Netzer verurteilt englischen Fußball-Kapitalismus

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Deutsche Presse-Agentur

Günter Netzer hat den besonders in England ausufernden Fußball-Kapitalismus als „unmoralisch“ und „unanständig“ gegeißelt.

Die von einigen Clubs in der Premier League gezahlten gigantischen Ablösesummen und Spieler-Gehälter stünden in keinem Verhältnis mehr zur Leistung, kritisierte der ehemalige Nationalspieler und ARD-Fußball-Experte bei der Premiere einer Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Tore und Gewinne“, zu der der FC Schalke 04 mehr als 300 Gäste aus Sport, Wirtschaft und Wissenschaft in die Veltins-Arena eingeladen hatte. „100 Millionen Euro für einen Spieler, das ist unmoralisch“, betonte Netzer, Geschäftsführer der Vermarktungsgesellschaft Infront Sport & Media AG, die weltweit mit Sportrechten handelt.

Netzer sprach sich für die Beibehaltung der vieldiskutierten „50+1-Regel“ im deutschen Profi-Fußball aus, um die Einflussnahme durch Fremdinvestoren wie in England zu verhindern. Dort gehört zum Beispiel der Ballack-Club FC Chelsea dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch, der durch die weltweite Finanzkrise angeblich in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten ist. „Ich habe gehört, dass er sehr unter Wasser steht“, sagte Netzer über Abramowitsch.

Manchester City wurde 2008 von der Abu Dhabi United Group aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) übernommen, die im Besitz von Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan ist. „Der Scheich hat jedes Gefühl für Geld verloren“, betonte Netzer. „Was da geschieht, ist absolut unanständig. Das sind Verrückte. Diese Leute können sich alles kaufen, nur keine Popularität. Dadurch wollen sie sich zweifelhaft berühmt machen. So etwas will ich hier nicht haben.“

Die Engländer setzen nach Ansicht des 64-Jährigen zu sehr auf eitle Fremdinvestoren, denen es in erster Linie ums „Geldverdienen“, um „Gewinnmaximierung“ ginge. Dennoch sei das System dort „defizitär“. Netzer kann sich vorstellen, dass das man auf der Insel die Auswirkungen der Finanzkrise besonders spürt: „Es ist durchaus möglich, dass dort irgendwann alles zusammenbricht.“

Schalkes Präsident Josef Schnusenberg hatte zuvor in seiner Eröffnungsrede vor der „Sucht nach Gigantonomie“ gewarnt und den europäischen Verband UEFA aufgefordert, den „verwilderten Wettbewerb im europäischen Fußball zu ordnen“. Es sei ein „Irrsinn“, wie sich ein Scheich Manchester City schnappe und mit Geld nur so um sich werfe. „Dieser Fußball-Kapitalismus frisst seine Fans“, so Schnusenberg. Vieles sei auf „Kredit finanziert“, die Entwicklung sei „tragisch-grotesk“. „Hinter dem Glanz und Gloria der großen Vereine türmen sich hässliche Schuldenberge.“ Die Bundesliga sieht der 67 Jahre alte Diplom-Finanzwirt und Steuerberater dagegen als „Zukunftsmodell“ mit langfristigem Wettbewerbsvorteil: „Unsere Bilanzen sind grundsolide und entsprechen dem Prinzip des ehrbaren Kaufmanns.“

Wie Netzer ist Schnusenberg strikt gegen den Einstieg fremder Investoren, auch weil „die Bilanz eines Vereins nicht nur aus Soll und Haben besteht, sondern auch aus Tradition und Leidenschaft“. Gleichwohl müsse ein Proficlub natürlich wie ein Unternehmen geführt werden. „Unsere Bundesliga trägt den Stempel Made in Germany, und diese Marke sollten wir schützen. Wir wären ja dumm, wenn wir unsere Marke fremden Eigentümern opfern würden.“ Netzer, der für die deutschen Clubs keine gravierenden Auswirkungen der Finanzkrise fürchtet, stimmte zu: „Fremde Investoren wären in der Bundesliga Fremdkörper.“ Zudem sprach er sich für Gehaltsobergrenzen bei den Fußball-Profis aus: „Dafür habe ich eine gewisse Sympathie.“

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