Skandal um Infantino, Sommermärchen verjährt

Auch der nächste FIFA-Chef aus der Schweiz – Gianni Infantino – und selbst die Schweizer Justiz stehen unter Korruptionsverdacht
Auch der nächste FIFA-Chef aus der Schweiz – Gianni Infantino – und selbst die Schweizer Justiz stehen unter Korruptionsverdacht. (Foto: Fabrice Coffrini/AFP)
Deutsche Presse-Agentur
Schwäbische Zeitung

Das stille Ende des Sommermärchen-Prozesses wurde zur Randnotiz. Nach neuerlichen Medienberichten über die enge Verstrickung von FIFA-Präsident Gianni Infantino in die Schweizer Justiz steht der Fußball-Weltverband an seinem Amtssitz gehörig unter Druck. „Wir, die Bananenrepublik“, schrieben mehrere Schweizer Zeitungen über die Irrungen der Ermittler und die geheimen Treffen von Infantino mit Bundesanwalt Michael Lauber. Die FIFA reagierte ungewöhnlich erbost – und mit viel heuchlerischem Pathos.

„Nicht für die FIFA, für die Schweiz“ sei die gesamte Affäre schwer belastend, sollte sich herausstellen, dass man ungestraft „zig Millionen stehlen“ könne. „Konzentrieren wir uns auf die Bestrafung der Kriminellen, ohne uns auf lokale politische Streitigkeiten zwischen einigen Abgeordneten, Medien und/oder Staatsanwälten einzulassen“, beschwichtigte der Weltverband.

Medien wie der „Spiegel“ hatten zuvor berichtet, Infantino habe versucht, unerlaubten Einfluss auf Ermittlungen zu nehmen. Konkret ging es bei den Untersuchungen um einen TV-Vertrag der UEFA mit südamerikanischen Rechtehändlern, den Infantino in seiner Zeit bei der Europäischen Fußball-Union unterzeichnet hatte. Laut FIFA war der Vertrag rechtlich einwandfrei.

In einer E-Mail an einen Freund aus hohen Justizkreisen soll Infantino vor einem anberaumten Treffen mit Lauber im Jahr 2016 geschrieben haben: „Ich werde versuchen, es der Bundesanwaltschaft zu erklären, da es ja auch in meinem Interesse ist, dass alles so schnell wie möglich geklärt wird, dass klar gesagt wird, dass ich damit nichts zu tun habe.“ Der Schweizer „Tagesanzeiger“ schreibt dazu, es sei durch die Mail erwiesen, „dass sich Weltfußball-Chef Infantino in einer Zusammenkunft mit Lauber reinwaschen wollte“.

Die Treffen sind durch ein Disziplinarverfahren der Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft inzwischen verbürgt. Ergebnis: Lauber habe seine Pflichten „verschiedentlich und teilweise erheblich verletzt“. Die Politik prüft die Möglichkeit eines Amtsenthebungsverfahrens.

„Herr Infantino war weder Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens noch gab es gegen ihn damals oder später ein Verfahren. Daher musste er nie „seinen Namen reinigen“, hieß es von der FIFA. Zudem sei die Mail „offenbar durch Hacking“ öffentlich geworden, „was eine illegale und kriminelle Handlung ist. Solche Mails werden nicht nur gehackt, sondern können auch leicht manipuliert werden“. Der „Spiegel“ erklärte, er habe die Informationen über die Enthüllungsplattform Football Leaks erhalten.

Die Einstellung des Sommermärchen-Prozesses gegen drei frühere Funktionäre des Deutschen Fußball-Bundes wegen Eintritts der Verjährung wurde am Dienstag wie erwartet endgültig bestätigt. Die Verteidiger der ehemaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger sowie des Ex-DFB-Generalsekretärs Horst R. Schmidt holten noch einmal zur Generalkritik aus. „Es ist festzuhalten, dass unseren Mandanten aufgrund einer voreingenommenen und von geradezu unglaublichem Fehlverhalten geprägten Verfahrensführung der Schweizer Bundesanwaltschaft kein faires Verfahren gewährleistet worden ist“, teilten die Anwälte mit und betonten, dass „kein strafbares Verhalten“ festgestellt worden sei.

Das spät gestartete Verfahren war wegen der Coronavirus-Pandemie Mitte März unterbrochen worden, bis am Montag die Verjährung eintrat. Die bereits im November 2015 gestarteten Ermittlungen der Bundesanwaltschaft zu den ominösen 6,7 Millionen Euro hatten aber ohnehin wenig Erhellendes zutage gefördert. Angeklagt war auch der Schweizer Urs Linsi, einst Generalsekretär unter Ex-FIFA-Chef Sepp Blatter.

Das Bundesstrafgericht verwehrte sich gegen Verschleppungsvorwürfe und führte „prozessuale Umstände und die Vorgaben wegen der Coronavirus-Pandemie“ für das fehlende Urteil an – die Anwälte der einstigen DFB-Lenker sprachen dennoch von einem „unrühmlichen Bild“ der Schweizer Strafverfolgungsbehörden.

„Das Sommermärchen-Debakel kratzt nicht nur am Image der Schweizer Justiz im Ausland. Es wird die Schweizer Steuerzahler zudem teuer zu stehen kommen“, schrieb die Boulevardzeitung „Blick“. Der „Tagesanzeiger“ urteilte: „Das prestigeträchtige Sommermärchen-Verfahren endet damit definitiv in einem Desaster.“

Ob die Zahlungen aus dem Jahr 2002 und 2005, an denen der damalige WM-Organisationschef Franz Beckenbauer maßgeblich beteiligt war, noch einmal vom Landgericht Frankfurt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung aufgegriffen werden, ist noch offen. Das Gericht prüfe die Auswirkungen des Verfahrensausgangs in der Schweiz, hieß es.

Ein weiterer FIFA-Skandal wird ab 14. September im Schweizer Bellinzona verhandelt. Der frühere FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke und Paris-St.-Germains Präsident Nasser Al-Khelaifi werden wegen Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit der Vergabe von Medienrechten für die Welttitelkämpfe vor Gericht gestellt. Das teilte das Schweizer Bundesstrafgericht mit, im Februar hatte die Bundesanwaltschaft Anklage erhoben.

Laut Anklageschrift wird Valcke, der im September 2015 von der FIFA entlassen worden war, etwa „passive Bestechung“ sowie „mehrfache qualifizierte ungetreue Geschäftsbesorgung“ vorgeworfen. Al-Khelaifi muss sich in seiner Funktion als Geschäftsführer der katarischen BeIN Media Group verantworten, ebenso wie ein weiterer, namentlich nicht genannter Geschäftsmann wegen Anstiftung von Valcke und aktiver Bestechung. „Aus den Ermittlungen hat sich ergeben, dass Valcke von beiden Mitbeschuldigten nicht gebührende Vorteile erhalten hat“, teilte die Behörde mit. Al-Khelaifi, seit 2019 Mitglied im UEFA-Exekutivkomitee, habe dem Franzosen, der einst Blatter zur Seite stand, das alleinige Nutzungsrecht an einer Luxusvilla auf Sardinien überlassen.

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