Rafael Nadal auf der Jagd nach dem Grand Slam

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Deutsche Presse-Agentur

Irgendwann in dieser denkwürdigen Nacht war es genug mit der ewigen Fragerei nach dem Grand-Slam-Rekord, den Roger Federer soeben im Finale der Australian Open gegen Rafael Nadal auf dramatische Art und Weise verspielt hatte.

Der Norman Brookes Challenge Cup blitzte auf dem Podium neben dem neuen Australian-Open-Champion Nadal, die Reporter fragten nach Aufschlägen, Doppelfehlern und verpassten Breakbällen. Auf einmal wollte einer von dem Spanier wissen: „Alle reden über den Rekord von Pete Sampras, dem Roger Federer so nahe ist. Sie haben jetzt Grand Slams auf allen Belägen gewonnen und sind 22 Jahre alt. Was können Sie erreichen, verglichen mit diesen Spielern und diesen Rekorden?“

Nadal überlegte kurz, fasste sich ins Haar, nahm einen Schluck aus der Trinkflasche und sagte: „Mh, jetzt habe ich sechs, oder? Über die sechs bin ich glücklich. Natürlich werde ich weiter mein Bestes versuchen. Aber ich weiß, wie schwer jeder einzelne Titel zu gewinnen ist.“ Auf einmal allerdings ist es der Weltranglisten-Erste aus Mallorca, der viermalige French-Open-Triumphator, Wimbledon- und Olympiasieger des vergangenen Jahres, der beste Chancen hat, alle vier Grand-Slam-Turniere zu gewinnen - vielleicht sogar in einem Jahr. In diesem Jahr. Bislang galt Federer als Jäger Nummer eins auf diesen seltenen Vierklang. In der jüngeren Vergangenheit hieß es immer: Der Sieg auf Sand bei den French Open ist der einzige Grand-Slam-Titel, der dem Schweizer Federer in seiner Sammlung noch fehlt.

In Paris stand ihm immer Nadal im Weg, der unbestrittene Herrscher auf der roten Asche. Im vergangenen Jahr musste sich Federer erstmals auch auf seinem geliebten Rasen in Wimbledon in einem epischen Fünf-Satz-Finale geschlagen geben. Und nun sogar auf Hartplatz. Vier Stunden und 23 Minuten hatten die „Gladiatoren der Geisterstunde“ („Spiegel online“) miteinander gerungen, ehe die Ziffernfolge 7:5, 3:6, 7:6 (7:3), 3:6, 6:2 von der Anzeigetafel in der Rod Laver Arena leuchtete und Nadal „dem blauen Boden sein königliches Siegel aufgedrückt“ hatte, wie die Zeitung „The Age“ schrieb.

Federer weinte bei der Zeremonie vor 15 000 Zuschauern auf dem Center Court von Melbourne bitterlich. Selbst beim gemeinsamen Foto mit Nadal, der ihn freundschaftlich tröstete und bewegende Worte des Respekts für seinen Dauerrivalen fand, liefen dem Gentleman aus der Schweiz die Tränen über die Wangen. „Du bist enttäuscht, schockiert, traurig“, sagte der 27-Jährige später. „Ich habe jetzt einige Wochen, um das zu verdauen. Dann werden wir sehen, was passiert.“

Dieser Sommerabend in Melbourne war aber nicht nur die Stunde der großen Emotionen. Es war auch der würdige Abschluss eines 14-tägigen Tennisturniers, bei dem es am Ende wieder einmal hieß: Federer gegen Nadal. Was war nicht alles geschrieben worden über Geheimfavorit Andy Murray aus Schottland, den serbischen Titelverteidiger Novak Djokovic, über Aufsteiger wie den Argentinier Juan Martin del Potro oder Überraschungs-Finalisten der vergangenen Jahre wie den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga oder Fernando Gonzalez aus Chile.

Alle scheiterten mehr oder weniger früh, für sie war kein Platz neben den „Super-Helden“ („Herald Sun“). „Ich habe auch an ihrer klaren Spitzenrolle gezweifelt. Aber sie haben gezeigt, dass sie noch in einer anderen Gewichtsklasse spielen“, sagte der legendäre Rod Laver. Vor 40 Jahren hatte der Australier als letzter Spieler alle vier Grand Slams in einem Kalenderjahr gewonnen. Er überreichte Nadal die Trophäe - der Spanier könnte sein Nachfolger werden.

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