Olympiasieger: Doping-Punsch für DDR-Biathleten

Lesedauer: 5 Min
Deutsche Presse-Agentur

Den DDR-Skijägern sind nach den Worten von Biathlon-Olympiasieger Jens Steinigen in den 80er-Jahren unkontrolliert Dopingmittel über Getränke verabreicht worden.

„Auf Empfehlung des damaligen Mannschaftsarztes wurde die Praxis dann geändert, da es offensichtlich Probleme mit der Dosierung gab. Man wusste nie genau, wie viel jeder Sportler tatsächlich trinkt und damit Dopingmittel zu sich nimmt“, sagte Steinigen in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Bis 1985 seien die unterstützenden Mittel, insbesondere anabole Steroide - Oral-Turinabol - vor allem in Sportgetränken untergemischt worden.

Im November 1985 im schwedischen Kiruna sei der Mannschaft dann offen mitgeteilt worden, dass die „Mittel nun verabreicht werden, insbesondere zur besseren Kraftentwicklung und Regeneration“. Steinigen habe zusammen mit seinem Zimmerkollegen Andre Sehmisch entschieden, „die Mittel - soweit möglich - wegzuwerfen“. Im September 1986 habe er das dann offiziell der damaligen Mannschaftsführung mitgeteilt. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary war Steinigen, der Junioren-Weltmeister von 1985, ausgemustert. Intern war seine Versetzung in die B-Auswahl so begründet worden: „Rückläufige Persönlichkeitsentwicklung.“

Steinigen hatte das Ende seiner Karriere vor Augen, da fiel erst die Mauer und kurz vor Weihnachten 1989 die Entscheidung, es im anderen Deutschland noch einmal zu versuchen. 1992 wurde Steinigen in Albertville zusammen mit Ricco Groß, Mark Kirchner und Fritz Fischer Staffel-Olympiasieger. „Ich hoffe und gehe davon aus, dass meine Teamkollegen so wie ich sauber waren. Doping im Team gab es nach meiner Kenntnis nicht“, sagt Steinigen, der als Rechtsanwalt in Traunstein arbeitet. Auch durch Steinigens Aufklärungsarbeit trat Kurt Hinze, der erste Biathlon-Bundestrainer Ende des Jahres 1991 zurück.

Promoviert hat der 43 Jahre alte Steinigen zum Thema „Zivilrechtliche Aspekte des Dopings aus der Sicht des Spitzensportlers“. Er ist seit langem ein engagierter Anti-Doping- Kämpfer. „Was dringend nötig ist, ist ein einheitlicher international geltender Standard, der insbesondere auch eine strafrechtliche Verantwortlichkeit des dopenden Sportlers mit umfasst. Warum soll der Betrug am Konkurrenten denn nicht als solcher behandelt werden?“, so Steinigen. Er kritisiert die deutsche Sportführung: Sie sei es gewesen, „auf deren Intervention letztlich ein entsprechendes Gesetzesvorhaben in Deutschland nicht umgesetzt wurde.“

Damals in der DDR, im September 1986, sollte Steinigen nach eigenen Angaben wieder auf Kurs gebracht werden. „Die damals verantwortlichen Trainer haben dann in einem mehrstündigen Gespräch versucht mich zu überzeugen, 'unterstützende Mittel' zu nehmen. Ich habe mich jedoch bis zum Schluss geweigert und die Mittel dann auch nicht mehr erhalten“, sagte Steinigen. Verantwortlicher DDR- Cheftrainer bis zur Wende war Wilfried Bock, der am Sonntag in einem Beitrag der ARD-Sportschau genau wie Herren-Bundestrainer Frank Ullrich mit DDR-Doping-Praktiken in Verbindung gebracht worden war. Bock und Ullrich, der seit 1998 für die deutsche Herren-Biathlon- Auswahl verantwortlich ist, bestreiten die Vorwürfe.

„Frank Ullrich war neben Herrn Bock bei diesem Gespräch teilweise auch zugegen“, erinnert sich Steinigen an den September vor gut bald 23 Jahren. „Etwa sieben Jahre später während meiner Zeit als Mitglied der Biathlon-Nationalmannschaft habe er Ullrich einmal konkret auf dieses Gespräch angesprochen. Frank Ullrich konnte sich an das Gespräch erinnern, sagte aber zu mir, dass er immer davon ausgegangen ist, dass unter dem Begriff 'unterstützende Mittel' nur Vitamine, Mineralien, Massagen etc. zu verstehen sind. Ob das zutrifft, weiß ich nicht.“ In Kiruna, also an jenem Ort wo die DDR-Skijäger 1985 über Doping informiert wurden, sagt Steinigen, sei Ullrich nicht anwesend gewesen.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen