Zweifel, Bedenken, Ängste: Leichtathleten vor Tokio-Spielen

Deutsche Presse-Agentur
Ulrike John

Ein starker Sprint von Kevin Kranz, ein 6,70-Meter-Satz von Malaika Mihambo und Seriensiege der Kugelstoß-Routiniers Christina Schwanitz und David Storl.

Aber auch eine trostlose Kulisse und Angst vor dem ungewissen Olympia-Sommer - die deutschen Leichtathleten erlebten in Dortmund bleierne Hallen-Meisterschaften. Als erste Spitzensportlerin der olympischen Kernsportart äußerte Ex-Weltmeisterin Schwanitz große Zweifel und Bedenken an einer Austragung der Spiele in Japan. „Ich glaube nicht, dass Tokio stattfindet“, sagte die 35-Jährige.

Bisher schieben viele ihrer Kollegen dieses Szenario beiseite, um ihre Motivation in der Corona-Pandemie zu wahren. Am 23. Juli sollen die um ein Jahr verlegten Spiele in Japan mit 11.000 Teilnehmern eröffnet werden. „Für uns finden die Olympische Spiele statt. Es gibt viele, viele Signale, dass sie umgesetzt werden“, sagte Annett Stein, Chef-Bundestrainerin des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Die Ungeduld bei den Sportlern, die nur wenige Trainingslager im Ausland absolvieren könne, wachse aber.

Je näher das Spektakel in Tokio rückt, desto nachdenklicher werden viele. So äußerte sich Mihambo, die Weitsprung-Weltmeisterin und Deutschlands „Sportlerin des Jahres“ von 2019 und 2020, kurz vor Dortmund in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Wenn die Spiele stattfinden, bin ich überzeugt, dass dies im großen Kontext abgewogen werden muss und abgewogen werden wird. Es wäre für das Olympische Komitee ein Fiasko, mehr als das, wenn es durch die Spiele eine neue Welle der Pandemie gäbe. Das will sich niemand vorstellen.“

Laut Schwanitz hat der eine oder andere Sportler auch „übelst Angst vor Corona“. Da gehe die moralische Verantwortung bei jedem los: „Kann ich das mit meinem Gewissen vereinbaren, da überhaupt hinzufahren? Wir sind ganz viele Sportler, die sich diese Frage stellen“, sagte die zweimalige Europameisterin vom LV 90 Erzgebirge.

Ungeachtet der schwierigen Lage lieferten viele Asse - dankbar für die Startmöglichkeit - in der Helmut-Körnig-Halle ihre Leistungen ab. Der DLV hatte die Titelkämpfe mit einem Hygienekonzept und ohne Zuschauer organisiert. 250 Sportler waren dabei.

Mihambo hatte am Sonntag einige Probleme beim Anlauf und landete bei 6,70 Metern. Es war ihr vierter Titelgewinn nacheinander unterm Hallendach, den ersten Sieben-Meter-Satz dieses Winters verpasste die 27-Jährige von der LG Kurpfalz erneut. „Die Leistung stimmt, ich hatte ein paar effektive Sprünge um die 6,90“, sagte sie. „Dass man immer sieben Meter springt, kann man von niemandem erwarten.“ Im Stabhochsprung entthronte Torben Blech mit mäßigen 5,72 Metern seinen Leverkusener Clubkollegen Bo Kanda Lita Baehre.

Schwanitz siegte am Samstag unangefochten zum sechsten Mal. Die Weltmeisterin von 2015 blieb mit 18,87 Metern allerdings hinter ihrer Saisonbestleistung von 19,11 Metern zurück. Mit dieser Weite ist sie eine Medaillenkandidatin für die Hallen-EM vom 4. bis 7. März in Torun/Polen, mit der der DLV fest rechnet. „Für die deutschen Meisterschaften in dem Corona-Wahnsinn, den wir alle mehr oder weniger gut versuchen zu bewältigen, finde ich die Weite in Ordnung“, sagte Schwanitz zu ihrem Ergebnis.

Bereits zum achten Mal gewann David Storl (30) im Kugelstoßring mit der persönlichen Jahresbestleistung von 20,83 Metern. Der WM-Goldmedaillengewinner von 2011 und 2013 wird allerdings auf einen EM-Start verzichten, da er kürzlich zum zweiten Mal Vater wurde.

Für das Highlight des ersten Wettkampftages sorgte Kevin Kranz aus Wetzlar: Der 22-Jährige stellte mit 6,52 Sekunden den deutschen 60-Meter-Rekord von Julian Reus von 2016 ein. „Mit der Zeit habe ich absolut nicht gerechnet“, sagte er. Im Frauen-Sprint überraschte die Münchnerin Amelie-Sophie Lederer mit ihrem ersten Sieg bei Meisterschaften in starken 7,12 Sekunden.

© dpa-infocom, dpa:210220-99-522008/7

DLV-Bestenlisten

Hygienekonzept zu den Meisterschaften

Infos zur DM

Schwanitz-Porträt

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