Seitz und der „Wow-Effekt“: Nur nicht an Medaille denken

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Training
Elisabeth Seitz am Stufenbarren. (Foto: Amy Sanderson/ZUMA Wire / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Frank Thomas

Elisabeth Seitz fühlt sich topfit, doch sie trägt ein Problem mit sich herum. Bei ihrer schon neunten Teilnahme an einer Turn-WM hat sie als Drittplatzierte der Qualifikation das Finale am Stufenbarren erreicht.

Die Medaille ist drin, doch die deutsche Rekordmeisterin schwankt noch zwischen Perfektion und Risiko. Auslöser ihrer Überlegungen ist eine Verbindung zwischen dem Pak-Salto und dem Schaposchnikowa mit halber Drehung. Komplizierte Elemente zwischen den beiden unterschiedlich hohen Holmen, die sich Laien kaum vorstellen können und die selbst Turn-Experten nur schwer beschreiben können. Doch diese kleine Verbindung bringt im Ausgangswert 0,2 Punkte mehr und würde ihre Übung mit 6,4 zu einer der schwierigsten des Finalfeldes machen.

„Was habe ich davon, wenn ich meine normale Übung perfekt turne und dann am Ende wieder Vierte oder Fünfte werde. Ich muss echt abwägen, wie viel Risiko ich gehe“, begründet sie. „Wenn ich runterfalle, bin ich wahrscheinlich Letzte.“ Vierte war sie schon bei Olympia in Rio, Fünfte bei der WM 2017 in Montreal und vor fünf Jahren in Antwerpen. „Ich würde es liebend gern machen. Wenn ich dann unten stehe, wäre es ein echter Wow-Effekt“, malt sie sich aus. Aber im Training ging die Verbindung auch öfter schief.

Entscheiden kann die deutsche Rekordmeisterin aus Stuttgart nun ganz allein. „Aber natürlich werde ich mich mit den Trainern noch mal abstimmen“, räumt sie ein. Rückenwind holte sie sich am Donnerstag, wo ihre bung erneut glatt durchlief. Ein besseres Mehrkampf-Resultat als Platz 21 verdarb sie sich allerdings durch zwei Stürze am Balken.

Im Vorkampf ließ sie die Verbindung weg. Die Riege erreichte dennoch das Team-Finale, und die 24-Jährige kam am Persischen Golf auf Platz drei an ihrem Lieblingsgerät. „Da stand das Risiko nicht zur Diskussion, denn ich wollte ja nicht dem Team schaden“, gibt sich die allseits beliebte und stets strahlende Seitz wie so oft als absoluter Team-Player. Das Finale mit der Mannschaft wurde erreicht, die Euphorie war groß, wenngleich sich damit die Belastung für sie als Leistungsträgerin verdoppelte.

Immer noch sei sie so aufgeregt, dass es schon nicht mehr schön sei. „Kein angenehmes Gefühl“, gibt sie zu. Doch Eli sieht sich selbst als „Rampensau“. „Wenn ich in die Wettkampfhalle komme, fällt alles von mir ab. Aber manchmal frage ich mich schon: Warum tue ich mir das an?“, berichtet sie.

Nach den Tränen von Rio wegen des so hauchdünn verpassten Podests, zwei EM-Medaillen und zwei Gesamt-Weltcupsiegen soll nun endlich mal Edelmetall bei einer WM her. „Davon träumt jeder Sportler. Das Problem ist, sich im Wettkampf genau damit nicht verrückt zu machen“, sagt Seitz.

Sie freut sich, endlich mal eine Vorbereitung so ganz in Ruhe genossen zu haben. Doch unproblematisch war dieses Jahr trotzdem nicht. Im April sei es „ein Schock“ gewesen, als sie erfuhr, dass ein Bauch-Ödem ihren EM-Start in Glasgow verhinderte. „Das war erschreckend, ein böse Überraschung.“ Drei Monate durfte sie ihren Sport nicht ausüben. „Doch im Nachhinein war es vielleicht gut, mal entspannter in die WM-Trainingslager zu gehen.“

Sie nutzte die Pause, in ihrem Pädagogik-Studium an der PH Ludwigsburg weiterzukommen, hatte schöne Tage bei ihrem ersten Lehrer-Praktikum. Die Kinder wussten nicht, wer da vor ihnen steht. „Einige haben es vielleicht geahnt. Aber für alle war ich nur die Frau Seitz. Nicht die Turnerin“, erzählt sie.

Details zum deutschen Turn-Team bei der WM

Homepage Turn-WM Doha 2018

Steckbrief Elisabeth Seitz

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