„Nie erträumen lassen“: Kaul überrascht WM-Coup selbst

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Weltmeister
Niklas Kaul ist Weltmeister im Zehnkampf. (Foto: Michael Kappeler/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Andreas Schirmer

Nach der Heldentat ging Zehnkampf-König Niklas Kaul erst mal baden.

„Wir haben uns ein Bier gegönnt und im Swimmingpool den Sonnenaufgang angeschaut. Das war sehr schön“, erzählte der mit 21 Jahren jüngste Weltmeister übernächtigt nach dem Überraschungscoup von Doha, der ihm am Tag danach noch „surreal“ vorkam: „Dass es am Ende so gut funktioniert hat, hätte ich mir nicht erträumen können.“

Er genieße nun den Moment und sauge alles auf. „Weltmeister wird man nur einmal im Leben“, meinte Kaul, der noch keine Zeit hatte, die „800 bis 900 Nachrichten“ auf seinem Handy zu lesen. „Ich werde den ganzen Rückflug brauchen, um die abzuarbeiten.“

Mit 8691 Punkten konnte sich der Mainzer 32 Jahre nach Torsten Voss als zweiter Deutscher die WM-Krone aufsetzen. Zugleich gilt er nun als heißer Anwärter auf Gold bei den Sommerspielen 2020 in Tokio, wo er weiter Geschichte schreiben und die Nachfolge der Olympiasieger Willi Holdorf (1964) und Christian Schenk (1988) antreten möchte.

„Dass er irgendwann Weltklasse wird, habe ich gewusst. Dass es aber so schnell geht, hat mich überrascht“, sagte Holdorf am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. „Sensationell. Mit Bronze für ihn hätte ich geliebäugelt. Gold ist unglaublich“, meinte auch der in Mainz lebende Guido Kratschmer, 1976 Olympia-Zweiter. Große Stücke hält auch der frühere Weltrekordler Jürgen Hingsen auf Kaul. „Das ist der Wahnsinn! Der Junge ist ja explodiert“, sagte er. „Er kann ganz nach oben kommen, in die Regionen eines Weltrekordlers Kevin Mayer.“

Der bodenständige Kaul versuchte diese Erwartungen zu dämpfen und wehrte sich, ihn schon als kommende Nummer eins der Zehnkämpfer zu loben. „Ein Kindheitstraum, dass einmal für mich die Nationalhymne gespielt wird, ist in Erfüllung gegangen. Die Olympia-Teilnahme ist der zweite“, sagte Kaul. „Jetzt habe ich schon mehr erreicht, als ich mir als Kind erträumt habe. Alles andere ist Bonus.“

Den unerwarteten Rollenwechsel vom Jäger zum Gejagten hält Kaul „nicht wirklich“ für problematisch. „Für mich ist es die gleiche Situation wie zwei, drei Tage, bevor ich Weltmeister wurde: Ich will Spaß haben“, betonte der Lehramtsstudent für Sport und Physik am Freitag. „Wenn der Spaß vorbei ist, würde ich keinen Zehnkampf mehr machen.“ So lange will er weitermachen. Ob bis zur nächsten WM 2021 in Eugene oder gar bis zu den Spielen 2024 in Paris, ließ er offen.

Dennoch schmiedet der 1,90 Meter lange Modellathlet bereits Pläne, um noch besser zu werden. Dabei spielen seine Eltern Stefanie und Sebastian Kaul, die international erfolgreiche Läufer waren und ihn trainieren, eine große Rolle. „Ohne meine Eltern könnte ich den Leistungssport nicht betreiben“, erklärte der Filius, der das „familiäre Umfeld“ in Mainz schätzt und nach dem Triumph keinen Grund zur Änderung sieht. „Es muss auch mal wieder Normalität in mein Leben einkehren“, meinte Kaul Junior. „Und es wäre ein Fehler, das bewährte System zu ändern.“

Auf das Glück, dass der entthronte französische Titelverteidiger Kevin Mayer auch in Tokio wieder frühzeitig aussteigt, und auf seine beiden Königsdisziplinen Speerwurf und 1500 Meter will er sich aber in Zukunft nicht mehr verlassen. „Ich möchte vorher mehr Punkte machen. Das ist mein Ziel in Richtung Tokio“, kündigte der U23-Europameister an. Er stellte jedoch selbstbewusst fest: „Ich war nicht der beste Zehnkämpfer bei der WM, aber der konstanteste.“ Einmalig war, wie er die fulminante Aufholjagd - zur Halbzeit lag er auf Platz elf - noch vergoldete.

Den Speer katapultierte er auf die Zehnkampf-„Weltrekordweite“ von 79,05 Meter und rannte danach die 1500 Meter wie um sein Leben, nicht ohne noch mit Zweifeln zu kämpfen. „Vor dem Lauf hatte ich Angst und war aufgeregt. Ich hatte Angst, alles zu ruinieren“, offenbarte der an beiden Tagen mit Magenproblemen kämpfende Kaul. Aber er riss sich zusammen.

„Die Chance, Weltmeister zu werden, bekommst du vielleicht nie mehr wieder im Leben“, berichtete er von seiner Motivation und nahm sich vor: „Egal, was nach dem Zieleinlauf passiert, ob sie mich hier raustragen müssen oder nicht - du rennst jetzt einfach und gibst alles, was du hast!“ Nach den 1500 Metern in 4:15,70 Minuten waren dann alle Befürchtungen vergessen - und die Sensation war perfekt.

„Das war ein fantastischer Moment. An ihm können sich die anderen deutschen Zehnkämpfer nun vor Tokio aufrichten“, sagte Idriss Gonschinska, Generaldirektor Sport des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Neidlose Anerkennung bekam Kaul auch von seinem Teamkollegen Kai Kazmirek. „Es ist super, dass er Weltmeister geworden ist. Riesen-Chapeau vor Niklas. Er weiß genau, was er will“, sagte der WM-Dritte von 2017. „In seinem Alter ist er schon weiter, als ich mit 28 Jahren gewesen bin.“ Kazmirek hatte nach einem Patzer im Hürdensprint die Chance auf Edelmetall vergeben. Dann schlug die große Stunde von Kaul.

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