Jürgen Mallow vergleicht, sieht man was in den vergangenen Jahren in der Leichtathletik passiert ist oder nicht. Natürlich ist es ein unfairer Vergleich, aber oft bringen direkte Vergleiche wesentlich mehr als wenn man versucht, Dinge schön zu reden.“

Welche Rolle spielen die Athleten im DLV-Gefüge?

„Den Athleten nimmt man immer weniger ernst, er steht nicht mehr so im Fokus. Es geht inzwischen mehr darum, wie kann man aus zehn Veranstaltung acht und damit mehr Profit machen. Oder wie kann man einen neuen Sponsor finden, der mehr Geld gibt. Das hat eine Kettenreaktionen ausgelöst, die zu einer Fußfesseln für die Athleten geworden ist.“

Interview: Andreas Schirmer, dpa

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