Quades Opel hatte es Klitschko angetan

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 Voller Einsatz im Training: Valeri Quade mit Schülern des Boxteams Langenargen.
Voller Einsatz im Training: Valeri Quade mit Schülern des Boxteams Langenargen. (Foto: Jochen Dedeleit)
Jochen Dedeleit

Das Training ist nichts für Zartbesaitete. Wie die Schläge einzelner Mitglieder des Boxteams Langenargen sitzen auch die Sprüche des Trainers. „Manche boxen wie meine Oma, manche explodieren“, sagt Valeri Quade. „Abwehren, sonst tut es weh. Wobei man die Schmerzen bis zu einem bestimmten Grad auch aushalten muss“, weiß der 49-Jährige aus eigener Erfahrung. Quade, der nach seinen rund 200 Kämpfen im olympischen Boxen noch vier Profiboxkämpfe bestritt, wurde in Sibirien geboren und lebte bis zu seinem 23. Lebensjahr in Kamtschatka, einer Halbinsel in Nordostasien. Das Boxtraining – oder besser die Erfahrungen im Faustkampf – in Petropawlowsk spielten sich dabei nicht nur in der dortigen Sporthalle ab.

Inzwischen ist Valeri Quade einer von drei qualifizierten Trainern des Langenargener Teams, dessen Aushängeschild der sechsfache Landesmeister Kushtrim Mahmuti ist. Auch der 26-Jährige ist an diesem Abend unter den rund 40 Boxern. Fragen bleiben kaum offen, wenn der Spätaussiedler, der die Bronzemedaille bei der deutschen Meisterschaft noch unter dem Namen Dowschenko für den VfB Friedrichshafen gewonnen hat, seinen Schülern die Boxtechniken näherbringt.

Am 25. Dezember 1993 kam Valeri Quade nach Deutschland – nach Datteln in Nordrhein-Westfalen. Der damals 23-Jährige schloss sich dem Boxring 28 Recklinghausen an und kürte sich in den darauffolgenden fünf Jahren ebenso oft zum Westfalenmeister. 1996 durfte Quade als westdeutscher Meister zur DM. „In meinen Kampfpass wurden zwölf Kämpfe eingetragen, um an der Deutschen teilnehmen zu können“, erinnert sich Quade. „Obwohl ich erst drei oder vier hatte.“ Die Konkurrenz zweifelte an den zwölf Kämpfen und mutmaßte eher: „Der hat eher 112“, wie Quade lachend anmerkt. Die Schule, durch die er vom 19. bis 23. Lebensjahr ging, war so hart, wie man es sich hierzulande kaum mehr vorzustellen vermag.

Alles geben oder weg vom Fenster

„In der Armee, der ich von 1989 bis 1991 angehörte, hatten wir nur zwei Paar Handschuhe. 20 bis 30 Leute haben geboxt, die anderen 100 zugeschaut. Geboxt wurde ohne Bandagen und ohne Mundschutz. Als ich mit 19 im Verein mit dem Boxtraining begann, hatten die 15-, 16-Jährigen ihren Spaß daran, einen Erwachsenen zu vermöbeln. Aber die hatten nur etwa ein halbes Jahr lang Spaß“, blickt Valeri Quade zurück. „Ich wusste, wo sich bei uns in der Gegend die Schläger aufhielten. Ich bin dann dort langgelaufen und hatte so mein Sparring“, sagt der bald 50-Jährige.

In Recklinghausen mussten Liegestütze absolviert werden, wenn jemand im Training auf die Uhr schaute. Die Strenge in Russland sah noch einmal anders aus. „Du hattest keine andere Wahl, als im Training alles zu geben. Da standen 20 andere vor der Tür, und wenn dich der Trainer rausschickte, warst du erst mal weg vom Fenster. Alles spielte sich auf einem deutlich höheren Niveau ab.“ Kein Wunder also, dass die Sowjetunion in der Nationenwertung der Europameisterschaften (seit 1925) deutlich führt (99 Goldmedaillen) – vor Russland (59). Bei den Frauen wurden 2001 erstmals europäische Titelkämpfe durchgeführt, Russland führt mit 37 Goldenen vor der Türkei (11).

Dennoch sagt Quade: „Die richtige Beinarbeit habe ich erst in Deutschland gelernt.“ In Recklinghausen kam Quade 1996 auch in den Genuss eines Sparrings mit Wladimir Klitschko. „Danach wollte er mit meinem Opel Kadett eine Runde drehen“, erinnert sich Quade, der 1999 nach Süddeutschland kam und zuerst beim BC Wangen unterkam. 150 Siege in den 200 Amateurkämpfen und zwei als 42-Jähriger in den vier Profivergleichen stehen zu Buche.

Einen Unterschied unter den zahlreichen Nationalitäten, die sich im Training tummeln, macht Valeri Quade nicht: „Als Sportler musst du nicht viel reden. Da versteht man sich auch so.“ Dass es vor allem im Boxsport viele Sportler mit Migrationshintergrund hat, half bei der letzten Weltmeisterschaft wenig. Eine Medaille gab es für Deutschland nicht („Das liegt an der fehlenden Konkurrenz“). Valeri Quade, der in der 2. Liga für Singen und Ahlen boxte und der hiesigen Jugend eine gewisse Gemütlichkeit attestiert, versucht, „von allen Dingen das Beste rauszufiltern“.

Helfen soll dabei Fachliteratur, die er sich aus Moskau besorgt hat. „Aber auch beim Trainerlehrgang in Ruit habe ich viel gelernt. Ich dachte, ich kann schon alles.“ Eines weiß der 49-Jährige aber sicher: „Herkunft, Strukturen – alles egal. Ohne Kämpferherz bringt dir das alles nichts. Bring einen Boxer in Schwierigkeiten und du weißt, ob er es hat.“

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