Shopping gegen das Zittern

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Neue Männer braucht das Land: Hannovers Manager Martin Bader heißt Stürmer Hugo Almeida willkommen.
(Foto: dpa)
Jürgen Schattmann

Es gibt verschiedene Ansätze, wenn man sich selbst retten will. Manche versuchen es mit Meditation und Gebet, andere wie Xavier Naidoo („Rettung naht gewiss aus einem Hohen Haus“) durch so etwas Ähnliches wie den Glauben. Wenn Fußball-Bundesligaklubs in akute Abstiegsgefahr geraten, greifen sie meist auf eher unspirituelle Art zu Trainerwechseln und Noteinkäufen im Winter. Der Bundesliga-17. Hannover 96 schoss mit fünf neuen Spielern und einem frischen Coach gerade den Vogel ab, während sich der arme Aufsteiger Darmstadt mit dem Vorhandenen benügen musste. Der VfB Stuttgart wiederum fand zwar nicht das, was er dringend bräuchte, einen Innenverteidiger nämlich, schlug aber dafür auf anderen Positionen zu. Wie das eben so ist, wenn man Einkaufen geht und plötzlich etwas sieht, an das man noch gar nicht gedacht hat. Die „SZ“ hat untersucht, was sich bei den sieben Abstiegskandidaten getan hat.

FC Ingolstadt (11. Platz/20 Punkte)

Der Aufsteiger, der den Minimalismus zum Prinzip erkoren hat, hat zumindest in der Offensive langsam genug von der Null. 11:18 Tore in 17 Partien waren auch für Trainer Ralph Hasenhüttl zu wenig. Also holte er einen Stürmer namens Dario Lezcano aus Paraguay, der in der Vorrunde in zehn Spielen neun Treffer für Luzern schoss, von dem man aber leider „noch keine Wunderdinge“ erwarten dürfe, wie der Trainer findet. Dass Lezcano bis dato der einzige Zugang ist und mit zwei Millionen Euro Ablöse der teuerste der Vereinsgeschichte, zeigt: Bei Ingolstadt handelt es sich eben nicht um einen Werksklub, der nur das Spielzeug eines Autokonzerns ist (Audi), im Gegenteil: Ingolstadt muss haushalten. Kuriosum am Rande: Rechtsverteidiger Tobias Levels verletzte sich bei einem Eishockey-Juxspiel gegen den städtischen DEL-Klub ERC am Sprunggelenk und wird lange ausfallen.

FC Augsburg (12./19/sh. Seite 28)

SV Darmstadt 98 (13./18)

Der andere Überraschungsaufsteiger, der in der Sparte Standardtore (elf) selbst die Bayern und Dortmund hinter sich ließ, hat bis dato noch gar kein Geld im Winter ausgegeben und vertraut seinem Ethos des ehrlichen Arbeiters. „Wir sind wie dieses gallische Dorf“, sagt Mittelfeldrecke Peter Niemeyer. Ob der Kampf der „elf Krieger auf dem Platz“ reichen wird? „Es wird auf jeden Fall schwer“, sagt Marcel Heller, der mit sechs Toren und zwei Assists der gefährlichste Scorer der Hessen ist, denn: „Es bereitet den Aufsteigern Probleme, dass größere Klubs aufrüsten können.“

Eintracht Frankfurt (14./17)

Die Darmstädter Nachbarn haben den mit 3,7 Millionen Euro teuersten und vermutlich auch besten Neuzugang aller Abstiegskandidaten an Land gezogen: Marco Fabian, einen 26-jährigen Mexikaner, der das Spiel machen und auch Tore schießen kann, wie er beim 3:3 im Test gegen Braunschweig mit einem Doppelpack bewies. Mit Kaan Ayhan und Szabolcs Huszti hat Trainer Armin Veh weitere Alternativen hinzugewonnen, allerdings zeigte das 0:4 im Test gegen Dortmund, dass vor allem hinten der Schuh drückt. „Es läuft nicht so, wie ich es mir vorstelle“, sagte Veh danach.

VfB Stuttgart (15./15)

Beim VfB fragen sich vor dem Duell in Köln alle, ob es Kevin Großkreutz in die Startelf schafft und wenn ja, wo. Eigentlich ist Großkreutz Weltmeister, er sollte es also nicht zu schwer haben, in Stuttgart auf zwei, drei Einsätzchen zu kommen. Außerdem ist er ein sogenannter polyvalenter Fußballer, das bedeutet, er kann auf jeder Position spielen, links vorne/hinten, rechts vorne/hinten, eigentlich überall, außer in Istanbul. In Dortmund, wo ihn Ex-Trainer Jürgen Klopp als „taktisches Genie“ rühmte, spielte Großkreutz insgesamt auf sieben Positionen, einmal sogar fünf Minuten lang als Torwart, in Stuttgart dürfte er derzeit rechts die besten Chancen haben als Rivale von Florian Klein. Die „SZ“ allerdings würde ihn gerne als Innenverteidiger sehen, wenn der VfB schon keinen gekauft hat.

Werder Bremen (16./15)

Werder hat es tatsächlich geschafft – einen Innenverteidiger zu kaufen. Papy Djilobodji (27), Nationalspieler aus dem Senegal, wurde bis Saisonende vom FC Chelsea ausgeliehen für nur 400000 Euro. Auch der VfB hatte Interesse. Warum er nicht zuschlug? Nun, zum einen hat er Großkreutz, zum anderen hat Djilobodji nur 30 Minuten im Cup für Chelsea gespielt, in der Premier League schaffte er es ganze zweimal in den Kader. Werder allerdings hat ihn schon morgen auf Schalke für die Startelf eingeplant. „Warum würden wir ihn sonst holen? Es geht nicht um Mitläufer, sondern um Verstärkung“, sagt Trainer Viktor Skripnik. Ob der ungarische Nationalspieler Laszlo Kleinheisler (21, FC Videoton) auch eine ist? Zumindest hat sich Werder auch mit ihm nicht überschuldet. Er kostet 300000 Euro.

Hannover 96 (17./14)

Weil Hörgeräte-Hersteller und Mäzen Martin Kind die Geldschatulle aufmachte, ist nichts mehr wie zuvor in Hannover. Der Trainer heißt jetzt Thomas Schaaf statt Michael Frontzeck, im Sturm tummeln sich die Routiniers Hugo Almeida und Adam Szalai, Marius Wolf dürfte die Außenbahnen beleben, Hotaru Yamaguchi und Iver Fossum verbreitern den Kader. Dennoch hat 96 dicke Probleme: Spielmacher Hiroshi Kyotake, Dreh- und Angelpunkt der Truppe, fällt noch drei Wochen aus, im Herausspielen von Chancen war Hannover bisher schon Letzter. Und den neuen Stürmern fehlt jede Spielpraxis.

TSG Hoffenheim (18./13)

Die TSG hat den großen Vorteil, dass sie durch die Verpflichtung des notorischen Dauerretters Huub Stevens eigentlich gar nicht absteigen kann, es sei denn, Stevens würde kurz vor Saisonende noch nach Stuttgart wechseln. Überraschenderweise hat sich der Klub trotz der potenziellen Hopp-Millionen auf dem Transfermarkt bisher zurückgehalten. Stevens sagte anfangs, er brauche überhaupt keinen Neuzugang, später wurde kolportiert, er wolle gleich vier. Bis dato kam einer, der kroatische Nationalstürmer Andrej Kramaric (24), einst in Rijeka ein Torjäger, zuletzt bei Leicester City nur Reservist. In Außenstürmer Stephan El Shaarawy (Monaco) und dem offensiven Mittelfeldmann Hakim Ziyech (Enschede) sind zudem noch zwei Hochkaräter im Gespräch. Stevens weiß jedenfalls, worauf es in der Rückrunde ankommt. Er hat genug von den stehenden Nullen: „Wir müssen Tore schießen.“

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