Ryoyu Kobayashi: Ungebremst zu Hannawald und Stoch

Lesedauer: 6 Min
 Luftfahrt ins Licht: Ryoyu Kobayashi.
Luftfahrt ins Licht: Ryoyu Kobayashi. (Foto: AFP)

Sven Hannawald wird künftig Markus Neitzels Dienste in Anspruch nehmen dann und wann. Sven Hannawald ist Gründervater des Vierschanzentournee-Grand-Slam-Gewinner-Clubs, eines elitären, 49 Jahre gar nicht und von Dreikönig 2002 bis Dreikönig 2018 aus ihm allein bestehenden Zirkels, den Kamil Stoch vor zwölf Monaten jäh bevölkert hat.

Skispringer Hannawald kommentierte die Neumitgliedschaft des Skispringers Stoch seinerzeit launig so: Endlich könne er mit jemandem anderen als sich selbst parlieren. Dass nun sogar Drie- statt Zwiesprache gehalten wird, hat noch im Spätherbst kaum wer erwartet. Nicht eine Podiumsplatzierung fand sich in Ryoyu Kobayashis Weltcup-Portfolio, jetzt stehen dort acht Siege – die vier jüngsten ersprungen bei der 67. Tournee. Viel Arbeit bescherte das Markus Neitzel: Der evangelische Pastor aus Hessen hat 13 Jahre in Sapporo gelebt; Sprach- und Mentalitätskenntnis samt seines Interesses fürs Skispringen machten ihn zur deutschen Stimme Ryoyu Kobayashis in den Tagen seit Oberstdorf.

Der 59-Jährige also wäre ideal (und vonnöten), wollten die Herren Hannawald, Stoch und Kobayashi sich bei Gelegenheit einmal länger austauschen unter Club-Freunden. Auf Englisch verständigt sich der 22-jährige Japaner eher ungern, und so würde er gewiss via Übersetzer über beispielsweise den Tag plaudern, der alle hätte warnen sollen: Ende Februar 2018 war’s, beim TV Hokkaido Cup, da trug es Ryoyu Kobayashi auf 154 Meter, siebeneinhalb Meter über Schanzenrekord, auf Sapporos Okurayama-Bakken. Der Sturz nach der Landung im Flachen verlief glimpflich, ein Achtungszeichen war gesetzt. Das nächste: zwei Siege binnen 24 Stunden beim Grand Prix in Hakuba. Verbürgt ist, was Altmeister Noriaki Kasai dem Kollegen vom Tsuchiya Home Ski Team ans Herz legte danach: „Er hat mir gesagt, dass ich nicht jubeln soll, weil das nichts wert ist im Sommer.“

Der Winter kam, Ryoyu Kobayashi hatte verstanden und offenbar vollendet, woran Heimtrainer Janne Väätäinen und er getüftelt hatten: „Vor allem im Anlauf habe ich einiges verändert, ich bin da ganz anders rangegangen.“

Ganz anders springt Ryoyu Kobayashi auch ab – verteilt er die Kraft beim Abstoßen doch nicht nur auf die Ballen, sondern auf die gesamte Fläche des Fußes. Konsequenz, so der deutsche Bundestrainer Werner Schuster: „Er springt weg, katapultiert den Körper nach vorne, nimmt den Ski unfassbar schnell auf. Und der Ski ist sofort am Körper dran, extrem sauber, flach.“ Nachjustieren ist absolute Ausnahme, Geschwindigkeitsverlust auch; kaum Luftwiderstand bremst.

All das geschieht in Sekundenbruchteilen. Den entscheidenden für Qualität und Weite des Flugs, den entscheidenden für Ryoyu Kobayashis derzeitige Dominanz. Kopieren, genauso (ab)springen? Ist leicht gesagt und – mindestens! – schwer getan. Auch wenn Ryoyu Kobayashi, auf die Frage, was exakt ihn jetzt so konstant bärenstark gemacht habe, Markus Neitzel dolmetschen ließ: „Ich habe die Videos so vieler Sprünge all der guten Athleten angeschaut, habe von ihnen gelernt.“ Japanische Höflichkeit? Eine Nebelkerze? Die Wahrheit?

Uhrwerkgleich zum Prevc-Rekord?

Letztlich egal. Ryoyu Kobayashi beeindruckte in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen mit erstaunlichster Präzision. Uhrwerkgleich. Österreichs Stefan Kraft, einer der es beurteilen kann, hat beobachtet: „Er trifft jeden Sprung ganz genau. Einfach sensationell!“

Und Hannawald-Stoch-Club-würdig, zweifelsohne. Mehr als das noch vielleicht? Im Februar ist Nordische Weltmeisterschaft in Seefeld, gesprungen wird auch am Bergisel. Hält die Form? Noch ein Innsbruck-Triumph womöglich, vergoldet? „Ich weiß nicht, ob ich in der gleichen Weise weitermachen kann“, antworteten Kobayashi/Neitzel am Freitag an Ort und Stelle. „Aber ich werde es versuchen.“ Die Nachfrage galt Peter Prevc’ Rekord von 2015/16 – 15 Saisonsiege im Weltcup. Machbar, Ryoyu Kobayashi? Einen kurzen Augenblick hielt Markus Neitzel inne, ehe er übersetzte: „Warum sollte ich nicht in der Lage sein, das zu tun?“ So denken viele seit Sonntagabend, 18.52 Uhr. Sven Hannawald und Kamil Stoch ganz bestimmt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen